Russland und VR China vertiefen Wirtschaftskooperation

Bilateraler Handel wird durch finanzielle Zusammenarbeit und Technologietransfer erweitert

Russland_China_russ_ru_550
image_pdfimage_print

Von Ullrich Umann – Moskau (GTAI) In den Wirtschaftsbeziehungen zwischen Russland und der VR China dominierte bislang der Außenhandel. Im Jahr 2016 gesellen sich finanzielle Zusammenarbeit und Technologietransfer hinzu. Gemeinsame Projekte werden realisiert zur Nahrungsmittelerzeugung im Fernen Osten, zur Einrichtung von Rechenzentren und Logistikzentren, zum Ausbau russischer Hochseehäfen, Bau von Hochgeschwindigkeits-Bahnstrecken, Abbau von NE-Metallen und zur Stromerzeugung.

Die russisch-chinesische Annäherung auf wirtschaftlichem Gebiet wird durch die sich abzeichnende Öffnung des chinesischen Kapitalmarkts für russische Unternehmen erleichtert. Hierzu gehört die Vergabe eines ersten ungebundenen chinesischen Konsortialkredits an die russische Außenhandelsbank VEB über 10 Mrd. Yuan (Gegenwert etwa 1,5 Mrd. US$). Für den bilateralen Handel ist die verstärkte Finanzkooperation von Vorteil, für die russischen Pläne zur Umorientierung des Außenhandels in Richtung Asien erst recht.

Auch bei der Projektfinanzierung durch bilaterale Geldgeber wurden Fortschritte erzielt. So wurde mit dem russisch-chinesischen Fonds für die Entwicklung der Agrarindustrie (FAR) ein neues Finanzierungsinstrument geschaffen, an dem sich Banken aus beiden Ländern beteiligen. Die Gründung erfolgte Anfang September 2016 auf dem „2. Östlichen Wirtschaftsforum“ in Wladiwostok.

China öffnet sich für russische Agrargüter

Der Fonds nahm seine Tätigkeit offiziell mit der Unterzeichnung der ersten beiden Finanzierungsverträge auf. Einer der Verträge wurde mit dem größten Fleischproduzenten im russischen Fernen Osten, Ratimir, unterzeichnet. Mit dem Geld finanziert das Unternehmen den Bau einer Schweinefarm. Der zweite Vertrag kommt der Amur Agro Holding zugute, einem Produzenten und Verarbeiter von Soja.

An der Finanzierung beider Projekte beteiligt sich auf russischer Seite der seit 2015 bestehende Fonds zur Entwicklung des Fernen Ostens und der Baikalregion zu 10%. Die chinesischen Partner überweisen 80%. Bei der verbleibenden Quote von 10% handelt es sich um den Eigenanteil der jeweiligen Projektbetreiber.

Von der chinesischen Teilnahme an der Finanzierung von Agrarprojekten erhoffen sich die Verantwortlichen in Russland – neben dem daraus resultierenden Kapital- und Technologiezufluss aus China – eine Lockerung der bislang recht strikten chinesischen Importbestimmungen für landwirtschaftliche Erzeugnisse. Die Massentierhaltung und die industriemäßige Kultivierung von Soja, erst recht im dünn besiedelten Fernen Osten, hat nur dann eine Perspektive, wenn für diese Produkte ausreichend große Märkte in unmittelbarer geographischer Nähe zur Verfügung stehen.

Transportkorridore unter Umgehung von Kasachstan bevorzugt

Das regierungsnahe „Russische Export Zentrum“ schlägt in diesem Zusammenhang den Bau einer Logistikkette vor, um Nahrungsmittelexporte in die VR China auch aus dem europäischen Landesteil Russlands realisieren zu können. Auf diese Weise soll unter anderem die wachsende Konkurrenz durch Kasachstan als alternativem Transportkorridor für den russisch-chinesischen Handel zurückgedrängt werden. Wie das Zentrum argumentiert, würde ein Ausbau der Transportwege durch Kasachstan die russischen Investitionen in die Transportkorridore in Sibirien und im Fernen Osten ein gehöriges Stück entwerten.

Nicht alle Vorhaben in der Stromerzeugung werden auch realisiert

Doch nicht bei allen Vorhaben können sich russische und chinesische Unternehmensvertreter einigen. Bei der Finanzierung von Staudamm- und Wasserkraftvorhaben im Fernen Osten durch die China Three Gorges Corporation (CTGC) hat der russische Projektbetreiber, RusHydro, einen herben Rückschlag erlitten. CTGC teilte seinen Rücktritt von allen vereinbarten Wasserkraftprojekten mit. Dazu hätte die Übernahme von 49% am Wasserkraftwerk Nischne-Burejski für 30 Mrd. Rubel gehört. Das Kraftwerk wird seit 2010 gebaut und soll nach Fertigstellung über eine Leistung von 320 MW verfügen. Die Inbetriebnahme der ersten von vier Wasserturbinen ist für Ende 2016 geplant.

Auch RusHydro will nicht mehr in allen Bereichen mit chinesischen Partnern arbeiten. So trat das Unternehmen seinerseits von einem anderen Gemeinschaftsprojekt mit der CTGC zurück – und zwar vom Bau der vier Staudämme/Wasserkraftwerke Nischne-Zejski (400 MW), Selemtschinsk (300 MW), Giljuisk (462 MW) und Nischne-Nimansk (600 MW). Die dafür aufzubringende Investition wurde mit 230 Mrd. Rubel beziffert. Vorrangiges Ziel der Projekte ist die Errichtung einer zusätzlichen Kaskade von Staubecken, um nach den verheerenden Amur-Überflutungen der jüngsten Vergangenheit den Hochwasserschutz in der Region signifikant zu verbessern. Die Stromgenerierung bleibt dabei zweitrangig, fällt praktisch als Synergieeffekt an.

China investiert in russische Kohlekraftwerke

Ein gelungenes russisch-chinesisches Joint Venture in der Stromerzeugung ist hingegen der Bau eines 450-MW-Wärmekraftwerks in Jaroslawl. An diesem Projekt ist auf russischer Seite die SP TGK-2 und auf chinesischer Seite das Unternehmen Huadian beteiligt. Von den Investitionskosten von 20 Mrd. Rubel (277,1 Mio. Euro; 1 Euro = 72,1488 Rubel, EZB-Wechselkurs vom 9.9.2016) trägt Huadian 49%. Aktuell meldet Huadian Interesse an einer weiteren Beteiligung – am größten russischen Kohlekraftwerk Enel Rossija (3,8 GW) am Standort Reftinsk.

China ist Premiumpartner für Hochgeschwindigkeit

Neben der anlaufenden russisch-chinesischen Kooperation bei der Erzeugung von Nahrungsmitteln und von Strom schiebt sich in letzter Zeit die Zusammenarbeit beim Ausbau der Verkehrsinfrastruktur in den Vordergrund. Eine wichtige Rolle spielt dabei im Schienenverkehr der geplante Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Moskau und Kasan.

Die Baukosten für die 770 km lange Hochgeschwindigkeitsstrecke Moskau-Kazan wird mit 1,07 Billionen Rubel (14,8 Mrd. Euro) veranschlagt. Davon ist die chinesische Seite bereit, etwa ein Drittel vorzufinanzieren. Sowohl der Baustart als auch die Inbetriebnahme wurden in den letzten Jahren wegen bislang ungeklärter Lokalisierungs- und Finanzfragen immer wieder verschoben.

Eine Hürde stellte unter anderem die Weigerung der chinesischen Projektbeteiligten dar, das rollende Material in Russland zu bauen. Dieses Hindernis scheint durch eine Vereinbarung zwischen CRRC und Sinara nun beseitigt worden zu sein. Nach den jüngsten vorliegenden Informationen sollen die ersten Hochgeschwindigkeitszüge ab 2021 zwischen Moskau und Kazan rollen.

Lokalisierung chinesischer Eisenbahntechnik

Die russische Holding Sinara aus Jekaterinburg verkündete Ende Juni 2016, dass der chinesische Eisenbahnhersteller CRRC bei Sinara Hochgeschwindigkeitszüge bauen lassen will. Eine entsprechende Vereinbarung wurde zwischen Sinara, CRRC und der chinesischen Eisenbahngesellschaft unterzeichnet. Die Züge nach chinesischer Bauweise sollen Geschwindigkeiten von mehr als 300 km/h erreichen können.

Damit wären die russischen Forderungen nach einer tieferen Lokalisierung des rollenden Materials für die zu bauende Hochgeschwindigkeitsstrecke Moskau-Kasan erfüllt. Zudem hat Sinara Erfahrungen bei der Zusammenarbeit mit ausländischen Technologiegebern, denn Siemens lässt hier schon seit längerem Triebwagen und Waggons für den Bedarf der russischen Eisenbahngesellschaft RZD montieren.