Russlands Bauzulieferindustrie hat großen Nachholbedarf

Potenzielle Investoren klagen über fehlende Planungssicherheit / Energieeffizientes Bauen gewinnt an Bedeutung

[Von Ullrich Umann Moskau-gtai] – Russlands Bauzulieferindustrie zeigte 2013 einen Aufwärtstrend. Investitionen in neue Fabriken und die Modernisierung bestehender Anlagen werden dringend benötigt. Fehlende Planungssicherheit schreckt jedoch potenzielle Investoren ab. Das Thema Energieeffizienz gewinnt an Bedeutung. Eine freiwillige Kennzeichnung energiesparender Produkte ist geplant. Deutsche Anbieter könnten davon in Zukunft profitieren.

Mit ihrem Aufwärtstrend im Jahr 2013 hob sich Russlands Bauzulieferindustrie positiv von anderen Industriebranchen des Landes ab. Nach Angaben des Föderalen Statistikdienstes Rosstat wuchs der Industriezweig, ohne jedoch in den meisten Unterpositionen das Vorkrisenniveau des Jahres 2008 wieder zu erreichen – es gibt also Potenzial.

Da der Großteil der russischen Bauinvestitionen in und um Moskau herum getätigt wird, haben sich in unmittelbarer Nähe wichtige Zentren der Industrie für Baustoffe und Baumaterialien gebildet. Dazu gehören insbesondere Linien zur Herstellung von Fertigwänden und Paneelen, wie sie im Hochbau, insbesondere im Wohnungsbau, verwendet werden.

Der Transport von Baustoffen und Baumaterialien ist in jedem Projekt ein wichtiger Kostenfaktor. Sind dafür 200 km und mehr zurückzulegen, können sich bei den gegebenen Straßenverhältnissen die Kosten für Material schnell verdoppeln, so die Erfahrungen aus Russland. Daher sind sowohl bauausführende Unternehmen als auch die Zulieferindustrie daran interessiert, möglichst viele Kapazitäten in einer einzigen Region zu konzentrieren.

Das für Bauwirtschaft zuständige Ministerium für regionale Entwicklung will der Bauzulieferindustrie einen Entwicklungsschub verleihen. Im Ministerium herrscht die Vorstellung, dass – wo immer der Staat Großprojekte anschiebt – sich Bauzulieferer in der unmittelbaren Nachbarschaft ansiedeln. Dies hat sich in der Praxis aber nur bedingt bestätigt. So entwickelte sich in der Region Krasnodar/Sotchi im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Olympischen Spiele vor allem die Zementindustrie. Mit Vollendung der Bauarbeiten sank jedoch die Kapazitätsauslastung der Baustoffindustrie in und um Sotchi herum. Die umfangreichen Arbeiten zur Vorbereitung des APEC-Gipfels 2012 in Wladiwostok lockten fast überhaupt keine Bauzulieferindustrie an, obwohl die Voraussetzungen für Hersteller jeder Art von Baumaterial im Fernen Osten vorhanden waren.

Vor allem die im Fernen Osten hohen Preise für Elektro- und Wärmeenergie sowie für Frischwasser und für die Abwasserentsorgung lassen eine Produktion schnell unrentabel erscheinen. Daher wurden und werden Baumaterialien aus anderen Landesteilen mit hohem Aufwand herantransportiert.

Dennoch arbeiten in der fernöstlichen Region Primorje Zementwerke und Ziegeleien. Im benachbarten Chabarowsk stehen wiederum Kapazitäten still, da es hier an Nachfrage fehlt. Mit den Arbeiten zur Überwindung des verheerenden Hochwassers vom Sommer 2013 im Amur- Becken hat sich das Bild aber geändert. Der Bedarf an Baumaterial stieg rasch an. Häuser für 100.000 Menschen mussten saniert oder sogar vollständig neu errichtet werden.

Investitionen sind dringend erforderlich

Hersteller von Baustoffen und Baumaterialien bemängeln die fehlende Transparenz im Vorfeld öffentlicher Bauvorhaben im Fernen Osten. Planungssicherheit sei dadurch nicht gewährleistet. Auch dieser Sachverhalt schreckt potenzielle Investoren ab.

Investitionen in die Bauzulieferindustrie werden aber benötigt. Landesweit müssen in diesen Branchen 90 Fabriken gebaut werden. Es fehlen 20 Zementwerke, 10 Glaswerke, 15 Produktionslinien für Isoliermaterial und 45 Werke für weitere Baustoffe. Weitere 200 Fabriken müssen modernisiert werden.

Aus diesem Grund kann zum Beispiel der Wohnungsbau nur mit Einschränkungen gesteigert werden. In den Gebieten Altai, Primorje, Iwanowo und Twer bleibt der Wohnungsbau sogar hinter den Vorgaben zurück, unter anderem wegen Materialmangel.

Es bleibt zudem abzuwarten, ob Großprojekte wie die umfangreichen Hoch- und Tiefbauarbeiten zur Vorbereitung der Fußball-WM 2018 oder die geplante Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke Moskau-Kasan zu Investitionen in die Bauzulieferindustrie führen werden. Anzeichen gibt es dafür erst wenige.

Wegen der teilweise unterentwickelten Bauzulieferindustrie in bestimmten Regionen errichten branchennahe, aber auch branchenferne Firmen zum Teil eigene Produktionskapazitäten. Diesen Weg beschreitet zum Beispiel der Automobilhersteller Awtodor zusammen mit der Verwaltung der Enklave Kaliningrad. Notwendig wird dieses Vorgehen, da bis 2020 in der Region Kaliningrad ein komplettes Automobilcluster aus dem Boden gestampft werden soll. Es fehlt aber an ausreichenden Materialmengen, um den Bau zu vertretbaren Kosten und in einem angemessenen Zeitraum vorantreiben zu können. Neben dem Industriepark soll eine Wohnanlage für 50.000 Beschäftigte entstehen.

Kennzeichnung von energiesparenden Produkten geplant

Verschiedene Hersteller von bauchemischen Stoffen planen den Ausbau ihrer Produktionskapazitäten. Für energieeffiziente Baumaterialien soll eine freiwillige Kennzeichnung entwickelt werden. Davon könnten auch deutsche Anbieter profitieren.

Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und die in Moskau angesiedelte Association auf European Businesses (AEB) wollen eine freiwillige Kennzeichnung von energiesparenden Produkten anbieten. Während die EBRD finanziert, kümmert sich die AEB gemeinsam mit ihren Mitgliedern um die inhaltliche Ausgestaltung und Realisierung. Die beiden Institutionen haben sich darauf geeinigt, bei der Ausarbeitung von Kriterien und Standards zunächst mit drei Produktgruppen zu starten, darunter Fenster und Verglasungen. Weitere Produkte, etwa Beleuchtungen und Lichttechnik, sollen zu einem späteren Zeitpunkt folgen. Für deutsche Anbieter von wärmedämmenden Fenstern sowie von moderner Heiz- und Wassertechnik können sich die Produktkennzeichnung sowie die damit einhergehende Schärfung des Verbraucherbewusstseins für Einsparpotenziale als ein geldwerter Vorteil gegenüber den Wettbewerbern erweisen.