Russlands Öl- und Gasindustrie expandiert

Investitionen in Bohrtechnik und Raffinerieausrüstungen / Großkunden unterliegen nationalen Beschaffungsklauseln

[Von Ullrich Umann Moskau/gtai] – In Russland wächst die Nachfrage nach Ausrüstungen zur Förderung und Verarbeitung von Rohöl und Erdgas.

Allein für Bohrausrüstungen besteht in den kommenden fünf Jahren ein Bedarf im Wert von 10 Mrd. bis 14 Mrd. US$. Die Anzahl der anzuschaffenden Bohrkomplexe wird auf bis zu 1.800 Einheiten geschätzt. Bis 2020 sollen 27 Raffinerien modernisiert und dabei 15 Anlagen zum Hydrocracken, zur Hydroreinigung und Pyrolyse gebaut werden.

Russlands Erdöl- und Erdgaskonzerne investieren in die Erschließung und Förderung von Lagerstätten. Dabei sind sie gezwungen, in Regionen mit klimatisch und geologisch schwierigen Bedingungen vorzustoßen. Der tatsächliche Investitionsbedarf eröffnet sich erst während der Erschließungsarbeiten. Gegenwärtig bewegen sich die Schätzungen allein für die Kosten von Bohrtechnik für die nächsten fünf Jahre in einem Korridor von 10 Mrd. bis 14 Mrd. US$.

Russische Föderation: Ausgewählte Projekte in der Öl- und Gasindustrie

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Quelle: Recherche von Germany Trade and Invest

Gazprom und Rosneft unterliegen nationalen Beschaffungsklauseln

Die beiden Staatskonzerne Gazprom und Rosneft sind vom Ministerium für Industrie und Handel angehalten, mindestens 70% ihrer Fördertechnik von russischen Maschinenbauunternehmen zu beziehen. Auf Bohrtechnik spezialisierte deutsche Firmen sollten aus diesem Grund Möglichkeiten einer Lokalisierung ihrer Produktion in Russland prüfen.

Neben eigenen Niederlassungen kann dazu auch das Eingehen von Gemeinschaftsunternehmen mit russischen Branchenfirmen beziehungsweise die Vergabe von Produktions- oder Montageaufträgen an Maschinenbauer vor Ort gehören. Beispiele für ein solches Vorgehen ausländischer Branchenfirmen gibt es bereits. Die Stadt Tjumen entwickelte sich hierbei zu einem wichtigen Standort.

Tjumen wichtiger Standort für Hersteller

In Tjumen kündigte die Dynaenergetics die Errichtung einer Produktionsanlage für Hohlladungen und Zündschnüre an. Das Unternehmen will dafür 600 Mio. Rubel (Rbl; etwa 12 Mio. Euro; EZBWechselkurs vom 17.4.14: 1 Euro = 49,76 Rubel) ausgeben. Die Gesellschaft Baker Hughes baut ein Werk mit einer Jahresproduktion von 8.000 km Spezialkabel zur Erdölförderung im Wert von 1,5 Mrd. Rbl (etwa 30 Mio. Euro). In der Region errichtete das Unternehmen Schlumberger gleich zwei Werke.

Die Tochterfirma des Konzerns Halliburton, Sperry Drilling, eröffnete ein Reparaturwerk für Bohrausrüstungen in Nischnewartowsk (autonomer Kreis der Chanten und Mansen), wo sich auch das Hauptlager von Halliburton für das gesamte Russland-Geschäft befindet. Am gleichen Standort unterhält zudem das Unternehmen Weatherford einen Reparatur- und Wartungsbetrieb.

Duale Facharbeiterausbildung für die Bohrindustrie

Inzwischen haben sich ausländische Firmen der Facharbeiterausbildung angenommen. Der deutsch-schottische Dienstleister im Bereich Förderung, KCA Deutag, eröffnete am 28.3.14 in Tjumen ein Zentrum zur dualen Berufsausbildung für die Ölindustrie. Vorher wurde die Ausbildung in Bürocontainern durchgeführt.

Neben Facharbeitern für die eigenen Unternehmen bildet das Zentrum auch Personal für Fremdfirmen aus. Anteile an der KCA Deutag hält der deutsche Hersteller von Bohrausrüstungen, Bentec, der ebenfalls in Russland aktiv ist. Im Verbund kümmert sich Bentec um Onshore- und KCA um Offshore-Aktivitäten.

Uralmasch NGO Holding wichtigster russischer Hersteller

Zu den wichtigen inländischen Herstellern von Bohrausrüstungen gehört die Uralmasch Neftegasowoje Oborudowanije Holding (Uralmasch NGO Holding). Diese ist in den Verbund Vereinigte Maschinenbauwerke (Objedinjonnyje Maschinostroitelnyje Sawody (OMZ)) eingebunden. In seiner heutigen Form existiert die Uralmasch NGO Holding seit 2010.

Die NGO wurde durch die Maschinostroitelnaja Korporazija Uralmasch gemeinsam mit dem Investitionsfonds United Capital Partners (UCP) gegründet. Im Jahr 2013 sind die Umsätze nach Angaben der Holding im Vorjahresvergleich um 12,6% auf 9,172 Mrd. Rbl eingebrochen. Die Uralmasch NGO Holding investiert derzeit in den Maschinen- und Anlagenpark, unter anderem, um den künftigen Qualitätsansprüchen russischer Großkunden gerecht zu werden. Ausgebaut werden außerdem die Abteilungen für Forschung und Entwicklung (FuE) sowie für Engineering, Dienstleistungen und Verkauf. In den Bereichen FuE und Engineering sind aktuell 350 Ingenieure beschäftigt.

Firmenverbund für Raffinerieausrüstungen

Innerhalb des Verbundes der Vereinigten Maschinenbauwerke OMZ werden petrochemische Anlagen entwickelt und recht erfolgreich verkauft. Zu diesem Geschäftszweig gehören die OMZWerke Ischorskije Sawody, Uralchimmasch, Glasowski Sawod Chimmasch sowie in der Tschechischen Republik die Skoda JS. Auch der Hersteller von Ausrüstungen für Industriegase, die Kriogenmasch, ist Teil der OMZ.

OMZ hält auf dem Markt für schwere petrochemische Ausrüstungen (700 bis 2000 t) einen Anteil von 60% und für leichtere Ausrüstungen (400 bis 700 t) 50%. Unter den hergestellten Produkten befinden sich unter anderem Rektifikationskolonnen, Separatoren, Tanks, Großbehälter und Anlagen zum Hydrocracken, zur Hydroreinigung und zum katalytischen Cracken. OMZ plant zwischen 2014 und 2016 für alle Geschäftszweige zusammen, darunter auch für den Bereich Bohrtechnik, Investitionen von 25 Mrd. bis 26 Mrd. Rbl (500 Mio. bis 520 Mio. Euro).

Russland: Import ausgewählter Raffinerieausrüstungen (in Mio. US$)

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Quelle: UN Comtrade 2014

27 Raffinerien werden modernisiert

Bis 2020 werden 27 Raffinerien modernisiert. In diesem Zusammenhang werden 15 Anlagen zum Hydrocracken, zur Hydroreinigung und Pyrolyse gebaut. Anlagen von OMZ stehen in elf russischen Raffinerien. Zu den Wettbewerbern der OMZ im eigenen Land gehören die Wolgogradneftemasch, die EMK-Atommasch, die Chimmasch, die Salawatneftemasch und die Petrosawodskmasch.

Aus dem Ausland kommen noch die drei italienischen Anbieter Mangiarotti, Belleli Energy CPE und ATB Riva Calzoni, die beiden japanischen Firmen Japan Steel Works und Kobe Steel, die indische Larsen & Toubro sowie die koreanische Doosan hinzu.

Bei der Modernisierung oder einem Ausbau von Raffinerien ist die russische Industrie in der Lage, einen Großteil der Anlagen zu liefern. Erhitzer und Industrieöfen, spezielle Pumptechnik, Sicherheitsbehälter, Mess- und Steuerungselemente sowie Wärmetauscher müssen aber importiert werden.