Russlands Reisebranche gerät 2026 von mehreren Seiten unter Druck. Nach einem schwachen ersten Quartal bei Reisebüros und Hotelbuchungen warnt nun auch die Vereinigung der russischen Reiseveranstalter ATOR vor einem deutlichen Rückgang im Einreisetourismus. Der ausländische Touristenstrom nach Russland könnte in diesem Jahr um 19 bis 20 Prozent sinken. Als Hauptgrund nennt ATOR die militärische Eskalation im Nahen Osten.
Nach Angaben von ATOR waren Länder des arabischen Ostens 2025 noch wichtige Herkunftsmärkte für ausländische Besucher in Moskau und St. Petersburg. Seit Beginn der neuen Krise seien jedoch alle Reisegruppen aus der Region storniert worden. Zusätzlich belaste der Rückgang von Touristen aus Südostasien den Markt, da viele von ihnen bislang über Dubai und andere Drehkreuze am Persischen Golf nach Russland gereist seien.
Damit trifft die Nahost-Krise nicht nur russische Urlauber, die ins Ausland reisen wollen, sondern auch jene Unternehmen, die auf ausländische Gäste in Russland setzen. Besonders problematisch ist für die Branche, dass selbst erleichterte Visaregeln die Verluste offenbar nicht ausgleichen. Normalerweise könne eine Lockerung der Visabestimmungen laut ATOR im ersten Jahr zu einem Wachstum des Touristenstroms um 30 bis 90 Prozent führen. Im Fall chinesischer Touristen sei dieser Effekt für Russland aber ausgeblieben.
ATOR-Direktorin Maja Lomidse verwies darauf, dass es in Moskau und St. Petersburg „keine plus 30 Prozent“ gebe. Chinesische Touristen achteten sehr stark auf Sicherheitsfragen. Spürbares Wachstum gebe es demnach vor allem in Grenzregionen. Neben Sicherheitsbedenken nennt ATOR weitere Hemmnisse: den starken Rubel, der Reisen nach Russland für Ausländer verteuert, zu wenige internationale Direktflüge, die fehlende Nutzbarkeit ausländischer Bankkarten sowie den Mangel an gewohnten digitalen Diensten für Touristen.
Bereits Anfang April hatte Kommersant über schwache Zahlen im russischen Reisemarkt berichtet. Im ersten Quartal 2026 sank die Nachfrage nach Dienstleistungen von Reiseagenturen um 6 Prozent. Hotelbuchungen gingen sogar um 18 Prozent zurück. Auslöser war nach Angaben der Branche vor allem der Einbruch des Auslandsreisemarktes nach Beginn der Kämpfe im Nahen Osten. Allein die Einschränkungen bei Reisen in die Vereinigten Arabischen Emirate und andere beliebte Länder der Region hätten den Markt im März um mindestens 30 Prozent gedrückt.
Auch einzelne Anbieter meldeten deutliche Verluste. Beim Reiseveranstalter „Russki Express“ ging das gesamte Verkaufsvolumen im März im Jahresvergleich um 35 Prozent zurück. Zwar gibt es Hinweise auf eine teilweise Erholung des Auslandsreisemarktes, doch die Verkäufe bleiben nach Einschätzung von ATOR zurückhaltend. Belastend wirken demnach der stärkere Rubel und steigende Flugkosten infolge höherer Treibstoffpreise.
Der Inlandstourismus konnte die Verluste nicht auffangen. Nach Angaben des Reiseveranstalters „Delfin“ sanken die Buchungen innerhalb Russlands im ersten Quartal um 4 bis 5 Prozent. Zwar legten einzelne Ziele wie Anapa und die Krim zu, doch andere Regionen verloren deutlich: Sotschi verzeichnete ein Minus von 8 Prozent, Dagestan sogar von 20 Prozent. Als Gründe werden Probleme an Flughäfen im Süden Russlands sowie vor allem die sinkende Kaufkraft genannt. Gerade kurze Reisen in der Nebensaison seien das Erste, worauf sparsame Verbraucher verzichteten.
Für die Branche entsteht damit eine ungewöhnlich schwierige Lage: Der Auslandsreisemarkt leidet unter geopolitischen Risiken und höheren Kosten, der Inlandstourismus unter Kaufkraftproblemen und Verkehrseinschränkungen, während der Einreisetourismus zusätzlich durch Sicherheitsbedenken, fehlende Direktverbindungen und technische Hürden gebremst wird.
ATOR hofft zwar, einen Teil der Ausfälle durch Gäste aus Malaysia, Indonesien, Thailand und Indien kompensieren zu können. Doch die strukturellen Probleme bleiben bestehen. Für ausländische Besucher ist Russland derzeit nicht nur schwerer erreichbar, sondern auch weniger bequem: Kartenzahlungen funktionieren häufig nicht, digitale Dienste sind eingeschränkt, und die touristische Werbung im Ausland reicht nach Einschätzung der Branche nicht aus. Lomidse formulierte es deutlich: Touristen müssten verstehen, warum sie gerade nach Russland reisen sollten. In diesem Bereich gebe es noch einiges „nachzujustieren“.
Damit wird der Tourismus zu einem weiteren Beispiel dafür, wie stark außenpolitische Krisen, Sanktionen, Infrastrukturprobleme und sinkende Kaufkraft ineinandergreifen. Für Russland ist das besonders heikel, weil der Staat in den vergangenen Jahren den Inlandstourismus und den Besucherverkehr aus befreundeten Staaten stärker fördern wollte. Die aktuellen Zahlen zeigen jedoch: Visalockerungen allein reichen nicht aus, wenn Flüge fehlen, Zahlungen schwierig sind und Sicherheitsbedenken das Reiseverhalten bestimmen.

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