Russlands SPIEF-Bilanz: Souveränität als Erfolgserzählung — und ihre hohen Kosten

Das Petersburger Wirtschaftsforum sollte zeigen, dass Russland weder isoliert noch wirtschaftlich am Ende ist. Tatsächlich präsentierte der Kreml eine Bühne voller Zahlen, Verträge und neuer Partner. Doch zwischen Finanzsouveränität, hohen Zinsen, Arbeitskräftemangel und Drohnenalarm wurde sichtbar, wie angespannt die neue Normalität bleibt.

Das Petersburger Internationale Wirtschaftsforum 2026 stand unter dem Motto „Pragmatischer Dialog – Weg zu einer stabilen Zukunft“. Schon dieses Motto war Programm: Moskau wollte weniger über Krise sprechen als über Anpassung. Nach offiziellen Angaben wurde das Forum vom 3. bis 6. Juni in St. Petersburg mit Vertretern aus mehr als 130 Ländern und Gebieten abgehalten; erwartet worden waren rund 20.000 Teilnehmer, am Ende meldeten die Organisatoren sogar mehr als 24.500 Teilnehmer aus 142 Ländern.

Für Russland ist das SPIEF seit Jahren mehr als eine Wirtschaftskonferenz. Es ist die jährliche Bühne, auf der der Kreml demonstrieren will, dass Russland trotz Krieg, Sanktionen und westlicher Distanzierung anschlussfähig bleibt. In diesem Jahr fiel besonders auf, dass Saudi-Arabien den Status eines Gastlandes hatte und mit einer großen Delegation vertreten war. Russland und Saudi-Arabien kündigten rund 30 Kooperationsabkommen an, unter anderem in Energie, Bildung und Tourismus. Vorausgegangen war bereits die gegenseitige Aufhebung der Visumpflicht, die im Mai 2026 in Kraft trat.

Auch die USA waren wieder ein Thema — allerdings eher symbolisch als politisch schwergewichtig. Erstmals seit 2018 wurde eine amerikanische Delegation erwartet, angeführt von Rodney Mims Cook Jr., dem Vorsitzenden der US Commission of Fine Arts. Cook nahm an der Sitzung „Russland – USA: Dialog der Kulturen“ teil. Westliche Medien werteten dies weniger als diplomatischen Durchbruch denn als auffälliges Zeichen, dass Moskau jede westliche Präsenz als Beleg gegen die eigene Isolation nutzen kann.

Der offizielle wirtschaftspolitische Ton wurde vor allem von Finanzminister Anton Siluanow, Präsidentenberater Maxim Oreschkin, Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow und Vizepremier Alexander Nowak gesetzt. Die Kernaussage lautete: Russland habe den Schock der Sanktionen nicht nur überstanden, sondern eine neue, souveränere Wirtschaftsordnung aufgebaut. Siluanow sprach von „absoluter finanzieller Souveränität“, da Russland nicht mehr davon abhängig sei, ob Drittländer oder internationale Finanzinstitutionen Geld geben. Der russische Auslandsstaatsschuldenstand liege nur noch bei rund zehn Prozent und solle bald vollständig getilgt werden.

Dazu passte die Darstellung des Haushalts. Siluanow sagte, die Lage verbessere sich nach einem schwierigen ersten Quartal. Trotz zweier Steuerpakete habe die Regierung „nicht überzogen“; Mehrwertsteuer und Gewinnsteuer entwickelten sich besser. Gleichzeitig sprach er davon, dass Russland wieder Möglichkeiten sehe, den Nationalen Wohlfahrtsfonds aufzufüllen, nachdem seit 2022 erhebliche Mittel zur Finanzierung von Haushalt und Wirtschaft eingesetzt worden waren.

Doch genau hier begann der zweite, weniger glatte Teil der SPIEF-Botschaft. Denn die russische Wirtschaftspolitik bewegt sich in einem engen Korridor: Der Rubel soll berechenbarer werden, der Haushalt braucht Einnahmen, die Inflation soll sinken, Investitionen sollen wieder anspringen — und all das bei hohen Zinsen, Arbeitskräftemangel und einer Wirtschaft, die bereits stark ausgelastet ist. Siluanow kündigte eine Rückkehr zu einer Politik des vorhersehbareren Rubelkurses an. Reschetnikow verwies darauf, dass die Rahmenbedingungen für das zweite Halbjahr faktisch bereits gesetzt seien und mögliche Zinssenkungen der Zentralbank erst im ersten Halbjahr 2027 spürbar auf die Wirtschaft wirken dürften.

Besonders deutlich wurde die Spannung beim Thema Arbeit. Reschetnikow nannte die Lage auf dem Arbeitsmarkt „kompliziert“. Die offiziell sehr niedrige Arbeitslosigkeit von 2,2 Prozent sei einerseits ein Zeichen von Beschäftigung, andererseits aber auch ein Problem für Arbeitgeber, weil in vielen Bereichen Personal fehle. Zugleich argumentierte er, Russland habe noch Spielraum für steigende Löhne, weil der Anteil der Arbeitseinkommen am BIP vergleichsweise niedrig sei. Die Regierung versucht damit, eine schwierige Balance zu formulieren: höhere Löhne als soziales und politisches Versprechen, aber ohne neue Inflationswelle und ohne Produktivitätsproblem.

Auch Alexander Nowak widersprach der These, das russische Wachstumsmodell sei erschöpft. Er nannte diese Sichtweise eine „Extremposition“ und verwies auf rund zehn Prozent Wirtschaftswachstum in drei Jahren sowie positive Entwicklungen in IT, Landwirtschaft und Maschinenbau. Zugleich benannte er selbst die zentralen Hebel für weiteres Wachstum: höhere Arbeitsproduktivität, technologische Veränderungen, bessere Bedingungen für Unternehmen und eine Umlenkung von Arbeitskräften. Investitionen, so Nowak, würden aber erst wieder stärker anspringen, wenn die Schlüsselrate sinke; die realen Zinsen seien weiterhin hoch.

Damit zeigte sich auf dem Forum ein bemerkenswerter Widerspruch: Einerseits betonten Regierungsvertreter immer wieder, Russland müsse nicht mehr auf eine Aufhebung westlicher Sanktionen warten. Oreschkin sagte, die alte Welt werde nicht zurückkehren; Russland müsse von einer defensiven Haltung gegenüber dem Westen zu einer aktiveren, stärker auf eigene Reformen und neue Partner ausgerichteten Politik übergehen. Andererseits ist die neue Wirtschaftsrealität keineswegs kostenfrei. Sie beruht auf hohen Militärausgaben, Umleitung von Handel, teurer Finanzierung und einem angespannten Arbeitsmarkt.

Putins Auftritt fügte diese Linien zur großen Erzählung zusammen. Der Präsident beschrieb die globale Ordnung als im Umbruch: Die westlich dominierte Finanzarchitektur verliere Vertrauen, die BRICS-Staaten gewännen Gewicht, Russland profitiere von der Bewegung hin zu einer multipolaren Welt. Nach Darstellung von The Bell hob Putin hervor, dass die BRICS-Staaten in den vergangenen fünf Jahren 49 Prozent zum Wachstum des Welt-BIP beigetragen hätten, die G7 dagegen nur 18 Prozent. Für Russland nannte er unter anderem ein BIP-Plus von 1,3 Prozent im April, erwartete Jahresinflation von 5,2 Prozent, Arbeitslosigkeit von 2,2 Prozent, ein Staatsschuldenniveau von 16,4 Prozent des BIP und einen Rubelanteil von 65 Prozent an den Exportabrechnungen.

Inhaltlich setzte Putin auf technologische Souveränität. Künstliche Intelligenz, autonome Systeme und Plattformlösungen nannte er als Schlüsseltechnologien der Zukunft. Länder ohne eigene Plattformen drohten zur „digitalen Peripherie“ zu werden. Diese Formulierung passt zum Grundton des Forums: Russland will sich nicht als abgeschottete Festung darstellen, sondern als eigener Pol in einer neuen Weltwirtschaft. Doch gerade dieser Anspruch macht sichtbar, wie hoch die Anforderungen sind — technologische Unabhängigkeit lässt sich nicht allein durch politische Parolen herstellen.

Die demonstrative Vertragsbilanz diente ebenfalls der Erfolgserzählung. Zum Abschluss meldeten die Organisatoren 1.084 Vereinbarungen im Gesamtwert von 6,642 Billionen Rubel. St. Petersburg allein habe 74 Vereinbarungen über mehr als 730 Milliarden Rubel abgeschlossen. Solche Zahlen gehören zur Dramaturgie des SPIEF: Sie zeigen Aktivität, sagen aber noch wenig darüber, welche Projekte tatsächlich umgesetzt werden und wie stark sie die strukturellen Probleme der russischen Wirtschaft lösen.

Neben der offiziellen Wirtschaftssprache gab es auch ideologische Randtöne, die viel über die Atmosphäre im heutigen Russland erzählen. Meduza berichtete über den Auftritt des orthodox-nationalistischen Unternehmers Konstantin Malofejew, der auf dem SPIEF Zukunftsszenarien für Russland präsentierte. In einem als „gut“ bezeichneten Szenario tauchten unter anderem ein nuklearer Schlag im Jahr 2036, die Zerschlagung der EU, die Eroberung Kiews und Odessas sowie eine neue Verfassung auf. Solche Entwürfe sind nicht Regierungspolitik im technischen Sinn, zeigen aber, wie selbstverständlich extreme geopolitische Fantasien inzwischen auf wirtschaftspolitischen Bühnen mitlaufen können.

Auffällig war auch die Abwesenheit von Zentralbankchefin Elwira Nabiullina. Offiziell nahm sie krankheitsbedingt nicht am SPIEF teil; Kommersant berichtete zudem, sie werde an der Verabschiedung des am 3. Juni verstorbenen früheren IWF-Exekutivdirektors und Beraters der Zentralbank, Alexej Moschin, teilnehmen. Ihre Abwesenheit war dennoch bemerkenswert, weil die Geldpolitik — hohe Zinsen, Inflation, Investitionsbremse — eines der unausgesprochenen Hauptthemen des Forums blieb.

Der Krieg blieb im offiziellen SPIEF-Rahmen weitgehend am Rand, holte das Forum aber dennoch ein. Am letzten Tag meldeten The Moscow Times und The Bell eine große ukrainische Drohnenwelle gegen Russland, darunter St. Petersburg und das Leningrader Gebiet. Nach russischen Angaben wurden landesweit Hunderte Drohnen abgefangen; über dem Leningrader Gebiet sollen es mehr als 140 gewesen sein. Der Petersburger Gouverneur Alexander Beglow rief die Einwohner zeitweise auf, nicht auf die Straße zu gehen. The Bell berichtete außerdem über Verletzte in St. Petersburg und im Leningrader Gebiet sowie über mutmaßliche Ziele wie Kronstadt, eine Ölbasis in Peterhof und ein Forschungsinstitut in Lomonossow.

Damit erhielt das Forum eine bittere Klammer. Auf der Bühne sprach der Kreml über Stabilität, Souveränität, neue Märkte und technologische Zukunft. Draußen erinnerte der Krieg daran, dass diese Zukunft unter Bedingungen entsteht, die alles andere als stabil sind. Auch westliche Beobachter hoben diesen Kontrast hervor: Die taz beschrieb Putins Auftritt als Wiederholung bekannter Erfolgserzählungen, während der Krieg gegen die Ukraine nur am Rand vorkam.

Das SPIEF 2026 zeigte deshalb nicht einfach eine starke oder eine schwache russische Wirtschaft. Es zeigte eine Wirtschaft, die sich angepasst hat, aber für diese Anpassung einen hohen Preis zahlt. Russland hat neue Handelswege, neue Partner und eine eigene Sprache der Souveränität gefunden. Gleichzeitig bleiben die Engpässe offensichtlich: zu wenig Arbeitskräfte, teures Geld, gebremste Investitionen, technologischer Nachholbedarf und ein Krieg, der selbst beim wichtigsten Wirtschaftsforum des Landes nicht ganz ausgesperrt werden kann.

Die eigentliche Bilanz lautet daher: Moskau kann Isolation widerlegen, solange genug Gäste nach St. Petersburg kommen. Es kann Widerstandsfähigkeit demonstrieren, solange die Haushaltszahlen und Vertragssummen stimmen. Aber das SPIEF zeigte auch, dass „Souveränität“ in Russland längst nicht nur Unabhängigkeit bedeutet. Sie bedeutet auch: immer mehr Lasten selbst tragen zu müssen.

 

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