Russlands Bevölkerungsentwicklung – Aktuelle Tendenzen

Dr. Christian Wipperführt

[von Dr. Christian Wipperfürth] Während der ersten sieben Monate dieses Jahres stieg die Anzahl der Geburten in Russland um annähernd ein Prozent, die Anzahl der Todesfälle sank um etwa denselben Wert. Bei einer Fortschreibung dieser Entwicklung kann man mit einem natürlichen Bevölkerungswachstum von etwa 20.000 Menschen rechnen. Das ist ein europäischer Rekordwert. Die positive Entwicklung der vergangenen Jahre setzt sich also fort.
Zwischen 1993 und 2006 war die Bevölkerung Russlands hingegen – wenn man von der Aus- bzw. Einwanderung absieht – jährlich um zwischen 700.000 und fast 1.000.000 Menschen gesunken.

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2013 wird es gut 1,9 Millionen Geburten in Russland geben. (In Deutschland werden es deutlich weniger als 700.000 sein.)

Ich möchte einen Faktor herausgreifen, der zu dieser positiven Entwicklung beigetragen hat (auf andere bin ich in meinem Blog vom 24.09.2012 eingegangen):

Der großen Mehrzahl der Todesfälle liegen weltweit sogenannte natürliche Todesursachen wie schwere Erkranken zugrunde. Daneben gibt es die Gruppe der sogenannten nicht-natürlichen Ursachen. Darunter werden Suizide, Morde, Ertrinken, Vergiftungen, Verkehrsunfälle und anderes zusammengefasst.

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Im vergangenen Jahrzehnt sanken die durch nicht-natürliche Ursachen hervorgerufenen Todesfälle um etwa 40 Prozent. Falls die nicht-natürlichen Ursachen derzeit auf demselben Stand wären wie 2003, würden in diesem Jahr etwa 140.000 Menschen mehr sterben.

Kommen wir zu den Problemen: In Russland starben in der Vergangenheit deutlich mehr Menschen an nicht-natürlichen Ursachen als in den Ländern Mittel- oder Westeuropas. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein brannten jährlich beispielsweise Zehntausende Holzhäuser und ganze Dörfer ab, mit entsprechenden Opferzahlen. Heutzutage fordern Kabelbrände veralteter Elektroleitungen oder Verkehrsunfälle aufgrund schadhafter Autos deutlich mehr Menschenleben als etwa in Westeuropa.
Selbst wenn sich die in der Grafik illustrierte Entwicklung auch in den kommenden zehn Jahren mit unverminderter Geschwindigkeit fortsetzt, werden in Russland (pro 100.000 Einwohner) noch etwa doppelt so viel Menschen eines nicht-natürlichen Todes sterben wie in Deutschland.

Zudem werden in Zukunft nicht mehr die geburtenstarken Jahrgänge der 1970er und 1980er Jahre, sondern die geburtenschwachen zwischen 1991 und etwa 2010 die Anzahl der möglichen Geburten bestimmen. Selbst wenn die Geburtenzahl pro Frau mit einer Rate wie in den vergangenen Jahren steigen sollte, wird Russlands Bevölkerung in wenigen Jahren wieder zu schrumpfen beginnen.

Ein möglicher Ausweg wäre eine steigende Zuwanderung. Nach UN-Angaben ist Russland nach den USA weltweit das zweitwichtigste Zielland von Migranten, Deutschland liegt an dritter Stelle.

[russland.RU]