Russlands staatlicher Umweltoperator bekommt eine neue Führung. Ministerpräsident Michail Mischustin hat Pawel Kossow für drei Jahre zum Generaldirektor des „Russischen Umweltoperators“ REO ernannt. Der bisherige Chef des staatlichen Agrarleasingunternehmens Rosagroleasing soll nun eine Branche ordnen, in der nicht nur Abfälle, sondern auch Geldströme und Zuständigkeiten schwer zu überblicken sind.
Kossows erste Botschaft ist entsprechend vorsichtig: Bevor er neue Programme ankündigt, will er den Zustand des Unternehmens und der gesamten Abfallwirtschaft prüfen. Geplant seien ein Audit, Gespräche mit regionalen Entsorgern und Investoren sowie eine Überprüfung der vorhandenen Finanzierungs- und Kontrollinstrumente.
Besonders häufig verwendet Kossow dabei Begriffe wie Datenqualität, Kontrolle und Transparenz. Das ist angesichts der Vorgeschichte des staatlichen Umweltoperators kaum zufällig.
Wechsel nach nur anderthalb Jahren
Kossow löst Irina Tarassowa ab, die den REO erst seit März 2025 leitete. Sie wurde auf eigenen Wunsch vorzeitig von ihren Aufgaben entbunden, soll nach Angaben von Kommersant aber in bislang unbekannter Funktion im Unternehmen bleiben.
Vor Tarassowa stand Denis Buzajew an der Spitze des Umweltoperators. Er wechselte 2025 als erster stellvertretender Minister in das russische Umweltministerium. Im Frühjahr 2026 verließ er Russland und wurde wegen des Verdachts auf schweren Betrug zur Fahndung ausgeschrieben und in Abwesenheit verhaftet. Buzajew bestreitet über seinen Anwalt, sich den Ermittlungen entziehen zu wollen. Auch mehrere frühere Manager und Berater des REO gerieten ins Visier der Ermittler.
Hinzu kommen Beanstandungen des Rechnungshofs. Anfang 2026 bestanden im Zusammenhang mit Projekten des Umweltoperators offene beziehungsweise problematische Forderungen in Milliardenhöhe. Bei mehreren geplanten Ökoindustrieparks wurden die vereinbarten Ergebnisse nicht erreicht; zuvor ausgezahlte Haushaltsmittel müssen teilweise zurückgezahlt werden. Bei einem Anleiheprogramm erhielt der REO 2025 zudem mehr als zehn Milliarden Rubel aus dem Haushalt, obwohl der tatsächliche Finanzierungsbedarf nach Berechnungen der Prüfer um rund 2,7 Milliarden Rubel niedriger lag.
Kossows Ankündigung, die Verwendung der Mittel und die Qualität der Daten genauer zu kontrollieren, ist daher mehr als die übliche Antrittsrhetorik eines neuen Managers.
Erfahrung mit einem Problemfall
Der 50-jährige Wirtschaftswissenschaftler leitete Rosagroleasing seit 2018. Das staatliche Unternehmen finanziert vor allem Landmaschinen und Nutzfahrzeuge für russische Agrarbetriebe. Vor Kossows Amtsantritt galt es als chronisch defizitär und war wiederholt mit Vorwürfen ineffizienter Geschäftsführung und Veruntreuung konfrontiert. Unter seiner Leitung wurde das Unternehmen profitabel und entwickelte seine digitalen Kontrollsysteme weiter.
Dieses Modell will Kossow nicht einfach auf die Müllwirtschaft übertragen. Landwirtschaftliches Leasing und Abfallentsorgung seien strukturell verschiedene Märkte, betont er. Für übertragbar hält er jedoch die systematische Überprüfung von Daten und die Kontrolle darüber, ob bereitgestellte Mittel tatsächlich für den vorgesehenen Zweck eingesetzt werden.
Als erste Aufgabe nennt er deshalb die „Aufhellung“ beziehungsweise Legalisierung des Marktes für feste kommunale Abfälle. Die Formulierung deutet darauf hin, dass ein Teil der tatsächlichen Müllströme, Erlöse und Kosten bislang außerhalb eines verlässlichen Kontrollsystems liegt.
Viel Geld, wenig Rentabilität
Der REO wurde 2019 geschaffen, um die russische Müllreform zu koordinieren. Er ist gleichzeitig Entwicklungsinstitut, Finanzier, Kontrolleur und in einzelnen Fällen selbst Betreiber. Diese Rollenvielfalt ermöglicht staatliche Eingriffe, schafft aber auch Interessenkonflikte: Dieselbe Organisation kann Projekte fördern, ihre Durchführung überwachen und bei einem Scheitern selbst eingreifen.
Für private Investoren ist die Branche bisher wenig attraktiv. Sortier- und Recyclinganlagen rechnen sich selten allein durch den Verkauf wiedergewonnener Rohstoffe. Die Preise für Sekundärmaterial schwanken, Transportwege sind lang, und Primärrohstoffe sind häufig billiger. Hinzu kommen regulierte Mülltarife, bei denen höhere Kosten nicht ohne Weiteres an die Verbraucher weitergegeben werden können.
Kossow will deshalb zunächst untersuchen, „wo tatsächlich Hindernisse für privates Kapital bestehen“. Bereits eingesetzt werden Konzessionsverträge, verbilligte Kredite, Anleihen sowie Leasingprogramme für Müllfahrzeuge und technische Anlagen. Einen einzelnen neuen Finanzierungsmechanismus hält er nicht für ausreichend. Vielmehr müsse überprüft werden, ob die vorhandenen Instrumente sinnvoll ineinandergreifen oder lediglich nebeneinanderstehen.
Damit räumt der neue REO-Chef indirekt ein, dass die russische Müllreform weniger unter einem Mangel an Förderinstrumenten als unter deren unübersichtlicher Kombination leidet.
Ehrgeizige Ziele für 2030
Bis 2030 soll Russland sämtliche festen kommunalen Abfälle sortieren. Der Anteil des Mülls, der auf Deponien landet, soll auf höchstens 50 Prozent sinken; mindestens ein Viertel der Produktions- und Konsumabfälle soll wieder als Rohstoff in den Wirtschaftskreislauf gelangen.
Von diesen Zielen ist das Land noch weit entfernt. Gegenwärtig werden Schätzungen zufolge etwa 80 bis 81 Prozent der kommunalen Abfälle deponiert. Zwischen 2019 und 2025 wurden zwar 372 neue Anlagen in Betrieb genommen, darunter 200 Sortieranlagen und 113 Verwertungsanlagen. Ihre angegebenen Verarbeitungskapazitäten sagen jedoch noch wenig darüber aus, wie viel Müll tatsächlich recycelt und als marktfähiger Rohstoff genutzt wird.
Für 2026 sind weitere 87 Anlagen vorgesehen. Sie sollen jährlich 8,74 Millionen Tonnen Abfälle behandeln und 3,66 Millionen Tonnen verwerten können. Gleichzeitig entstehen neue Deponiekapazitäten für fast sechs Millionen Tonnen. Der Ausbau zeigt das Grundproblem: Russland baut zwar Sortier- und Verwertungsanlagen, muss aber parallel weiterhin große zusätzliche Ablagerungsflächen schaffen.
Erst zählen, dann verwerten
Konkrete Reformschritte nennt Kossow in seinem ersten Interview mit Kommersant noch nicht. Er kündigt weder einen neuen Zeitplan noch zusätzliche Investitionen oder personelle Konsequenzen an.
Trotzdem ist die Stoßrichtung erkennbar. Kossow behandelt die russische Müllwirtschaft zunächst nicht als ökologisches, sondern als organisatorisches und finanzielles Problem. Er will wissen, welche Abfallmengen tatsächlich anfallen, wohin sie gelangen, welche Anlagen funktionieren und wofür öffentliche Mittel verwendet werden.
Das klingt bescheiden, berührt aber den Kern der bisherigen Reform. Eine Kreislaufwirtschaft lässt sich nur aufbauen, wenn Material- und Geldströme nachvollziehbar sind. Bevor Russland seinen Abfall wiederverwerten kann, muss sein neuer Umweltoperator offenbar erst einmal herausfinden, wo er tatsächlich landet.

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