Russland und VR China vertiefen Wirtschaftszusammenarbeit

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Von Ullrich Umann Moskau (gtai) – Russland und die VR China nähern sich wirtschaftlich an. Während die russischen Ankündigungen in dieser Hinsicht teils etwas zu euphorisch anmuten, bevorzugt die chinesische Seite finanzielles Kalkül. Der bilaterale Handelsaustausch und chinesische Kreditlinien nehmen dessen ungeachtet zu. Russland orientiert sich im Außenhandel generell hin zu Ländern, die sich den Sanktionen nicht angeschlossen haben. Für deutsche Exporteure wird es dadurch schwerer, zu Geschäftsabschlüssen zu gelangen.

Russland und China schließen zahlreiche Abkommen

Die Russische Föderation und die VR China haben in Moskau am Rande der Feierlichkeiten zum Tag des Sieges im II. Weltkrieg am 9.5.2015 ein ganzes Paket von Wirtschaftsabkommen geschnürt. Dabei handelt es sich teilweise um Rahmenvereinbarungen, die einen eher deklarativen Charakter tragen und ihre Nachhaltigkeit erst noch beweisen müssen. Dennoch zeigt dieser Vorgang, dass der politische Wille zu einer ökonomischen Annäherung auf beiden Seiten vorhanden ist. Vor Ort in Russland wird immer offensichtlicher, dass chinesischen Geschäftsleuten bei öffentlichen Ausschreibungen und bei Beschaffungsmaßnahmen von staatlich kontrollierten Unternehmen der Vorzug gegeben wird, wenn keine geeigneten inländischen Produkte zur Verfügung stehen.

Dabei ist absehbar, dass in den anvisierten gemeinsamen Vorhaben chinesische Unternehmen am längeren Hebel sitzen. Die chinesische Seite setzt wesentlich mehr Geld zur Projekt- und Handelsfinanzierung ein. Chinesische Firmen sind wirtschaftlich und finanziell weniger auf ihre russischen Geschäftspartner angewiesen als umgekehrt und können daher die Bedingungen weitgehend vorgeben.

Verhandlungen mit China erweisen sich als schwierig

Dies zeigte sich bereits in den Verhandlungen der letzten Monate und Jahre. Die chinesische Seite war und ist dabei stets auf ihren finanziellen Vorteil bedacht. Fallweise wurden Verhandlungen unterbrochen oder es traten zeitliche Verzögerungen bis zum Vertragsabschluss ein, die von russischer Seite so nicht eingeplant waren.

Russische Firmen stehen aufgrund westlicher Sanktionen eher mit dem Rücken zur Wand. Moskau benötigt aus China Milliardenkredite, technische Ressourcen und den dortigen Energiemarkt für den Export seiner Kohlenwasserstoffe als Alternative zu den perspektivisch sinkenden Ausfuhren nach Europa. Peking ist am russischen Absatzmarkt für Konsum- und Industrieerzeugnisse, russischer Militär-, Luft- und Raumfahrttechnologie, an Rohstoffen und am Ausbau der Verkehrsinfrastruktur als Bindeglied für chinesische Warenlieferungen nach Europa interessiert.

Bilateraler Handel soll wachsen

Premier Dmitry Medwedjew hofft, dass der russisch-chinesische Handelsaustausch 2015 die Marke von 100 Mrd. US$ übertreffen wird. Im Jahr 2014 betrug das bilaterale Handelsvolumen nach chinesischen Angaben 95,3 Mrd. $ (+6,8%). Russland lieferte Waren im Wert von 41,6 Mrd. $ (+4,9%) nach China, das seinerseits Ausfuhren von 53,7 Mrd. $ (+8,2%) ins Nachbarland tätigte. Bis 2020 soll das Handelsvolumen auf 200 Mrd. $ ansteigen, sagte Medwedjew. Immer mehr Zahlungen sollen in Yuan und Rubel abgewickelt werden. Der aktuelle Anteil der Nationalwährungen am bilateralen Handel von 7% soll verdoppelt oder verdreifacht werden. Doch liegt Russland in der Rangfolge der Handelspartner Chinas lediglich auf dem 9. Platz, hinter den USA (Handelsvolumen: 555,1 Mrd. $), Hongkong (376,1 Mrd. $), Japan (312,4 Mrd. $), Korea (Rep., 290,5 Mrd. $), Taiwan (198,3 Mrd. $), Deutschland (177,8 Mrd. $), Australien (136,9 Mrd. $) und Malaysia (102,0 Mrd. $). Dagegen ist die VR China für Russland der Handelspartner Nummer eins.

Generell hält sich das Interesse chinesischer Wirtschaftskapitäne und Banker an Investitionen und Projektrealisierungen in Russland jedoch in Grenzen. In anderen Weltregionen sind die Renditen höher oder das angelegte Kapital scheint sicherer. Auch möchte die chinesische Geschäftswelt ihre Geschäftschancen in den USA keinesfalls durch ein zu großes Engagement in Russland in Gefahr bringen.

Mezzanine-Kapital zur Risikominderung

Um die Aufmerksamkeit chinesischer Banker und Unternehmer künftig stärker nach Russland zu lenken, nimmt der Russische Fonds für Direktinvestitionen 1,5 Mrd. $ in die Hand. Gemeinsam mit der China Construction Bank Corporation (CCB) will der Fonds chinesischen Gläubigern und Investoren einen Teil des Risikos abnehmen.

Der Fonds wird Vorhaben mit stillen Einlagen kofinanzieren unter der Verpflichtung, im Fall eines Zahlungsausfalls Mehrbelastungen in die eigenen Bücher zu nehmen. Chinesische Kredite in einer Gesamthöhe von bis zu 25 Mrd. $ will die russische Seite auf diese Weise im Laufe von drei Jahren einwerben. Am konkretesten scheinen dem Vernehmen nach Vorverhandlungen über chinesische Investitionen in die russische Petrochemie gediehen zu sein.

Frische Kreditlinien zur Absatzförderung

Zur Ankurbelung chinesischer Exporte nach Russland hat die China Development Bank der Sberbank eine Kreditlinie zur Handelsfinanzierung in Höhe von 961,65 Mio. $ eingerichtet. Die China Exim Bank richtete der VTB parallel dazu eine Kreditlinie in Höhe von 483,3 Mio. $ ein. Darüber hinaus wurde eine Vereinbarung zwischen der VTB und der chinesischen Exportversicherung Sinosure geschlossen. Für Infrastruktur- und Agrarprojekte im Fernen Osten und in Sibirien wurden der VTB von chinesischer Seite weitere Finanzmittel über 8 Mrd. $ zugesichert.

China will Hochgeschwindigkeitsstrecke Moskau – Kazan bauen

Das chinesische Interesse am Bau einer Eisenbahn-Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Moskau und Kazan wurde im Mai erhärtet. Die Chinese Railway und die russische Staatsbahn RZD unterzeichnete eine Absichtserklärung zur Finanzierung, zum Bau und zur technischen Ausstattung des 770 km langen Schienenstrangs. Mit der Fertigstellung wird nun für 2020 gerechnet, nachdem die Züge ursprünglich schon zur Fußball-WM 2018 fahren sollten. Perspektivisch stellen die Chinesen sogar eine Verlängerung der Strecke bis nach Peking in Aussicht.

Ob der russische Wunsch nach einem Lokalisierungsgrad von 80% mit der jüngsten Offerte aus Peking überhaupt realisierbar ist und wie hoch der chinesische Finanzbeitrag am Ende wirklich ausfällt, bleibt vorerst unklar. Der Projektwert wird insgesamt mit 1.070 Mrd. Rubel (18,81 Mrd. Euro, 1 Euro = 56,8971, Stand: 9.5.2015) beziffert. Er wird zu einem großen Teil aus Finanzmitteln der RZD, dem föderalen Haushalt sowie dem Fonds für Nationalen Wohlstand gedeckt. Der chinesische Finanzierungsanteil schwankt je nach Quelle zwischen 104 Mrd. und 300 Mrd. Rubel (zwischen 1,83 Mrd. und 5,3 Mrd. Euro). An diesen unterschiedlichen Angaben wird ersichtlich, dass noch nichts endgültig entschieden zu sein scheint.

Chinesische Leasingfirma für Sukhoi Super Jet in Gründung

Die Volksrepublik China stellt für den russischen Flugzeugbau einen perspektivisch erstklassigen Markt dar. Von hier aus sollen Airliner in ganz Südostasien vermarktet werden. Konkret geht es um die bitter notwendige Absatzsteigerung für den Sukhoi Superjet 100 (SSJ 100). Der RussischChinesische Investitionsfonds beabsichtigt zusammen mit der Vereinigten Flugzeugbaugesellschaft (OAK) und der New Century International Leasing, in der Volksrepublik

eine auf dieses Passagierflugzeug spezialisierte Leasinggesellschaft zu gründen. Diese soll im Laufe von drei Jahren bis zu 100 Airliner an südostasiatische Fluggesellschaften leasen. Der Katalogwert eines Fliegers beträgt 36 Mio. $. Somit wird das Gesamtpaket ein Volumen von 3,6 Mrd. $ annehmen. Parallel werden in China Kapazitäten zur technischen Wartung des Flugzeugs aufgebaut. Aber auch in dieser Frage steht das schwierigste Stück Arbeit erst noch bevor: die Verhandlungen zur inhaltlichen Ausgestaltung des Leasingprojekts.

Zudem erscheinen die Absatzprognosen für den SSJ 100 in China und Südostasien äußerst optimistisch in Anbetracht der Tatsache, dass sich der Verkauf dieses Flugzeugs weltweit schwierig gestaltet. Es befinden sich erst drei SSJ 100 im Bestand der indonesischen Sky Aviation, ein Flugzeug unterhält die Lao Central Airlines und 14 Stück Interjet aus Mexiko. Alle anderen SSJ 100 setzt die russische Airline Aeroflot ein, unter anderem auf der Strecke Moskau – Dresden.

Das wohl stärkste Verkaufsargument für den SSJ 100 ist sein günstiger Stückpreis. Dieser kann überhaupt nur gehalten werden, weil der Hersteller staatliche Subventionen bekommt. Aber allein die Tatsache, dass die chinesische Seite zu Verhandlungen bereit ist, interpretieren russische Experten als ein gutes Zeichen: Offensichtlich hat der chinesische Verhandlungspartner bereits Kunden für den SSJ 100 in der Hinterhand, so die Spekulation. Nun kommt es für einen Vertragsabschluss darauf an, zu welchen finanziellen Zugeständnissen die russische Seite bereit ist.

Gazprom wird mehr Erdgas liefern

Russland und China haben darüber hinaus umfangreiche Projekte zur Lieferung russischen Erdgases und Erdöls sowie zur Gewinnung von Gold geschlossen. Gazprom wird ab 2018 jährlich 38 Mrd. cbm Erdgas über die derzeit im Bau befindliche Pipeline „Sila Sibiri“ liefern. Außerdem will der russische Gasgigant mit der Pipeline „Altai“ eine zweite, sogenannte Westroute errichten. Diese wird die riesigen Gasreserven in Westsibirien für den chinesischen Markt öffnen. Über die Pipeline „Altai“ sollen ab 2020 weitere 30 Mrd. cbm Gas jährlich nach China strömen.

Kooperation bei der Goldförderung in Russland

Das russische Goldförderunternehmen Polyus Gold will mit finanzieller und technischer Hilfe der China National Gold Group Corporation ( http://www.chinagoldgroup.com ) am Standort Natalkinsk eine Aufbereitungsanlage errichten. Die Zusammenarbeit bei der Finanzierung und Technologielieferung soll anschließend auf andere russische Standorte ausgeweitet werden. Für den Standort Natalkinsk wird auch eine chinesische Beteiligung an der dortigen Fördergesellschaft für Gold erwogen. Derzeit planen Experten die technologischen Parameter der Aufbereitungsanlage. Diese soll aus China geliefert werden. Vom Erfolg dieses Projekts wird das weitere gemeinsame Vorgehen abhängen.

Polyus Gold führt die Verhandlungen mit der China National Gold schon seit längerem. Es kam aber immer wieder zu Unterbrechungen, vor allem wegen der starken Schwankungen des Rubelkurses, des volatilen Goldpreises am Weltmarkt und den immer wieder revidierten Daten über die in Natalkinsk tatsächlich vorhandenen Goldmengen. Zuletzt wurden die Verhandlungen im März 2015 erneut aufgenommen.

Aus eigener Kraft kann Polyus Gold das Projekt offensichtlich nicht stemmen. Von der Gesamtsumme von 1,5 Mrd. $ hat das Unternehmen knapp 0,9 Mrd. $ aufbringen können. Unter chinesischer Beteiligung soll die Förderung in Natalkinsk nun 2017 starten.

Koordiniertes Vorgehen in Zentralasien

Russland und China wollen wirtschaftlich gemeinsam in den zentralasiatischen Staaten vorgehen. Angestrebt wird eine Kooperation zwischen der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) und dem chinesischen Regionalprojekt „Neue Seidenstraße“. Bislang haben beide Länder das jeweilige wirtschaftliche und außenpolitische Vorgehen der anderen Seite in Zentralasien skeptisch betrachtet. Dies soll sich ändern, wenn man den russisch-chinesischen Deklarationen in dieser Richtung Glauben schenken darf.

Doch steht fest, dass der chinesische Finanzbeitrag und Ressourceneinsatz in Zentralasien im Rahmen des Projektes „Neue Seidenstraße“ wesentlich höher ist als der russische für die Ausgestaltung der EAWU. Dadurch wird auch in dieser Region offensichtlich, welche der beiden Seiten die Oberhand behält. Seit April 2015 befinden sich im chinesischen Entwicklungsfonds für das Projekt Seidenstraße 40 Mrd. $. Daraus sollen schnell 100 Mrd. $ werden. Russland steckt dagegen durch Ölpreisverfall, westliche Finanzmarktsanktionen und Rezession aktuell in Zahlungsschwierigkeiten.

Wie können deutsche Exporteure mit der Neuausrichtung im russischen Außenhandel umgehen?

Deutsche Unternehmen haben es durch die Neuausrichtung der russischen Außenhandelspolitik schwerer, Lieferaufträge zu erhalten. Die Abkühlung im deutsch-russischen Verhältnis sei besonders in Moskau und Sankt Petersburg deutlich spürbar, berichten Firmenvertreter gegenüber Germany Trade & Invest.

Deutsche Unternehmen könnten sich angesichts der Umorientierung russischer Firmen auf chinesische Anbieter dadurch behelfen, dass sie den russischen Markt von ihren Niederlassungen in der VR China aus bearbeiten und beliefern. Teilweise stehen für diese Transaktionen sogar chinesische Exportkredite und Ausfallversicherungen zur Verfügung. Allerdings muss dafür ein niedrigeres Preisniveau in Kauf genommen werden. Global arbeitende westliche Konzerne gehen schon seit Jahren auf diese Weise vor, zumal ihre Produktionskapazitäten in der Volksrepublik auch für den Export ausgelegt sind. Mittelständische Unternehmen könnten diesem Beispiel folgen.

Eine andere Alternative wäre die Einrichtung eigener Produktionsstätten in Russland. Als juristische Person russischen Rechts gelten sie als inländischer Hersteller und genügen damit lokalen Ausschreibungs- und Beschaffungskriterien.