Russlands Wirtschaft wächst 2017 leicht

Vieles hängt von der Geopolitik ab

(Von Ullrich Umann gtai) Russlands Wirtschaft kehrt zum Wachstum zurück. Die Regierung arbeitet an der Verbesserung des Investitionsklimas, doch grundlegende Reformen bleiben aus. Das weist darauf hin, dass staatlicher Dirigismus weiterhin die Dinge richten soll. Einheitliche Regeln für alle Unternehmen sind dabei nicht vorgesehen. Deutsche Firmen werden jedoch generell korrekt behandelt. Lieferchancen bestehen für Chemieanlagen, Ausrüstungen für die Öl- und Gasindustrie, teils im Maschinenbau und in der Elektroindustrie.

Für 2017 wird eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,5 bis 1,7% erwartet. Über die Nachhaltigkeit des Wachstums wird aber gestritten. Das Wirtschaftsministerium spricht von einer durchschrittenen Talsohle, wogegen das Finanzministerium die Wirtschaft im Auge eines (geopolitischen) Wirbelsturms wähnt.

Es wäre demnach nur eine Frage der Zeit, wann der Sturm wieder einsetzt. Denn steigende Haushaltsprobleme und abschmelzende Reserven schwächen die Investitionskraft des Staates. Zudem bleibt die Nachfrage seitens der Privathaushalte schwach. Reallohnzuwächse fallen bis auf Weiteres gering aus.

Landwirtschaft und Bergbau legen zu

Die Landwirtschaft wirkte stabilisierend mit einem Plus von 4,8% im Jahr 2016. Die Industrie insgesamt schrieb mit 1,1% leicht schwarze Zahlen. Doch speziell die verarbeitende Industrie fand mit 0,1% noch keinen echten Ausweg aus der Krise. Noch schlechter schnitt die Bauwirtschaft mit -4,3% ab. Dagegen kehrte der Bergbau mit 2,5% auf den Wachstumspfad zurück. Besonders der Kohlebergbau legte zu um 3,4% (laut Rosstat) beziehungsweise 3,2% auf 385,4 Mio. Tonnen Kohle (laut Dispatcherzentrale TEK).

Die verschiedenen Maschinenbausparten bieten kein einheitliches Bild. Hersteller von Landtechnik profitieren von der guten Agrarkonjunktur. Außer- dem legen Hersteller von Nutzfahrzeugen und Güterwaggons zu. Auch die Chemieanlagenbauer erhalten umfangreiche Aufträge, vor allem aus der Kunststoff- und Petrochemie. Darüber hinaus zieht die Produktion von Metall bearbeitenden Werkzeugmaschinen an, befeuert von staatlichen Beihilfen und flankiert von Importsubstitution.

Dagegen erweist sich die Lage der Pkw-Hersteller alles andere als rosig, worunter die gesamte Zulieferindustrie leidet. Vertreter der Automobilindustrie äußern jedoch die Hoffnung, dass der Fahrzeugabsatz 2017 wieder leicht wächst. Einerseits erreichen viele Fahrzeuge ein Betriebsalter von zehn Jahren oder mehr, was zu einem erhöhten Austauschbedarf führt. Andererseits lassen die Rückgänge bei den privaten Konsumausgaben nach.

Bis 2030 werden in Russland 65,32 Mrd. US$ (etwa 61,7 Mrd. Euro) in 20 große Wohnungsbauprojekte investiert, berichtet der Kommersant. Das teuerste Siedlungsprojekt entsteht in Jekaterinburg. Mit einer signifikanten Erholung der Baukonjunktur kann 2017 aber nicht gerechnet werden, da der Staat als größter Bauinvestor mit seinen knapper gewordenen Haushaltsmitteln vorerst andere Wirtschaftszweige fördert.

Investitionen steigen leicht

Die Investitionen werden 2017 leicht zulegen um 1,2 bis 2,0%. Praktisch lief der Kapitalstock seit Verhängung der Wirtschaftssanktionen – zeitlich flankiert vom Ölpreisverfall – bis auf wenige Ausnahmen auf Verschleiß. Der Staat kann 2017 wegen Haushaltsengpässen nur ausgewählte Sektoren finanziell fördern. Für diese Zwecke stellt das Ministerium für Industrie und Handel 2,8 Mrd. Euro bereit.

Zu den Schwerpunktbranchen der staatlichen Industriepolitik gehören Chemie, Bergbau, Maschinen- und Fahrzeugbau, Flugzeugindustrie, IT und Telekommunikation, Elektronik, Lederwaren und Schuhe, Textil und Bekleidung. Es ist davon auszugehen, dass sich auch die inzwischen exportfähig gewordenen Branchen Holz, Zellulose und Papier 2017 gut entwickeln – der billige Rubel wirkt als Katalysator.

Wachstum, ob durch Staatshilfen oder den billigen Rubel erzeugt, ruft das Interesse privater Investoren auf den Plan. Aktuell fließen umfangreiche private Finanzmittel in Agrarholdings, die Öl- und Gasindustrie, die (petro-)chemische Industrie, die Zellulose- und Papierindustrie. Internationale Markenhersteller entdecken aktuell sogar die russische Bekleidungsindustrie, die in der Vergangenheit als unwiederbringlich abgeschrieben galt. So rutschten die Durchschnittslöhne für Näherinnen infolge der Rubelabwertung unter chinesische Vergleichswerte.

Öl-, Gas- und Kohlechemie wachsen

Die kapitalkräftige Öl- und Gasindustrie muss in die Erschließung von Lagerstätten im Fernen Osten, im hohen Norden und im Schelf investieren, um die Fördermengen mittelfristig halten zu können. Auch in die Gasverflüssigung wird verstärkt investiert. Denn nur so lassen sich Exporte diversifizieren und bislang unerreichbare Gasmärkte, darunter in Südostasien, beliefern.

Um chemische Zwischen- und Endprodukte mit höheren Margen produzieren und die eigene Chemieindustrie mit Ausgangsmaterialien aus heimischen Quellen besser beliefern zu können, entstehen Anlagen der Petrochemie und der Industriegaserzeugung. Davon profitiert auch die Kunststoffproduktion und -verarbeitung, die ihre Kapazitäten bereits seit Längerem ausbaut.

Für die umfangreichen Kohlevorkommen plant die Regierung ebenfalls eine verstärkte Weiterverarbeitung, nachdem der Export von Energie- und Kokskohle an Transportengpässe im Fernen Osten stößt. Durch Tiefenveredlung des Energieträgers in der Chemieindustrie soll der Absatz im eigenen Land gesichert werden. Abgeleitet von dieser Regierungsvorgabe sind mittelfristig umfangreiche Projekte zu erwarten.

Konsum erholt sich 2017

Der Konsum könnte 2017 leicht wachsen um 0,6 bis maximal 2,9%. Denn die Reallöhne steigen bereits wieder, wenn auch nur um winzige 0,6% im Jahr 2016. Die Inflation der Verbraucherpreise betrug 2016 geschätzte 5,4%. Im Jahr 2015 hatte diese noch bei 12,9% gelegen. Das durchschnittliche Zinsniveau für Konsumentenkredite ist gesunken. Bei Kfz-Finanzierungen liegen die Zinskosten dank staatlicher Zuschüsse und der Absatzförderprogramme der Automobilhersteller teilweise sogar unterhalb des Inflationsniveaus.

Dennoch werden auch 2017 zahlreiche Unternehmen angesichts eigener finanzieller Engpässe Lohnerhöhungsrunden überspringen oder nur unterdurchschnittliche Anhebungen gewähren. Vor allem der russische Mittelstand musste 2016 seinen Konsum einschränken und wird auch 2017 vorsichtig agieren.