Russlandversteher ohne Putin-Fan

Der Unsinn einer Zusammenarbeit verständiger Russlandfreunde mit nationalen „Putin-Verstehern“

Wenn man Verständnis oder „gar“ Sympathien für Russland als solches hat, könnte einem angesichts der einseitigen Berichterstattung der deutschen Mainstream-Medien über das Land oder auch den Ukraine-Konflikt oft schlecht werden. Wenn man manchmal einige der Leute näher anschaut, die im deutschsprachigen Raum radikal „prorussisch“ argumentieren, aber auch.

Zwei Arten von „Russlandverstehern“

Wenn sich Leute in der aktuellen konfliktträchtigen Zeit auch durchaus einmal prorussisch positionieren, kann man eigentlich zwei Gruppen unterscheiden. Die einen tun das aus eher internationalen Motiven und oft irgend einer eigenen Beziehung zum Land. Sie verstehen den internationalen Mächtekonflikt, der zwischen dem „Westblock“ und Russland mit seinen Verbündeten stattfindet und wie stark etwa die Berichterstattung in großen deutschen TV-Sendern von der einseitigen westlichen Sicht geprägt sind, die bis in eine starke Ideologisierung geht – das eigene „Überlegenheitsgefühl“ (nur ohne Überlegenheit). So denkende Menschen stammen politisch häufig aus dem linken Spektrum, sind ungebunden oder Anhänger der Linkspartei oder gehören vielleicht auch zu der kleinen, aber existenten Minderheit von Sozialdemokraten, die sich dem antirussischen Mainstream nicht anschließen. Viele sind aber auch unpolitisch, kennen vielleicht Russland nur aus eigener Erfahrung, persönlichen Kontakten oder eigener Abstammung und wissen, dass es sich hier eben nicht um das „Reich des Bösen“ handelt. Zur Regierungspolitik von Putin und seiner Partei „Einiges Russland“ haben sie ein eher gespaltenes Verhältnis. Zwar wissen sie um die Verdienste, wie etwa den großen wirtschaftlichen Aufstieg des Landes, den die Bevölkerung täglich deutlich spürt oder die Eindämmung der Macht der Oligarchen. Aber sie bestreiten auch nicht die negativen Seiten, wie den immer größeren Mangel an Pressefreiheit oder die ebenso große Einseitigkeit der russischen Mainstream-Medien, wenn es um die Darstellung internationaler Konflikte geht.

Es gibt aber auch noch die andere, mindestens ebenso große Gruppe im deutschsprachigen Raum und Internet, die Russland eher aus nationalistischen – „patriotischen“ – Gründen unterstützt. Hier steht Russland als Nation im Vordergrund, die einem „internationalen“ Konglomerat aus USA und EU trotzt. Beides sind Todfeinde eines national denkenden Menschen, sei er nun eher ein rechter Konservativer oder aber ein offener Neonazi. Die Grenzen zu verschiedenen Spielarten von Verschwörungstheoretiker sind dabei erstaunlich fließend. Ebenso sollte nach dieser Auffassung Deutschland der EU national trotzen und „wieder groß und frei werden“. Es gibt in dieser Gruppe ebenso Leute, die sehr viel Kontakt zu Russland haben, als auch gar keinen und die Sympathie in diesem Konflikt eher pragmatisch sehen. Ganz radikal unterscheidet sich diese Gruppe von der ersten bei ihrer Einstellung zum „System Putin“, das hier durchweg positiv gesehen wird. Das ist gar nicht so verwunderlich, handelt es sich bei der Regierungspartei „Einiges Russland“ doch um eine zutiefst national-konservative Partei, die von einer solch nationalistischen Sichtweise nicht so weit entfernt steht. So werden auch Meldungen der staatlich-russischen Medien von dieser Gruppe nicht nur geglaubt, sondern sogar als anti-Mainstream verkauft unter Verdeckung der Tatsache, dass es sich hier nur um einen „anderen“ Mainstream handelt, der nur deswegen oft Fakten berichtet, die im westlichen absichtlich unter den Tisch fallen. Auch im Umfeld dieser Gruppe gibt es viele gar nicht so politische Menschen, die die Widersprüchlichkeiten der Westmedien dennoch erkannt haben, nach einer „alternativen“ Sicht der Dinge suchen und dabei ins „Fahrwasser“ dieser nationalistischen Gruppe der Putin-Fans geraten sind – wie als Teilnehmer der viel zitierten Montagsdemos. Bezeichnend ist, dass die zunehmend konservativen russischen Staatsmedien im deutschsprachigen Raum mittlerweile auf eine offene Zusammenarbeit genau mit dieser Gruppe setzen, wie sich recht deutlich an den Verbindungen des zentralisierten russischen Auslandssenders „Russia Today“ zu den Aktivisten der in diesem Bereich sehr starken „Elsässer-Gruppe“ zeigt, der gerade eine von dieser Gruppe heiß ersehnte deutschsprachige Sektion aufbaut.

Was tun als Nicht-Nationalist?

Dem nicht-national denkenden „Russlandversteher“ stellt sich nun die Frage, ob man mit der auch online mächtigen zweiten Gruppe im Sinne des gemeinsamen Zieles zusammenarbeiten soll oder nicht. Hier für ein „Nein“ zu plädieren, bringt einem natürlich sogleich den Vorwurf des „Spalters“ ein, denn man ist als Mensch mit Verständnis für die russische Sicht der Dinge ja ohnehin hierzulande in der Minderheit und steht noch dazu einem mächtigen Konglomerat aus ideologisiert-überzeugten Mainstream-Medien und –Politikern gegenüber, die 80-90% der Bänke des Bundestags füllen. Wie stellt dieser Mainstream die Gruppe der „prorussischen“ Deutschen dar? Eigentlich gar nicht, bis auf zwei Ausnahmen – eben die „radikal rechten“ Putinfans und die „bezahlten“ Kreml-Gänger. Auch die erste Gruppe – an sich für den Mainstream der ernst zu nehmendere Fein, wird notfalls in diese Richtung „geschrieben“. Wenn man sich nun als nicht-nationaler auf eine Kooperation mit diesen Leuten trotz unterschiedlicher Sichtweise einlässt, verwischt man auch die Unterschiede und stützt damit diese Propaganda. Ist es da nicht sinnvoller, sich als Nicht-Putin-Fan und doch „Russlandversteher“ zu positionieren und damit zu zeigen, dass eben nicht nur „Kremlaktivisten“ und Verschwörungstheoretiker die Dinge anders sehen, als die von sich so überzeugten Mainstream-Journalisten?

Es gibt auch historische Parallelen zu einer komplett anderen Situation, die eine solche Abgrenzung unterstützen. So entstand im sozialistischen Lager der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts unter dem Druck des Nationalsozialismus die Forderung nach einer „Einheitsfront“, die nach dessen Ende im Osten Deutschlands auch – mit einer Portion Zwang – zustande kam. Was war deren Ergebnis? Dass er weniger ideologisierte Sozialdemokratische Teil innerhalb weniger Jahre kalt gestellt wurde und in der Wahrnehmung schon bald völlig unter ging. Gegenüber den westlichen Sozialdemokraten, die der Einheitsfront fern blieben, wirkten die Ost-Sozis, die sich oft mit gutem Grund der Front anschlossen, im Nachhinein einfach nur als „die Dummen“. Man muss aber nicht in die Geschichte schauen, um zu begreifen, dass die Abgrenzung von „Russlandverstehern“ gegenüber „Putin-Fans“ Not tut – finden sich doch in den Reihen letzterer durchaus eine ganze Reihe offener Neonazis (ich sage hier nicht, dass alle welche sind, aber dabei sind sie unbestritten). Nun ist eine der wichtigsten krititikwürdigen Eigenschaften an der Euromaidan-Regierung oder auch am prowestlichen Teil der russischen Opposition (es gibt ja noch andere) deren offenes Bündnis mit dortigen Neofaschisten. Wie will man aber glaubwürdig so etwas kritisieren, wenn man selbst aus einem anderen Grund ein ähnliches Bündnis eingeht, das unter anderem Faschisten einschließt, egal wie groß ihr Anteil ist?

Deshalb sei dieser Appell an all jene gerichtet, die verstanden haben, dass bei der deutschen Berichterstattung im Bezug auf Russland etwas falsch läuft und sich jetzt fragen, wem sie „glauben sollen“. Einfach so „glauben“ sollte man wohl niemand, sich aber an denen orientieren, die auch im Bezug auf die Regierung von Russland nicht die „rosa Brille“ aufhaben, auch wenn sie sich dem Land verbunden fühlen. Solidarisieren sollte man sich dabei untereinander schon – aber nicht mit denen, die langfristig gesehen durch ihre umgekehrte Ideologisierung der Verständigung zwischen Deutschland und Russland eher schaden als nützen. Spätestens wenn es auch zwischen Deutschland und Russland unterschiedliche „nationale“ Interessen gibt, wird dieser Teil der „Russlandversteher“ Russland ganz schnell nicht mehr verstehen.

Roland Bathon, russland.RU

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.