Schachtjor Donezk – zerstörtes Stadion und Kantersieg in Belarus

Donezk – Die Grubenstadt Donezk im Donbass-Becken, dem „Ruhrpott“ der Ukraine wenn man so will, steht derzeit mehr in den Schlagzeilen, als ihr lieb sein kann. Täglich überschlagen sich die Meldungen über den dort herrschenden Kriegszustand, immer mehr Tote und Verletzte sind zu beklagen. Dabei hat Donezk schon durchaus bessere Zeiten gesehen, vor allem in sportlicher Hinsicht.

Jahrzehntelang galt der örtliche Fußballverein der Millionenstadt, Schachtjor Donezk, als das sportliche Aushängeschild der Ostukraine. Schon zu Sowjetzeiten konnte vier Mal der Titel des Pokalsiegers für sich beansprucht werden und auch als die Ukraine selbstständig wurde, war Schachtjor der einzige ebenbürtige Konkurrent zum Hauptstadtklub Dynamo Kiew. Neun nationale Meistertitel und ebenso viele ukrainische Pokaltriumphe zieren seitdem den Briefkopf des, vom örtlichen Milliardär Rinat Achmetow unterstützten, Bergarbeiterklubs.

2009 konnte als Sahnehäubchen sogar der UEFA-Cup in Istanbul gewonnen werden. Gegen, man höre und staune, den SV Werder Bremen. Nachdem der ukrainische Mitkonkurrent Dynamo Kiew im Halbfinale nach zwei Spielen mit 3:2 ausgeschaltet war, gelang in der Türkei mit dem 2:1 nach Verlängerung der große Wurf gegen die Weserstädter. Damit stand zum ersten Mal nach der Unabhängigkeit der Ukraine wieder ein ukrainischer Verein im europäischen Pokalfinale und belohnte sich auch noch mit dem Triumph des Titelgewinns.

Die „Donbass Arena“ zwar im Eimer, dafür die billigsten Spiele Europas

Heute liegt Donezk, wie bereits schon  Anfang der 40-er Jahre des letzten Jahrhunderts, wieder einmal in Schutt und Asche. Nur dass es diesmal nicht die deutsche Wehrmacht war, die die Stadt erneut verwüstet hat, sondern die eigene, die ukrainische Armee. Dabei haben sie doch 2009 extra zur Fußball-Europameisterschaft 2012 für 400 Millionen Dollar ein wunderschönes neues Stadion gebaut, die „Donbass Arena“. Jeweils 51.000 Menschen konnten damals fünf Spielen beiwohnen. Danach stand das Stadion für andere Großveranstaltungen zur Verfügung. Es scheint überflüssig zu erwähnen, dass der Eigentümer der Arena ebenfalls Rimat Achmetow heißt.

Doch nun liegt Achmetows ehrgeiziges Spielzimmer in Scherben. Die Spuren des Krieges sind unübersehbar, das Stadion ist schlichtweg kaputt. Schachtjor hat sowieso schon lange keine Lust mehr seine Spiele dort auszutragen und ist mittlerweile umgezogen. Ausgewandert ins rund 1.200 Kilometer entfernte Lwiw im Westen der Ukraine. Dort freuen sie sich über den amtierenden Meister, der dem, ebenfalls für den europäischen Event 2012 gebauten Stadion, nun endlich wieder Leben einhauchen soll. Doch es scheint ein teurer Spaß zu sein, für den der Milliardär Achmetow einmal mehr seine Privatschatulle öffnen muss.

Eiligst wurde eine eigene Infrastruktur für Schachtjor, dem Klub aus dem abtrünnigen Osten, im pro-ukrainischen Westen des Landes erschaffen, um die Akzeptanz des Vereins sicher zu stellen. Der obligatorische Fanshop wurde eröffnet und, um die Fans aus dem Osten bei Laune zu halten, wird kräftig subventioniert. Im Klartext bedeutet dass, das Rimat Achmetow den Anhängern aus dem Donbass quasi die Anreisekosten und die Eintrittskarten schenkt. Um ein Ligaspiel von Schachtjor Donezk zu sehen, muss man derzeit gerade einmal 90 Cent aus der eigenen Tasche für ein Ticket bezahlen. Das dürften unumstritten die billigsten Fußballspiele Europas sein.

Tore- statt Bombenhagel

Gestern Abend schienen sich die Donbass-Kicker den Frust regelrecht von der Seele zu ballern. Im weißrussischen Borisow beim Champions-League Spiel gegen BATE hagelte es Tore, wie derzeit ukrainische Bomben und Granaten auf Donezk. Hierzulande zwar gegen das fulminante 7:1 der Münchner Bayern in Rom ins Hintertreffen geraten, gewannen die Donezker allen Unbilden zum Trotz sogar mit sage und schreibe 7:0. Ja wirklich, sieben an der Zahl waren es, die durch einen eleganten Rechtsschuss des Brasilianers Alex Teixera in der 11. Minute eingeleitet wurden.

Der klug ab der Mittellinie in die Gasse gespielte Zuckerpass von Luiz Adriano, sollte der Auftakt dessen Sternstunde und jeder Menge Champions-League Rekorde sein. In der 28. Minute mähte der weißrussische Torwart Tschernik Teixera in seinem Strafraum von den Füssen, aber der sollte eh noch zur ärmsten Sau des Abends werden. Den zwangsläufigen Strafstoss verwandelte – Adriano. In der 35. Spielminute legte dann auch gleich Douglas Costa, ebenfalls Brasilianer seines Zeichens, das 3:0 zum Scheibenschiessen auf BATE hinterher. Aber eigentlich war es ja das Adriano-Spiel. 4:0 in der 38., 5:0 in der 40. – Adriano. Das 6:0 in Minute 44 erklärt sich von selbst.

Das gab’s so auch noch nie. Noch niemals ging bisher eine Mannschaft in der Geschichte der Champions-League mit 6:0 in die Pause. Noch nie gelang einem Spieler binnen acht Minuten der schnellste Hattrick aller Zeiten. Noch nie erzielte besagter Spieler vier Tore in einer Halbzeit Und noch nie nahm jemand so wenig Anteil an solch einer Rekordleistung. Dass die ersten Zuschauer in Borisow das Stadion schon zur Pause verlassen haben, muss wohl auch nicht extra erwähnt werden. Sie haben auch nichts weiter versäumt. Außer vielleicht noch einem Tor, von wem wohl, zehn Minuten vor dem offiziellen Ende der Partie. Adriano schießt fünf Tore und damit sogar den Wunderfußballer Lionel Messi vom Sockel der Torjäger-Statistik.

Angesichts der Tatsachen im Osten der Ukraine wird dieses historische Spiel jedoch leider nur eine Randnotiz bleiben und lediglich in die Analen der Sportrekorde eingehen. Denn, die Krise dort wird es beileibe auch nicht kitten können, auch wenn es ein bunter Abend war…

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.