Russlands Landmaschinenbau muss modernisieren

Bedarf an Technologie zur Metallbearbeitung groß / Staat unterstützt ausgesuchte Hersteller finanziell

[Von Ullrich Umann Rostow am Don-gtai] – Im russischen Landmaschinenbau gibt es Geschäftschancen für deutsche Anbieter metallbearbeitender Maschinen. Russische Hersteller von Agrartechnik sehen sich ferner gezwungen, eine erhebliche Anzahl von Teilen und Komponenten, etwa Motoren oder Schneidzeuge, aus dem europäischen Ausland einzuführen. Zulieferstrukturen vor Ort fehlen teilweise. Davon konnten sich Vertreter des sächsischen Maschinenbaus während eines Besuchs bei Rostselmasch in Rostow am Don überzeugen.

Russlands Hersteller von Agrartechnik sollen mittelfristig Importtechnik ablösen können. Dies sehen Pläne des Ministeriums für Industrie und Handel vor. Dem deutschen Maschinenbau kommt das einerseits entgegen, da russische Landmaschinenproduzenten ihren Maschinenpark modernisieren und erweitern müssen. Andererseits wird der deutsche Landmaschinenbau regelrecht gezwungen, vor Ort eigene Produktionsniederlassungen zu eröffnen, wenn Absatzchancen auf dem russischen Markt gewahrt bleiben sollen.

Während eines Besuchs im Mähdrescher-Werk von Rostselmasch (Rostow am Don), dem bedeutendsten Hersteller von Mähdreschern in Russland, konnte sich eine Unternehmerdelegation aus dem Freistaat Sachsen Anfang Oktober 2014 davon überzeugen, dass einige der installierten Bearbeitungszentren, Gießereiausrüstungen und andere Maschinen modernisiert werden müssen. Organisiert hatte die Reise die Wirtschaftsförderung Sachsen (WFS), die landeseigene Wirtschaftsfördergesellschaft mit Sitz in Dresden.

Zwar ist Rostselmasch von der russischen Regierung angehalten, sich bei Modernisierungsinvestitionen künftig an chinesische Anbieter zu wenden, zumal das Unternehmen gleich von mehreren direkten und indirekten finanziellen Zuwendungen des russischen Staates profitiert. Doch der europäische Anteil am bestehenden Maschinenpark ist so hoch, dass Rostselmasch finanziell und technologisch besser fahren dürfte, sich bei Modernisierungen an die originären Maschinenhersteller zu halten. Vor Ort wird das übrigens genauso gesehen: Während des Besuchs der sächsischen Unternehmensvertreter haben Technologen und Ingenieure des Mähdrescherwerks ihr Interesse an der Aufrechterhaltung der Geschäftsbeziehungen nach Deutschland mehr als deutlich zum Ausdruck gebracht.

Hinzu kommt, dass Rostselmasch recht viele Zulieferteile für seine Mähdrescher von europäischen Herstellern bezieht. Für die vier verschiedenen Dieselmotoren, die in die unterschiedlichen Mähdreschertypen eingebaut werden, stammen zwei Lieferanten aus Westeuropa, nämlich MTU und Cummins. Daneben steht ein Aggregat aus Belarus (Motorenwerk Minsk) und einer aus Russland (Motorenwerk Jaroslawl) zum Einbau wahlweise zur Verfügung. Die Motoren aus europäischer Produktion benötigt Rostselmasch nicht nur, um im eigenen Land gegen erfolgreich arbeitende ausländische Hersteller von Mähdreschern zu bestehen. Vielmehr müssen europäische Abgasnormen eingehalten werden, wenn Rostselmasch demnächst die Ausfuhr von Mähdreschern in die EU ankurbeln möchte. In diesem Zusammenhang wurden Geschäftsbeziehungen zur Egenolf Handels & Dienstleistungs GmbH aus Limburg aufgenommen, die laut eigenem Internetauftritt Rostselmasch-Mähdrescher in Deutschland vertreibt.

Hohe Qualitätsstandards bei der Produktion gefragt

Der recht große Anteil an importierten Mähdrescherteilen verlangt von Rostselmasch aber auch, dass hohe Qualitätsstandards in der Fertigung von Metallteilen und in der Endmontage gewährleistet werden. Dies lässt sich in der Regel nur bewerkstelligen, wenn die gesamte Wertschöpfungskette auf hochpräzise arbeitenden Maschinen durchgeführt wird. Aus diesem Grund können deutsche Maschinenbauer mit Geschäftschancen rechnen. Bei der Erstellung von Angeboten für den Bezug neuer Technologie oder zur Modernisierung bestehender Fertigungslinien sollten Maschinenbauer aus Deutschland genau an diesem Punkt ansetzen, allerdings nicht allein bei Rostselmasch.

Besonderes Interesse signalisierten die Technologen bei Rostselmasch an branchenspezifischer Informationstechnologie, einschließlich Software. Diese soll während des Ernteeinsatzes die Mähdrescher per Satellit des russischen Systems Glonass mit Fahrzeugen zum Abtransport des Erntegutes vernetzen. Im Ergebnis können Warte- und Ausfallzeiten auf ein Minimum gesenkt und damit Ernteverluste verringert werden. Die in Europa marktgängige Technologie basiert auf GPS. Eine Anpassung auf Glonass wird in Russland daher gewünscht.

Dass Rostselmasch investieren wird, dafür sorgt allein schon die Neuauflage eines Förderprogramm des Ministeriums für Industrie und Handel zur Entwicklung und Produktionseinführung neuer Erntetechnik. Von dem Programm profitiert Rostselmasch im besonderen Maße. Im Ergebnis der ersten Förderetappe entstand der Mähdrescher „Torum 740“. Im Rahmen der zweiten Etappe ab 2015 schüttet das Ministerium bis 2020 weitere 610 Mio. Rubel (Rbl, umgerechnet 11,59 Mio. Euro; Wechselkurs der russischen Zentralbank vom 22.10.14: 1 Euro = 52,65 Rbl) an Fördermitteln aus. Mit dem Geld sollen bei Rostselmasch neun weitere Mähdreschertypen entwickelt werden, allesamt auf einer einheitlichen Plattform, allerdings unterschiedlicher Spezifizierung und Ausstattung. Gleichzeitig soll eine hohe Austauschbarkeit von Modulen untereinander gewährleistet werden.

Ausländische Landtechnikhersteller investieren

Ausländische Hersteller von Mähdreschern, darunter John Deere, Claas, AGCO oder auch New Holland, investieren ebenfalls in Produktionsniederlassungen vor Ort – allerdings ohne die großzügige Unterstützung des russischen Staates. So eröffnete John Deere im Juli 2014 eine neue Produktionshalle in Orenburg. Die Kosten wurden mit 45 Mio. US$ angegeben. Eine weitere Niederlassung unterhält das US-Unternehmen im Moskauer Domodedowo.

Claas baut in Krasnodar neben der bestehenden Montagehalle für Mähdrescher eine zweite Fabrik für den Karosseriebau und zum Lackieren. Auf diese Weise will der Hersteller eine Lokalisierungstiefe von mehr als 50% erreichen und damit Förderauflagen der russischen Regierung erfüllen. Nach geplanter Fertigstellung im kommenden Frühjahr könnte die Produktion bei Claas von 1.000 auf 2.500 Mähdrescher pro Jahr steigen. Die Kosten für den Fabrikbau belaufen sich auf 115 Mio. Euro. AGCO unterzeichnete im September 2013 eine Vereinbarung mit dem Unternehmen Russkie Maschiny zur Gründung einer gemeinsamen Produktionsniederlassung für Landmaschinen im Moskauer Vorort Golizyno. Zu weiteren Niederlassungen ausländischer Produzenten von Landtechnik verschiedener Spezifikation gehören Amazone (ZAO Ewrotechnika), Lemken (OOO Lemken Rus), Horsch (OOO Horsch Rus), Kverneland (OOO Kverneland Group Manufacturing Lipezk) Gomselmasch (Brjanskselmasch) und CNH (OOO CNH Kamaz Industrija). Zu den drei größten Produzenten von Erntetechnik in Russland gehörten 2013 nach Angaben des Internetportals Agroobzor Rostselmasch, John Deere und Gomselmasch. Auf diese drei Hersteller entfielen zusammen 52% des Branchenausstoßes.