Russlands Industrie wächst dank Staatsaufträgen

Investitionsbereitschaft der Privatwirtschaft ist gering

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[Von Ullrich Umann Moskau-gtai] – Die Entwicklung in der russischen Industrie verläuft 2014 extrem uneinheitlich. Je nach Branche wächst oder fällt die Produktion. Private Unternehmen halten Investitionen zurück oder bekommen keine Finanzierung zu akzeptablen Konditionen. Ausländische Investoren führen bereits begonnene Vorhaben weiter, schieben aber keine neuen an. Umfangreiche Staatsaufträge für Rüstungsbetriebe sorgen dennoch dafür, dass die Industrie schneller als das Bruttoinlandsprodukt zulegt.

Russlands Wirtschaft befindet sich zum Frühherbst 2014 in keiner guten Verfassung. Für das 3. Quartal geht das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung von einer Zunahme der Wirtschaftsleistung um 0,2% aus. Auf Jahressicht dürfte das BIP-Wachstum nur leicht über Null liegen – bei etwa 0,5%.

Besser fallen die aktuellen und prognostizierten Kennzahlen für die Industrie aus. Trotz sinkenden Außenhandelsvolumens, um rund 2,5% fallender Bruttoanlageinvestitionen und kaum wachsenden Privatverbrauchs nahm die Industrieproduktion (Bergbau, verarbeitende Industrie, Strom/Gas/Wasser) im 1. Halbjahr um 1,5% zu. Die Verarbeitende Industrie legte dabei mit 2,6% überdurchschnittlich zu (laut Föderalem Statistikdienst). Der BIP-Zuwachs betrug in diesem Zeitraum 0,8% gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. Das letzte Mal wurden ähnliche Werte in den Nachkrisenjahren 2010/2011 beobachtet, als die Lagerbestände in der Industrie wieder aufgefüllt wurden.

Das Institut „Zentrum für Entwicklung“ bei der Moskauer Hochschule für Ökonomie untersuchte die aktuelle Entwicklung. Ende September wurden die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt. Demnach wird das Wirtschaftswachstum einseitig durch staatliche Aufträge getrieben. Hauptprofiteur sind nach russischer Statistiksystematik die „Hersteller von Schiffen, Flug- und Weltraumtechnik sowie anderen Transportmitteln“. Unter „anderen Transportmitteln“ ist rollendes Material für die Schiene, aber auch schweres militärisches Gerät zu verstehen.

Staatsaufträge fördern nur ausgewählte Industriebranchen

Das Produktionswachstum lag in der genannten Warengruppe (Nomenklatur) in den ersten acht Monaten 2014 bei 26,9% im Vergleich zum Vorjahr. Abnehmer dieser Güter sind ausnahmslos staatliche Stellen und die staatliche Eisenbahngesellschaft RZD. Nicht zu vernachlässigen sind bei dieser Betrachtung auch die Ausfuhren von Rüstungsgütern, die künftig sogar noch ansteigen dürften. Im Rahmen von Staatsbesuchen und Road Shows werden aktuell weitere Märkte in Lateinamerika, Afrika und Asien erschlossen.

Dagegen brach die Produktion im zivilen Straßenfahrzeugbau in den ersten acht Monaten 2014 um 8,8% ein. Insbesondere private Konsumenten haben in Zeiten sinkender Realeinkommen und teuerer Finanzierungen Neuwagenkäufe verschoben oder erwarben ein Gebrauchtfahrzeug. Zudem wurde die Anschaffung neuer Dienstfahrzeugen in Unternehmen und öffentlicher Verwaltung auf ein Mindestmaß gekürzt. Die Regierung steuert mit einem bis Jahresende befristeten Austauschprogramm für Altfahrzeuge (sog. Verschrottungsprogramm) entgegen, das am 1.9.2014 starten sollte, aber seinen Start wegen fehlender Durchführungsbestimmungen tüchtig verpatzt hat.

Wachstum ausgesuchter Industriebranchen (in %)

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Quelle: Institut „Zentrum für Entwicklung“ bei der Hochschule für Ökonomie, Moskau, 2014

Zum Wachstum der Industrieproduktion um 1,3% in den ersten acht Monaten 2014 trugen größtenteils die Bereiche Luft- und Raumfahrt, Schiffbau, Schienen- und Kettenfahrzeugbau sowie vorgelagerten Branchen wie Bergbau, Energie, Rohstoffverarbeitung und Komponentenherstellung bei. Im Jahr 2013 waren die aufgezählten Branchen um lediglich 0,1% gewachsen. Die Industrie hatte damals um 0,4% zugelegt.

Hersteller von Konsumgütern warten weiterhin auf Nachfrage

Die Wirtschaftsforscher der Hochschule für Ökonomie bezeichnen die aktuelle Entwicklung als ungewöhnlich. Ohne die massiven staatlichen Aufträge wäre ihrer Meinung nach das Industriewachstum Ende August nicht über 0,1% hinausgekommen. Ein solcher Wert hätte sich komplett in das Umfeld der schwachen Gesamtkonjunktur eingebettet, wozu auch die geringe private Nachfrage und Investitionsbereitschaft zu zählen sind.

Vor dem Hintergrund, dass die Nachfrage der Privatwirtschaft nach russischen Industriegütern schon seit etwa zwei Jahren niedrig ausfällt, warfen die Wissenschaftler die Frage nach der Zweckmäßigkeit der durchgeführten Staatsprogramme auf. Aus rein volkswirtschaftlicher Sicht gaben sie darauf eine positive Antwort. Demnach gab es seit 2001 keine vergleichbare Entwicklung. Im Gegenteil, die Bereiche Luft- und Raumfahrt, Schienen- und Kettenfahrzeugbau hatten von 2001 bis 2014 kaum einen nennenswerten Beitrag zum Industriewachstum geleistet. Andere Industriebranchen erhalten jedoch keinerlei Impulse von den Staatsaufträgen, mit Ausnahme der erwähnten Zulieferindustrien. Warenproduzenten für den privaten Verbrauch profitieren darüber hinaus nicht einmal vom aktuell nachlassenden Außenwert der russischen Währung. Dieser führt zu Importverteuerungen, wodurch sich die Wettbewerbslage inländischer Hersteller eigentlich verbessert hat. Doch bleibt die Nachfrage schwach. Die Umsätze im Einzelhandel sind in den ersten acht Monaten 2014 nur um 2,3% gestiegen, gegenüber früheren Zuwachsraten von 4,0 bis 5,5%.

Nahrungsmittelverarbeitung könnte von Importstopp profitieren

Auch die breit verkündete Politik der Importsubstitution im zivilen Sektor hat zu keiner grundlegenden Belebung, wie einem Anstieg der Investitionen in der Privatwirtschaft, geführt. Eventuell ist es aber auch noch zu früh, um Schlussfolgerungen ziehen zu können, zum Beispiel in der Nahrungsmittelverarbeitung oder im Lebensmittelgroß- und -einzelhandel. Vorerst werden in diesen Sektoren Schocks verarbeitet, die das plötzliche Einfuhrverbot für Nahrungsmittel aus der EU und den USA vom 6.8.2014 verursacht hat.

Wie die Wirtschaftszeitung „RBK Daily“ berichtete, sollen die Verteidigungsausgaben 2015 um 21,5% aufgestockt werden. Die dadurch bewirkten Sondereinflüsse in der Industrie werden nach Meinung der Forscher von der Hochschule für Ökonomie noch mindestens anderthalb bis zwei Jahre anhalten. In diesem Zeitraum dürften die Veränderungsraten in den verschiedenen Industriezweigen weiterhin auseinanderklaffen, ebenso wie die Angaben für die Entwicklung der Industrie insgesamt und des Bruttoinlandsproduktes.