Russland verhängt Einfuhrstopp für Nahrungsmittel

EU, USA, Kanada, Norwegen und Australien betroffen / Maßnahme setzt die russische Ernährungsgüterwirtschaft einem Stresstest aus

[Von Ullrich Umann Moskau -gtai] – Russland verhängte am 6. August 2014 ein Einfuhrverbot für Nahrungsmittel aus Ländern, die sich an der dritten Stufe der Sanktionen beteiligen. Betroffen sind alle EU-Staaten, die USA, Kanada, Norwegen und Australien. Bislang lieferten diese Länder 30% des von Russland importierten Käses und 15% des Obstes. Nun sucht die russische Regierung alternative Lieferländer. Um die Importabhängigkeit künftig zu verringern, pumpt der Staat Milliarden in die Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie.

Die sanktionierten Nahrungsmittelimporte werden in kürzester Zeit durch Mehreinfuhren aus der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), den Ländern des westlichen Balkans, Asien, Nordafrika, Latein- und Südamerika ersetzt. Zusätzlich wird die staatliche Förderung von Agrarwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie angekurbelt, um ab 2015 die inländische Produktion zu steigern.

Der Importstopp kam unerwartet. Weder der russische Groß- und Einzelhandel noch die Nahrungsmittelindustrie waren darauf eingestellt. Seither werden Lieferanten in anderen Ländern kontaktiert. Bis alle neuen Verträge unterzeichnet und die erste Ware unterwegs ist, können aber Wochen und Monate vergehen.

Verzeichnis der landwirtschaftlichen Produkte, Rohstoffe und Nahrungsmittel, die dem Importverbot unterliegen *)

fol1

*) Waren, die für Babynahrung bestimmt sind, sind vom Einfuhrverbot nicht betroffen. Quelle: Verordnung der russischen Regierung Nr. 778 vom 7.08.2014 Situation auf dem Nahrungsmittelmarkt seit Verhängung des Einfuhrverbots vom 6.8.2014 (Mengen in 1.000 Tonnen, Anteile in %)

fol2

Quelle: Landwirtschaftsministerium, Moskau, 2014

Exemplarisch für die Nahrungsmittelindustrie steht das Unternehmen Tutti Frutti Frozen Yogurt Russia. Die für den Joghurt benötigte Milch wurde bis vor kurzem aus Lettland und Polen bezogen, die Früchte aus den Niederlanden. Neue Lieferanten wurden zwar in Argentinien und Brasilien relativ rasch gefunden. Doch fallen die Transportkosten um einiges höher aus. Diese Mehrkosten werden künftig auf den Endabgabepreis umgeschlagen.

Einfuhrstopps bei Schweinefleisch nicht neu

Der russische Fachhandel verfügt sogar über Erfahrungen bei der kurzfristigen Umstellung von Bezugsquellen, etwa bei Schweinefleisch. So wurden in den letzten Jahren immer wieder Einfuhrstopps für europäisches Fleisch verhängt, wegen der Schweinepest, wie es amtlich hieß. Daher wissen die Verantwortlichen, dass zwar neue Lieferanten, etwa in Brasilien, gefunden werden können. Doch bevor die neue Ware in den Verkaufsregalen liegt, vergehen schnell zwei Monate und mehr. Bis dahin schnellen auf Grund der zunehmenden Knappheit die Preise nach oben. Erst mit Eintreffen der frischen Ware beruhigt sich die Marktlage wieder.

Der Unterschied zur Vergangenheit besteht dieses Mal aber darin, dass der Handel mit dem Importstopp absolut nicht gerechnet hatte. Lieferverträge mit Geschäftspartnern in der EU oder den USA waren bereits ausgehandelt und Anzahlungen getätigt worden. Teilweise ist die Ware unterwegs, wird aber nicht mehr ins Land gelassen. Die Rückzahlung der Abschläge kann aber dauern. Eventuell drohen deshalb sogar juristische Auseinandersetzungen. In der Zwischenzeit fehlen die Finanzmittel, um Anzahlungen für neue Lieferungen leisten zu können. Prognosen zu den regionalen Importanteilen im Jahr 2015 (in %)

fol3

Quelle: Wirtschaftszeitung „Wedomosti“, Moskau, 2014

Für Transport und Lagerung fallen im russischen Lebensmitteleinzelhandel traditionell gehörige Kosten an. Nicht allein wegen der teilweise großen Distanzen, die es im größten Flächenland der Welt zu überwinden gilt. Auch das komplizierte Geflecht aus Importeuren, unterschiedlichen Zwischen- und Großhändlern, Brokern und Vermittlern treibt die Endabgabepreise immer wieder in die Höhe. Alle wollen mitverdienen. Nicht selten liegt der Anteil der Einfuhrkosten bei lediglich 40% vom endgültigen Einzelhandelspreis.

Regierung drängt auf verkürzte Lieferketten und Preiskontrollen

In der Regierung sind sich die Minister einig. Es gilt, direkte Lieferketten vom Hersteller zum Endverbraucher einzurichten. Vorerst wird aber nur mit Preiskontrollen im Einzelhandel pariert. Die Behörden wollen immer dann eingreifen, wenn die Preissteigerung pro Woche bei einem Grundnahrungsmittel mehr als 5% beträgt. In diesem Zusammenhang sind Einzelhändler aufgefordert, bereits ungewöhnliche Steigerungen ihrer Aufkaufpreise den Behörden zu melden. Die Verhinderung von Preissteigerungen aus spekulativen Gründen wurde zur Chefsache erklärt. In der Regierung zeichnet dafür Vizepremier Arkadi Dworkowitsch verantwortlich. Er soll Versorgungsstörungen auf der Krim, in der Region Kaliningrad und im Fernen Osten lindern. Auf der Krim und in Kaliningrad wurde sogar vor Engpässen gewarnt. Im Fernen Osten zogen die Lebensmittelpreise ungewöhnlich schnell an.

Krim bittet um Lockerung des Einfuhrstopps vom ukrainischen Festland

Die Behörden auf der Krim haben die Regierung in Moskau inzwischen gebeten, das Einfuhrverbot für bestimmte Nahrungsmittel aus der Ukraine für die Halbinsel zu lockern. So bezieht die Krim bei Milchprodukten 20%, Schweinefleisch, Eiern und Salz 50%, bei Trinkwasser, Bier, Weizenmehl und Graupen 70%, und bei Rindfleisch, Pflanzenöl, Zucker, Gefrierfisch, Kindernahrung und Obstsäften sogar 100% traditionell vom ukrainischen Festland.

Zwar befindet sich die Ukraine nicht auf der am 6.8.2014 beschlossenen Liste sanktionierter Herkunftsländer von Nahrungsmitteln. Doch die Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadzor und die Überwachungsbehörde für die Agrarwirtschaft, Rosselchoznadzor, haben schon im Juli 2014 den Import ausgesuchter Landwirtschaftserzeugnisse aus der Ukraine aus phytosanitären und veterinärmedizinischen Gründen untersagt. Betroffen sind unter anderem Milchwaren, Kartoffeln, Schweinefleisch und ausgewählte Erzeugnisse pflanzlichen Ursprungs.

Engpässe bei der Lebensmittelversorgung im Gebiet Kaliningrad

In eine ähnlich schwierige Versorgungslage ist das Gebiet Kaliningrad geraten, das an Polen und Litauen grenzt. Vor dem Importverbot wurden 90% des Obstes und Gemüses und 80% der Milcherzeugnisse aus der Europäischen Union eingeführt. Die Umstellung auf Lieferanten aus nicht sanktionierten Ländern verläuft dagegen zäh.

Herkunftsländerländer für Agrarerzeugnisse (Stand: 2013)

Herkunftsland Menge (in Mio. t) Importanteil (in %) Importverbot vom 6.8.2014

fol4

Quelle: Zolldienst der Russischen Föderation, Moskau, 2014

Der Prozess der Importsubstitution verläuft langsam. Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Nahrungsmitteln im Inland bereitet die Tatsache, dass die Konzentration unter den russischen Herstellern von Agrarprodukten gering ist. Es handelt sich um eine Vielzahl kleiner Produzenten. Es haben sich nur wenige Absatzkooperativen entwickelt. Eine der wenigen Ausnahmen stellt der Kuban (Gebiet Krasnodar) mit einer Großflächenbewirtschaftung zur Getreideproduktion dar. Wegen der Vielzahl an Kleinproduzenten ist es für Lebensmittelhändler und Einzelhandelsketten einfacher, Ware in ausreichender Menge und Qualität aus der Hand eines einzigen Generalimporteurs zu erhalten. Die vielen Farmen, Obst- und Gemüsezüchter einzeln anzusteuern, kostet dagegen zusätzlich Zeit und Geld.

Daher werden Befürchtungen laut, dass die Importe aus einer Ländergruppe lediglich durch Importe aus anderen Ländergruppen ersetzt werden, russische Produzenten aber wie in der Vergangenheit auf ihrer Ware sitzen bleiben. Um das zu verhindern, werden Forderungen an den Staat laut, die Herausbildung von Absatzkooperativen und von Logistikketten finanziell zu unterstützen.

Finanzierung von Agrarproduktion und Nahrungsmittelindustrie problematisch

Die Möglichkeiten der öffentlichen Hand sind aber beschränkt. Der Ruf nach Finanzhilfen des Staates wird in Zeiten von Sanktionen und Gegensanktionen, Krim-Annektion, Großinvestitionen für Infrastruktur und Modernisierung der Streitkräfte sowie einer kostspieligen Sozialpolitik immer lauter. Bevor das Einfuhrverbot für Nahrungsmittel überhaupt ruchbar wurde, errechnete das Landwirtschaftsministerium für seinen Kompetenzbereich einen zusätzlichen Förderbedarf von 137 Mrd. Rubel (2,8 Mrd. Euro, 1 Euro = 48,2398 Rubel, Zentralbank Russland, Stand: 19.8.2014). Diese Summe dürfte sich angesichts der in der Zwischenzeit beschlossenen Importsubstitution als zu gering erweisen.

Auf die Hilfe der Bankwirtschaft können Nahrungsmittelindustrie und Agrarproduzenten nur beschränkt hoffen. Die Kreditzinsen steigen. Hilfe aus dem Ausland ist ebenfalls keine zu erwarten, zumindest vorerst nicht. Selbst Entwicklungsinstitute wie die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) haben ihre Projektfinanzierung wegen der Ukraine-Krise zurück gefahren. Dies musste zum Beispiel der russische Produzent Belaja Datscha erfahren, der eine Fabrik zur industriellen Fertigung tiefgekühlter Pommes Frites bauen will. Ein dafür in Aussicht gestellter EBWE-Kredit liegt vorerst auf Eis.

Russland: Geschätzter Importbedarf bei Fleisch im Jahr 2015

fol5

Die Einfuhrverbote werden seitens der Politik als Entwicklungsimpuls für die heimische Agrarwirtschaft gepriesen. In der Fleischproduktion werden beispielsweise weitere Entwicklungsmöglichkeiten für Erzeuger von Geflügelfleisch gesehen. Die Importabhängigkeit konnte von 50% im Jahr 1999 auf heute 10% gesenkt werden. Nun sollen auch noch die letzten 10% des Bedarfs aus heimischer Produktion gedeckt werden.

Gute Chancen werden auch der Schweinezucht und der Erzeugung von Hammelfleisch zugebilligt. Bei der Rinderzucht kann Russland jedoch mit Brasilien und Argentinien allein schon aus klimatischen Gründen nur schwer konkurrieren. Daher ist die angeordnete Absenkung der Importquote bei Rindfleisch mit hohen Kosten und einem erhöhten Zeitaufwand verbunden. Russland: Einfuhr ausgewählter Nahrungsmittel und Getränke (in 1.000 Tonnen)

fol6

Quelle: Föderaler Statistikdienst Rosstat, Moskau, 2014