Russlands Ölindustrie sucht Technologielieferanten in Asien

Wichtigster Partner wird die VR China / Westliche Unternehmen legen Vorhaben auf Eis

[Von Ullrich Umann Moskau-gtai] – Russlands Ölindustrie ist durch die Sanktionen der USA und der EU von Technologielieferungen abgeschnitten. Auf der Suche nach alternativen Herstellern wendet sich der Blick nach Asien. Inländische Produzenten können nur einen Bruchteil der notwendigen Technik für die Erdölförderung liefern. Anstatt zusätzliche Aufträge zu erhalten, besteht für russische Hersteller die Gefahr, der neuen asiatischen Konkurrenz nicht standhalten zu können.

Russlands Ölförderung könnte mittelfristig ins Stocken geraten. Zu dieser Schlussfolgerung kam das Ministerium für Industrie und Handel in Auswertung der aktuell bestehenden Sanktionen. Russische Ölfirmen sind zu mehr als 80% von Ausrüstungsimporten abhängig. Diese Zulieferungen durch inländische Technologien teilweise oder vollständig zu ersetzen, gelingt nach Ansicht der Ministerialbeamten nicht vor 2018. Dazu müssten in der heimischen Industrie Kapazitäten geschaffen werden.

Die Ölbranche sucht kurzfristig nach alternativen Lieferanten. Diese finden sich beispielsweise in der VR China, Indien, Singapur und in Korea (Rep.). Nach Angaben der Ministerien für Industrie und Handel sowie Energie, aber auch von russischen Ölkonzernen wie Rosneft und Lukoil, beträgt die Importabhängigkeit unter anderem bei Ausrüstungen zur Erschließung der Arktis, zur Förderung von Schieferöl und bei branchenspezifischer Software 90%.

Es handelt sich dabei um spezielle Pumpen und Kompressoren, Ausrüstungen zur geologischen und seismographischen Erkundung, Steuersoftware, Automatisierungstechnik sowie um Hardware zur Erschließung und zum Betreiben von Offshore- und Schieferöl-Vorhaben. Gerade bei diesen Produkten setzen die Sanktionen der USA und der EU an. Kurzfristig scheinen die negativen Auswirkungen auf die Ölförderung in Russland noch überschaubar. Mittel- bis langfristig könnte die geförderte Menge aber empfindlich sinken, wenn Reparaturen an Anlagen nicht durchgeführt und neue Förderstätten nicht erschlossen werden.

Aktuell stellen in Russland etwa 200 Unternehmen Ausrüstungen für die Öl- und Gasförderung her. Um Importe zu substituieren, müssten die Firmen ihre Kapazitäten stark ausweiten. Das nimmt Jahre in Anspruch. Von den eingeführten wichtigsten 45 Warenpositionen für die Ölbranche könnten kurzfristig lediglich fünf substituiert werden, so das Ministerium für Industrie und Handel. Dies wären Reinigungssysteme für Bohrschlamm, Armaturen zur Absicherung von Bohrstellen, Bohrwerke, Spezialchemikalien zur Erzeugung petrochemischer Erzeugnisse und Transportausrüstungen für Flüssigerdgas.

Das Ministerium hat eine Liste von ausländischen Firmen erstellt, die fehlende Hochtechnologie alternativ liefern könnten. Dazu gehören Daewoo, LHE und KwangShin aus Korea (Rep.). Die Unternehmen stellen unter anderem Kompressoren und Plattenwärmeaustauscher her. In Betracht kommen ferner die Unternehmen Indore Composite (Indien), Naftan (Belarus), NuStar (Singapur), China National Petroleum Corporation (CNPC), China National Logging Corporation (CNLC), Shanghai Electric Heavy Industry und Huawei (alle VR China).

Chinesische Fördertechnik wird seit Jahren nach Russland eingeführt. Dabei handelt es sich insbesondere um mobile und stationäre Bohrausrüstungen. Etwa 70 bis 80% der westlichen Technik könnten mit asiatischen Zulieferungen ersetzt werden, so heißt es aus dem Ministerium. Nicht zu beziehen sind jedoch Hard- und Software zur Prozesssteuerung und geologischen Erkundung, die circa 20% des Gesamtbedarfs ausmachen.

Zwar könnten russische Unternehmen die Vor-Ort-Montage asiatischer Ausrüstungen übernehmen. Ein erstes gemeinsames Projekt soll Uralwagonzawod in Ufa sogar schon angestoßen haben. Die branchenspezifische IT muss jedoch komplett neu in Russland entwickelt werden. Huawei wird in diesem Zusammenhang lediglich Kommunikationstechnik an die russische Ölindustrie liefern.

Rosneft hat mit der chinesischen CNPC einen Verhandlungsprozess angestoßen, um Dienstleistungen für die Ölindustrie, die Herstellung von Ausrüstungen sowie den Bereich Forschung und Entwicklung in Gemeinschaftsprojekten voran zu bringen. Auch das Tochterunternehmen von Gazprom, Gazprom Neft, schaut sich derzeit in Asien nach strategischen Partnerschaften um.

Russische Produzenten beobachten die asiatische Konkurrenz aufmerksam

Lokale Hersteller von Förderausrüstungen für Erdöl verfolgen die Hinwendung heimischer Ölkonzerne zu asiatischen Kooperationspartnern mit Skepsis. Sie befürchten ein starkes Anwachsen der asiatischen, insbesondere der chinesischen Konkurrenz auf dem russischen Markt. Mit Anbietern aus dem Fernen Osten können russische Hersteller nur begrenzt konkurrieren. Unter anderem, weil Finanzierungen im größten Flächenstaat der Welt teuer und knapp sind. Hier verfügen chinesische Firmen über Vorteile, da sie von ihrer Regierung mit großzügigen Subventionen und Exportkrediten zu Vorzugsbedingungen ausgestattet werden.

Die aktuelle Entwicklung kann dazu führen, dass die Abhängigkeit von Importen aus den USA, der EU, der Schweiz und Norwegen durch eine neue Abhängigkeit, nämlich von Einfuhren aus der VR China, abgelöst wird. Chinesische Öltechnik ist nur unwesentlich billiger als analoge Güter aus den USA oder der EU, allerdings unterliegt sie diesen in ihrer Funktionsweise. Eine sich abzeichnende Monopolstellung auf dem russischen Markt dürfte die Preise für chinesische Erzeugnisse schnell steigen lassen.

Die traditionellen westlichen Kooperationspartner russischer Erdölkonzerne halten sich mit Vorhaben zurück. So legte ExxonMobil die Zusammenarbeit mit Rosneft zur Erforschung und Ausbeute der westsibirischen Formationen Atschimow und Baschenow auf Eis. Statoil, ebenfalls ein Rosneft-Partner, konfigurierte ein gemeinsames Vorhaben im Gebiet Samara neu, damit es nicht mit Sanktionsauflagen in Konflikt gerät.

Total legte ebenfalls alle Erschließungsarbeiten in der Formation Baschenow nieder. Dabei handelte es sich um ein gemeinsames Projekt mit dem russischen Mineralölkonzern Lukoil. Auch Shell stellte die Arbeiten in der gleichen Formation ein. In diesem Fall war ursprünglich eine Vereinbarung mit Gazprom Neft geschlossen worden. Die Ölvorkommen in den Formationen Atschimow und Baschenow sind technisch schwer zugänglich. Technologien zur Schieferölförderung sind daher zwingend notwendig. Doch diese fallen aktuell unter die Sanktionsbestimmungen.