Russland hat den kommerziellen Start seiner Mobilfunknetze der fünften Generation verkündet. Doch zwischen der offiziellen Freigabe und einem für breite Bevölkerungsschichten nutzbaren Angebot liegen weiterhin erhebliche Hürden. Zunächst funken die Betreiber überwiegend auf bereits vorhandenen Frequenzen. Die Abdeckung bleibt punktuell, und viele Smartphones können das neue Angebot noch nicht nutzen.
Am 11. September meldete das russische Digitalministerium den Start von 5G durch MTS, MegaFon, Beeline und T2 in zunächst 16 Städten. Rund zehn Millionen Menschen hätten damit Zugang zur neuen Mobilfunkgeneration. Bis Jahresende sollen weitere 50 Städte hinzukommen. Diese Angaben beschreiben allerdings weder eine flächendeckende Versorgung der genannten Städte noch zehn Millionen bereits aktive 5G-Nutzer.
Bereits im Tagesverlauf zeigte sich, wie unterschiedlich die Angaben ausfallen. Während die morgendliche Ministeriumsmeldung von 16 Städten sprach, berichtete Kommersant am Nachmittag von zwei Städten mit Angeboten aller vier Betreiber und weiteren 21 Orten mit einzelnen Anbietern. Gemeinsam vertreten sind die vier Unternehmen demnach in Moskau und St. Petersburg. Die Zahlen sollten deshalb nicht zu einer vermeintlich einheitlichen Abdeckungskarte zusammengezogen werden.
Für Kunden zählt ohnehin der konkrete Standort. Der ausführliche Bericht präzisiert, dass zunächst einzelne Zonen in den Stadtzentren versorgt werden. Von vollständiger 5G-Abdeckung innerhalb der genannten Städte ist ausdrücklich keine Rede.
Der schnelle Einstieg wird vor allem durch die Nutzung vorhandener Frequenzen möglich. MTS setzt zunächst auf 2,1 Gigahertz, MegaFon auf 2,1 und 2,6 Gigahertz, Beeline auf 2,6 und T2 auf 2,3 Gigahertz. MTS nennt zusätzlich einzelne Standorte mit 4,9 Gigahertz. Der Start besteht somit aus mehreren technischen und geografischen Teilschritten.
Das Digitalministerium erwartet durch den Einsatz von 5G auf bisher für LTE genutzten Frequenzen in den kommenden Jahren einen Kapazitätszuwachs von 20 bis 25 Prozent. Das ist eine Prognose für die Leistungsfähigkeit der Netze, keine Zusage eines entsprechenden Geschwindigkeitsgewinns für jeden Anschluss.
Eine weitere Hürde steckt in den Endgeräten. Das Ministerium kündigt an, Android-Nutzer würden „in nächster Zeit“ Zugang erhalten; bei iPhones hänge dies von Apple ab. Schon diese Formulierung zeigt: Die Freischaltung der Netze bedeutet nicht automatisch die Freischaltung aller Telefone. Android als Betriebssystem allein genügt dafür ebenfalls nicht.
Nach dem ausführlichen Kommersant-Bericht fehlt auch bei Samsung bislang ein erforderliches Softwareupdate. Für Apple muss die Unterstützung des jeweiligen Betreibers über aktualisierte Einstellungen aktiviert werden. Die pauschale Erklärung, iPhones könnten die höheren Frequenzen grundsätzlich nicht empfangen, wäre hingegen falsch: Apple führt beispielsweise beim iPhone 16 ausdrücklich das 5G-Band n79 auf. Technische Ausstattung und Freigabe für ein bestimmtes Netz sind unterschiedliche Voraussetzungen.
Die grundlegende Frequenzfrage bleibt zugleich ungelöst. Der international verbreitete Bereich von 3,4 bis 3,8 Gigahertz wird in Russland von Sicherheitsorganen und Satellitenverbindungen genutzt. Statt ihn freizumachen, erhielten die Betreiber Ende August jeweils 90 Megahertz im Bereich von 4,63 bis 4,99 Gigahertz. Nach der von The Bell angeführten Analystenschätzung wird eine vergleichbare Versorgung dort anderthalb- bis zweimal so teuer.
Auch der weitere Ausbau bleibt ein mehrjähriges Vorhaben. Laut Digitalministerium sollen bis Ende 2028 besonders gefragte Standorte in Millionenstädten im neuen Frequenzbereich versorgt werden. Anschließend soll die Abdeckung über weitere drei Jahre wachsen. Die angekündigten zusätzlichen Städte bis Ende 2026 und dieser längerfristige Ausbauplan beschreiben somit unterschiedliche Ausbaustufen.
Hinzu kommt die Verpflichtung, auf russische Technik umzusteigen. Für bereits vorhandene ausländische Anlagen gelten Übergangsregeln; der vorgeschriebene Anteil russischer Basisstationen soll von einem Prozent 2027 auf 100 Prozent 2031 steigen. Im neu zugeteilten höheren Frequenzbereich endet die Nutzung ausländischer Ausrüstung Anfang 2029. Der heutige Start beseitigt diese industrielle Herausforderung nicht.
Der Fortschritt ist dennoch konkret: Nach jahrelangen Verzögerungen beginnt ein kommerzielles Angebot. Ob daraus im Alltag eine spürbare Verbesserung wird, entscheidet sich an erreichbaren Funkzellen, kompatiblen Telefonen und verlässlichen Verbindungen. Gerade Letzteres bleibt eine besondere Frage: Der Start fällt in eine Zeit regelmäßiger Abschaltungen des mobilen Internets, die russische Behörden mit der Abwehr ukrainischer Drohnen begründen. Eine höhere Mobilfunkgeneration hebt solche Eingriffe nicht auf.
COMMENTS