Russlands Landmaschinenmarkt weist Potenzial und Risiken auf

Kaufkraft der Landwirte kurz- bis mittelfristig schwach / Regierung setzt auf Protektionismus

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[Von Ullrich Umann Moskau-gtai] – Der russische Markt für Landmaschinen ist hoch interessant, aber für deutsche Hersteller mit zahlreichen Risiken verbunden. Das Absatzpotenzial ist wegen überalterter und zu kleiner Maschinenparks riesig. Ein Engagement bleibt aber dennoch eher ein Vabanquespiel. Denn die Kunden haben eklatante Finanzierungsschwächen. Hinzu gesellt sich der Protektionismus der russischen Regierung. Ausländische Hersteller werden regelrecht zum Technologietransfer gezwungen.

Die russische Landwirtschaft hat einen hohen Ausrüstungsbedarf. Der Statistik nach muss ein Traktor in Russland 247 ha Nutzfläche bearbeiten, während es in den USA 38 ha und in Frankreich 14 ha sind. Ein ähnliches Bild ergibt sich im statistischen Mittel bei einem Mähdrescher, der in Russland 354 ha Fläche abernten muss. In den USA sind es 63 ha und in Frankreich 53 ha. Bereits im Frühjahr 2014 stellte sich die russische Regierung zum wiederholten Mal zwei Aufgaben: Erstens soll der Mechanisierungs- und Automatisierungsgrad in der Landwirtschaft erhöht werden. Zweitens sollen Landmaschinen und Ausrüstungen aus Produktion im eigenen Land eingesetzt werden. Um beiden Zielen näher zu kommen, wurden in den Staatshaushalt 2014 Absatzsubventionen zugunsten russischer Markenhersteller in Höhe von 2 Mrd. Rubel (etwa 40 Mio. Euro) eingestellt. Im Vorjahr waren es 430 Mio. Rubel (etwa 8,6 Mio. Euro).

Großes Marktvolumen ist stärkstes Argument für ausländische Maschinenbauer

Das Marktvolumen für Agrartechnik erreichte in Russland 2013 einen Gesamtwert von 133,1 Mrd. Rubel (etwa 2,7 Mrd. Euro). Verkauft wurden 15.265 Traktoren, 5.502 Erntemaschinen für Getreide und 824 Erntemaschinen für Futter- und Nutzpflanzen. Der Anteil kleiner und mittlerer Agrarbetriebe an den Maschinenkäufen lag für Traktoren bei 42,5%, Erntemaschinen für Getreide bei 35,0% und Futter- und Nutzpflanzen bei 19,0%.

Im Bestand der russischen Landwirte befinden sich aktuell 435.000 Traktoren, 134.000 Erntemaschinen für Getreide sowie 19.000 Erntemaschinen für Futter- und Nutzpflanzen. Das Tempo der Flottenerneuerung unterschreitet jedoch chronisch das Niveau in den entwickelten Industriestaaten: Rund 62% der Traktoren, 49% der Erntemaschinen für Getreide und 45% der Erntemaschinen für Futter- und Nutzpflanzen sind bereits mehr als zehn Jahre in Betrieb!

Um das Interesse der heimischen Landwirte an Agrartechnik klassischer russischer Marken zu erhöhen, müssen die Hersteller ihre Modellreihen radikal erneuern und die Fertigungsqualität erhöhen. Zu dieser Schlussfolgerung gelangte das Landwirtschaftsministerium nach Auswertung zahlreicher Maschinentests. Demzufolge haben 50% der getesteten Maschinen und Anlagen aus russischer Produktion nicht einmal die in der Dokumentation angegebene Leistung erbracht.

Regierung subventioniert russischen Maschinenbau

Zur Absatzförderung für russische Landtechnik hat die Regierung 2013 innerhalb von nur drei Monaten 430 Mio. Rubel ausgegeben. Damit wurde Käufern 15% des Preises subventioniert. Unterstützt wurde auf diese Art und Weise der Verkauf von 590 Mähdreschern insbesondere des Herstellers Rostselmasch aus Rostow am Don.

Im Jahr 2014 wurde das Förderprogramm auf ein Volumen von 2 Mrd. Rubel und auf weitere Maschinenarten ausgeweitet. Geplant ist, 2.800 Maschinen und Geräte für unterschiedlichste landwirtschaftliche Anwendungsgebiete im Gesamtverkaufswert von 14 Mrd. Rubel zu subventionieren, allesamt hergestellt von rein russischen Unternehmen.

Nach Auskunft des Landmaschinenverbandes Rosagromasch gewähren 30 Regionalverwaltungen in ihren Territorien zusätzlich Subventionen für den Erwerb von Landtechnik. In diesen Fällen wird teilweise sogar der Kauf von importierten Maschinen unterstützt. Darüber hinaus hat die föderale Regierung bei der auf Landtechnik spezialisierten Leasinggesellschaft OAO Rosagroleasing eine Kapitalerhöhung um 2,2 Mrd. Rubel durchgeführt.

Absatzrückgang hält an

Trotz der Finanzhilfen ist der Verkauf der russischen Markenhersteller von Landmaschinen im Jahr 2013 eingebrochen. Der Wert der abgesetzten Produktion aus rein russischen Unternehmen sank um 12% auf 22,5 Mrd. Rubel im Vergleich zum Vorjahr. Damit hielten diese Hersteller einen Anteil von knapp 17% am russischen Markt. Der Absatzrückgang setzt sich 2014 auf Grund der eingetrübten Gesamtkonjunktur fort, schätzt das Management von Rosagromasch.

Insbesondere die mangelnde Finanzkraft der russischen Farmer hemmt den Maschinenabsatz. Die Zentralbank schätzte in einer Analyse vom Oktober 2014 Agrarproduzenten als eine besonders riskante Zielgruppe ein, für die Banken hohe Ausfallquoten bei der Kreditvergabe einkalkulieren müssen. Jeder zehnte Kredit an Landwirte erwies sich im Zeitraum April bis Oktober 2014 als notleidend, so die Zentralbank.

Landwirte und Agrarunternehmen stehen oft vor der Wahl, teure Kredite weiter zu bedienen oder in der Erntezeit Treibstoff und Saatgut für die neue Saison einzukaufen sowie die Gehälter für Erntehelfer zu überweisen. Zudem haben sich Schuldenberge aus den Vorjahren aufgehäuft, insbesondere aus der Zeit von 2006 bis 2008 sowie speziell noch einmal 2010. Diese Verbindlichkeiten müssen seither immer wieder umgeschuldet werden. Die Einnahmen aus der Rekordernte 2014 können die Verluste von damals nicht wettmachen. Spezielle Regierungsprogramme zur Subvention von Kreditzinsen bei Investitionsgüterkäufen greifen nicht bei Umschuldungen.

Russische Hersteller weichen in den Export aus

Russische Landmaschinenhersteller weichen wegen der trüben Absatzaussichten auf dem heimischen Markt seit 2013 auf den Export aus, teilweise sogar erfolgreich. Im Jahr 2013 stiegen die Ausfuhren um 14,2% auf 169 Mio. US$. Beliefert wurden vor allem GUS-Länder, darunter Kasachstan mit einem Anteil am russischen Landmaschinenexport von 78% und Belarus mit 11,2%. Außerdem gingen Exporte in die Ukraine, wenn auch mit sinkenden Anteilen, und nach Zentralasien außerhalb Kasachstans – ein schwieriger Markt.

Der Anteil von Landmaschinen ausländischer Markenhersteller, die sowohl in Russland über Montagelinien verfügen als auch fertige Maschinen importieren, an den Gesamtumsätzen betrug 2013 zwar beeindruckende 83%. Doch spüren auch sie die schwache Finanzkraft russischer Landwirte. Hinzu kommen Einfuhrquoten, mit denen die russische Regierung die Stückzahlen für den Landmaschinenimport deckeln will.

Im Jahr 2014 dürften die Importquoten aber nicht ausgeschöpft werden. Von den 424 Mähdreschern, die dieses Jahr eingeführt werden dürfen, sind in den ersten fünf Monaten nur 55 gekommen. Wie Rosagromasch vorrechnete, hat Russland in der Zeit von 2005 bis 2014 Landmaschinen im Wert von 11 Mrd. US$ eingeführt, davon aus Deutschland für knapp 6 Mrd. und aus den Benelux-Staaten für 1,7 Mrd. US$.

Rückläufige Einfuhren aus Deutschland

Dabei ging die Einfuhr von Landmaschinen aus Deutschland in den letzten drei Jahren aber kontinuierlich zurück. Die Lieferungen sanken von 831 Mio. $ im Jahr 2011 über 750 Mio. $ im Jahr 2012 auf 678 Mio. $ im Jahr 2013. Für 2014 prognostiziert Rosagromasch für die Importe aus Deutschland einen Wert von 550 Mio. $.

Russland – Einfuhr von Landmaschinen aus Deutschland

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Quelle: Rosagromasch

Rosagromasch will aus dieser Tendenz die Schlussfolgerung ableiten, dass russische Hersteller Importtechnik vom heimischen Markt verdrängen. Doch blieb bei dieser Darstellung der wachsende Anteil der Endmontage deutscher Landtechnikhersteller in Russland komplett unberücksichtigt. Auch kam nicht zum Ausdruck, dass russische Markenhersteller von der Einfuhr von Zulieferteilen und Komponenten hochgradig abhängig sind.

Unter den Branchenunternehmen aus Deutschland, die über Fertigungslinien vor Ort verfügen und den Lokalisierungsgrad kontinuierlich erhöhen, befinden sich unter anderem Claas, Amazone, Lemken und Horsch. Claas baut zurzeit in Krasnodar für 115 Mio. Euro eine zweite Fabrik zum Lackieren und für den Karosseriebau. Nach deren Inbetriebnahme wird Claas in der Lage sein, die Zahl der gefertigten Mähdrescher bei Bedarf von 1.000 auf 2.500 pro Jahr zu erhöhen und dabei einen Lokalisierungsgrad von mehr als 50% zu erreichen.

Russische Föderation: Einfuhr von Landmaschinen (in Mio. US$)

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Quelle: UN-Comtrade