Schlechte Baukonjunktur in Russland hält an

Zahl der Neuprojekte gesunken / Finanzierungen fehlen / Ausweg aus der Krise nicht in Sicht

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Von Ullrich Umann Moskau (gtai) – Für die deutsche Bauindustrie verliert der russische Markt 2016 weiter an Attraktivität. Waren für deutsche Anbieter früher vorrangig das Geschäftsgebaren vor Ort und unterschiedliche Baunormen ein Problem, sind es zurzeit die Finanzierungsengpässe russischer Auftraggeber. Baumaterial und Know-how „Made in Germany“ haben nur noch eine Absatzchance, wenn sie sichtbare Alleinstellungsmerkmale aufweisen. Andere Angebote kommen durch die russische Politik der Importsubstitution nicht zum Zuge.

Die russische Bauwirtschaft befindet sich in einer schweren Krise. Ursache sind mangelnde oder völlig fehlende Finanzierungen. Die öffentliche Hand kürzt ihre Ausgaben, um Einnahmeausfälle zu kompensieren. Die Positionen „Hoch- und Tiefbau“ wurden im föderalen Haushalt 2015 um 20 bis 30% zusammengestrichen. Für 2016 sehen die Budgetansätze nicht besser aus. Auch die private Kreditvergabe an die Bauwirtschaft ist eingebrochen – um 40% in den ersten neun Monaten 2015.

Beim Bau von Wohnungen, Büros, Gewerbe- und Handelsflächen sind die Geschäftsaussichten ausgesprochen schlecht. Etwas besser sieht die Auftragslage bei Logistik- und Lagereinrichtungen aus, zumindest in den russischen Regionen (mit Ausnahme von Moskau). Dies hängt mit der Expansion von Einzelhandelsketten in die Tiefe des Landes zusammen. Dort werden begleitend moderne Logistikhubs und Kühllager benötigt.

Flughäfen werden modernisiert

Die russischen Regionen investieren nach Möglichkeit in den Ausbau ihrer Flughäfen. Das gilt vor allem für die elf Austragungsorte der Fußball-WM 2018 und jene Regionen, die ihre Attraktivität für potenzielle Investoren und für den Fremdenverkehr durch gute Flugverbindungen erhöhen wollen. Beispiele dafür sind Kaluga, Jaroslawl, Uljanowsk und Orjol. Auch in unmittelbarer Nähe zum neuen sibirischen Weltraumbahnhof „Wostotschnyj“ im fernöstlichen Gebiet Amur soll ein Flughafen entstehen.

Ausbau der Infrastruktur in Sibirien und im Fernen Osten Russlands

Im Tiefbau fließen Milliardenbeträge – wenn auch in gekürzter Form – in den Ausbau der Infrastruktur Sibiriens und des Fernen Ostens. Zu den wichtigsten Projekten gehören die Verlegung der Erdgasleitung „Sila Sibirii“ in Richtung VR China sowie die Modernisierung der Transsibirischen Eisenbahn und der Baikal-Amur-Magistrale. Außerdem sollen die beiden Schüttgut-Häfen Nachodka und Wostotschnyj ausgebaut werden. Auch die Häfen Noworossijsk am Schwarzen Meer und Kaliningrad an der Ostsee werden erweitert.

Markt für Bauleistungen, Baustoffe und -materialien schrumpft auch 2016

Insgesamt schrumpft der russische Markt für Baudienstleistungen, Baustoffe und Baumaterial voraussichtlich auch 2016. Die Behörden haben für kommendes Jahr Baugenehmigungen für 42 Mio. qm Wohnraum erteilt. Dabei handelt es sich um den schlechtesten Wert seit Jahren. Zum Vergleich: Im Jahr 2014 wurden 80 Mio. qm Wohnraum fertig gestellt; 2015 sollten es 70 Mio. qm werden. Bei Betrachtung dieser Werte wird eins schnell klar: Begonnene Vorhaben werden fertig gestellt, neue jedoch kaum noch angeschoben.

Wie schlecht es um die Baukonjunktur in Russland bestellt ist, zeigt die Statistik der ersten sieben Monate 2015. Es wurden Bau- und Montageleistungen im Wert von 2,76 Billionen Rubel (42,7 Mrd. Euro; Wechselkurs 1 Euro = 64,6478 Rubel, Stand: 31.7.2015) erbracht. Das bedeutet einen Rückgang um 7,7% im Vergleich zum analogen Vorjahreszeitraum. Im gesamten Jahr 2014 waren die Bau- und Montageleistungen auch schon gesunken – um 5,5% auf 5,98 Billionen Rubel (116,6 Mrd. Euro; Durchschnittskurs für 2014: 1 Euro = 50,5 Rubel).

Reformen sollen Projekte stabiler machen

Der Staat pumpt zwar weniger Geld in die Bauwirtschaft als in der Vergangenheit. Doch versuchen die Behörden zumindest die finanzielle Stabilität von Projekten regulativ zu stärken. So wird die bislang weit verbreitete Geschäftspraxis, wonach sich Wohnungsbaugesellschaften Projekte von ihren Kunden komplett vorfinanzieren lassen, bis 2020 stufenweise eingeschränkt. Dies führte gelegentlich zu Missbrauch. Ziel ist es, Kleininvestoren zu schützen und die Zahl der Konkursverfahren und Bauruinen zu verringern. Dieser Teilerfolg kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Bauwirtschaft auf unbestimmte Zeit in einem besorgniserregenden Zustand befindet.