Russland verstehen

Rezension eines sicher kommenden Russland-Bestsellers von Gabriele Krone-Schmalz

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Das neu erschienene Werk der prominentesten deutschen Russlandexpertin Gabriele Krone-Schmalz „Russland verstehen“ trifft den Nagel nicht nur mit seinem Titel auf den Kopf. Inhaltlich knapp und präzise auf den Punkt gebracht analysiert es das aktuelle Verhältnis zwischen dem Westen und Russland im Licht der Ukraine-Krise. Und unter der ungleichen Beleuchtung durch die deutschen Medien.

Wie ein Fels in der Brandung arbeitet sich Gabriele Krone-Schmalz aktuell durch die Talkshows der großen deutschen Sendeanstalten. Ihre Aufgabe ist schon bei der Einladung klar definiert – die Rolle der „Russlandversteherin“, die zum einen viel Verständnis für die Zusammenhänge in Russland hat, zum anderen aber genau wegen ihrer verständnisvollen Argumentation von Hardlinern der westlichen Osteuropapolitik ins Kreuzfeuer genommen wird. Während man andere „zu Russland-freundliche“ Experten auch mal gerne ignoriert oder diffamiert, hat es diese Grande Dame der anderen Sichtweise geschafft, dass sich die Fraktion der Russlandfeinde – pardon –kritiker – mit ihren Argumenten tatsächlich inhaltlich auseinandersetzen muss. Gabriele Krone-Schmalz ist einfach zu wichtig, zu bekannt, zu renommiert für die aktuell sonst übliche Vorgehensweise. Das verleiht einem Russlandbuch von ihr, wie dem soeben erschienenen, ein mit anderen Autoren kaum vergleichbares Gewicht. Fast könnte man sagen, die einen haben es schon erwartet als neues Prunkstück in ihrer Buchsammlung und die anderen gefürchtet, weil sie sich nun tatsächlich wieder mit den Argumenten der „anderen“ ernsthaft beschäftigen müssen.

Beim reinen Gewicht des Buchs an sich ist man dafür überrascht, wenn man es dann in Händen hält. Vor allem wenn man, wie in der russland.RU-Redaktion ja häufig „Analyseware“ über Osteuropa anschaut, die mehrheitlich eher biblische Ausmaße annimmt.  Der Umfang des Buchs ist erstaunlich gering. Nicht einmal 200 Seiten locker bedruckt umfasst es. Und doch fehlt nichts – die Vorgeschichte mit verpassten Chancen im Dreiecksverhältnis zwischen Russland, der Ukraine und Europa, die Rolle der USA, der deutschen Politik, die wahren Hintergründe und Geschehnisse des Ukrainekonflikts und die erschreckende Desinformation der großen deutschen Medien. Gerade bei diesem Thema läuft die Autorin natürlich durch ihre umfassende Kenntnis der Medienmaschinerie zur Höchstform auf. Mit jeder Seite zeigt sich aber auch mehr, warum Krone-Schmalz trotz dieses umfassenden Stoffs ein so knappes Format wahren kann: Ohne Umschweife kommt sie stets zum Punkt, ihre Belege und Beispiele sind einwandfrei recherchiert, präzise und ufern an keiner Stelle aus. Gerade letzteres hat sie vielen männlichen Expertenkollegen voraus. Krone-Schmalz zeigt in ihrem neusten Werk wirksam, dass sie nicht von einem früheren Ruf zehrt, sondern als politische Sachbuchautorin zum besten zählt, was der deutschsprachige Buchmarkt zum Thema Osteuropa zu bieten hat.

Das Buch ist für einen sehr weiten Leserkreis interessant. Aufgrund seiner Knappheit und anschaulichen Argumentation eignet es sich auch für Leser, für die sonst die Politik nicht so zum Lesestoff gehört. Aktivisten für die deutsch-russische Verständigung (die zum Beispiel in solchen merkwürdigen Onlinezeitungen arbeiten) finden hier ebenso Argumentationshilfe wie Russlandkritiker ein anspruchsvolles Betätigungsfeld bei der Suche nach Argumentationsfehlern ihrer so furchtbar verständigen Gegner. Der Ausblick der Autorin am Ende auf die Zukunft bleibt angesichts der realen Politik mehr ein Appell. Als sei der versierten Autorin das zu dünn gewesen, schiebt sie dahinter noch unter der Überschrift „Wie es auch hätte laufen können“ ein Sendekonzept für ein tiefer gehendes Russlandmagazin nach, das sie Ende der 90er Jahre konzipiert hatte, das jedoch vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen nie realisiert wurde. Das hatte sich damals bereits auf den Weg zu einer ganz anderen Russland-Berichterstattung gemacht, deren Einseitigkeit  kaum einer so treffend als Insiderin analysieren kann, wie Krone-Schmalz.

So bleibt nur zu hoffen, dass dieses Werk nicht – wie mancher Appell der Autorin in den zu Beginn geschilderten Talkshows – zwischen viel geifernder Scharfmacherei gegen den angeblichen Feind im Osten unter geht.

Daten zum Buch: Gabriele Krone-Schmalz, Russland verstehen, CH Beck Verlag, München 2015, ISBN 978-3-406-67525-6

Roland Bathon, russland.RU

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.