„Schande und Absurdität“: Capello hat sein Geld bekommen – und was nun?

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Der Russische Fußballverband RFS hat die Gehaltsschulden gegenüber Nationaltrainer Fabio Capello beglichen – an die 400 Millionen Rubel. Oder besser gesagt: Oligarch Alischer Usmanow sprang in die Bresche, um der Peinlichkeit ein Ende zu machen. In Russland fürchtet man allerdings, dass das Problem damit aufgeschoben, aber nicht aufgehoben ist – der RFS ist pleite, bürokratisch verknöchert und damit faktisch gelähmt. Die Frage ist: Welcher Milliardär wird Capello die nächste Lohntüte reichen müssen? Und: Kann der Italiener der Sbornaja nach der verkorksten WM überhaupt noch irgendetwas mitgeben?

Usmanow, milliardenschwerer Unternehmer und Sportmäzen, hat dem Verband einen „zweckgebundenen Kredit“ gewährt, um die leidige Sache mit Capellos Gehalt erst einmal aus der Welt zu schaffen. Seine Begleitworte waren mehr als deutlich: Da war die Rede von „Absurdität“ und „Unerträglichkeit der Situation“, und RFS-Präsident Nikita Tolstych wurde „totale Unfähigkeit“ bescheinigt. Leonid Fedun, Besitzer des FC Spartak und ebenfalls engagierter Tolstych-Kritiker, ist der Meinung, „Usmanow rettet die Organisation vor der völligen Schande“. Aber er fragt sich auch: „Was wird sich ändern?“ Eine berechtigte Frage.

Der RFS steht seit Langem im Kreuzfeuer der Kritik; inzwischen ist es soweit, dass sogar Sportminister Vitali Mutko mit scharfen Worten nicht hinterm Berg hält. Unlängst kritisierte er die Entscheidung des Verbands, für den Elitefußball ab der nächsten Saison das Schema „10 plus 15“ – soll heißen: 10 Legionäre und 15 russische Staatsbürger im Kader – einzuführen. Mutko kündigte an, es werde eine Gesetzesinitiative geben, nach der jede Mannschaft in der Premierliga und Nationalen Liga (ehemals Erste Division) sechs Ausländer und fünf Russen auf den Platz bringen soll.

Die Klubs sind verwirrt, denn die Ungewissheit, welche Regel gelten wird, bringt alle Transferpläne durcheinander. Klar ist: Die hohe Politik hält Kurs auf die Entmachtung der Führungsspitze im RFS. Und das wohl nicht unberechtigt: Der Verband ist zu einem Mekka für Vetternwirtschaft verkommen und offensichtlich kaum mehr handlungsfähig.

Das Problem liegt nicht nur bei Capello

Aber nun zu Capello: Seit dem Desaster bei der WM in Brasilien, als Russland eine sehr schwache Leistung zeigte und nicht über die Gruppenphase hinauskam, steht Fabio Capello in der Kritik. Viele hatten seinen Rücktritt erwartet – mit einem Rausschmiss war nicht zu rechnen gewesen, weil der bis Sommer 2018 gültige Vertrag eine horrende Ablösesumme bei vorzeitiger Kündigung vorgesehen haben soll. Niemand weiß Genaues, aber es kursiert die Zahl von 30 Millionen Euro. Die der RFS natürlich nicht hätte, selbst wenn die finanzielle Lage nicht so desaströs wäre, wie sie sich heute darstellt.

Okay, die WM ist vorbei, aber das Schlimme ist: Auch in der Qualifikation zur Europameisterschaft 2016 läuft es nicht rund – Russland hat aus vier Spielen gerade einmal fünf Punkte geholt und droht, erneut draußen vor der Tür zu bleiben, wenn sich nichts ändert. „Capello ist uns nun etwas schuldig“ – so formuliert es der „Sport-Express“. Das am 27. März anstehende Qualifikationsspiel gegen Montenegro erhält angesichts der Tabellenlage bereits die Qualität eines „Endspiels“, von den noch kommenden Partien gegen Österreich und Schweden ganz zu schweigen.

Der bekannte russische Trainer Juri Sjomin sieht tiefere Gründe für den andauernden Misserfolg: „Ich sehe keine Korrekturen in der Arbeit nach dem Misserfolg in Brasilien. Ich höre nicht mal Gespräche darüber, eine ständige Trainingsbasis für die Nationalmannschaft einzurichten, damit sie nicht weiter von einem Hotel zum anderen zieht. Und ich verspüre nach wie vor das Unverständnis für die Probleme des Kinder- und Jugendfußballs. Es geht nur darum, ob Capello sein Geld bekommt oder nicht – als würde die Begleichung der Schulden alles andere automatisch ins Lot bringen.“

[sb/russland.RU]