Russland und die Sanktionen. Teil 2

[Von Dr. Christian Wipperfürth] Russlands Wirtschaftsdaten waren im späten Frühjahr 2014 deutlich günstiger als zu Beginn des Jahres, trotz der zwischenzeitlich verhängten Strafmaßnahmen des Westens. (S. Russland und die Sanktionen. Teil 1) Die Sanktionen beeinträchtigen gleichwohl die ökonomische Entwicklung. Sie könnten in Russland – und weltweit – darüber hinaus zu sehr unangenehmen Überraschungen führen:

Russische Banken sind in den vergangenen 15 Jahren zwar kräftig gewachsen, sie bleiben im internationalen Vergleich bislang jedoch wenig leistungsfähig. Russlands Bürger hatten in den 90er Jahren faktisch ihr gesamtes Erspartes verloren und haben um die Jahrtausendwende wieder bei null angefangen. Demzufolge mangelt es den Banken nicht nur an Erfahrung, sondern auch an Geld, das sie als Kredit vergeben können. Unter den 30 weltweit führenden Banken kommen 28 aus dem Westen, aber keine aus Russland. Nur zwei Kreditinstitute sind in China beheimatet. Das bedeutet: Russische Unternehmen sind genötigt, einen hohen Anteil ihres Finanzbedarfs auf ausländischen Märkten zu decken. Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Zum ersten können sich Unternehmen frisches Kapital an der Börse beschaffen. Für russische Firmen sind westliche Börsen immer noch wichtiger als die heimatlichen. Börsengänge oder Kapitalerhöhungen fallen zwar nicht unter die Sanktionen, aber die Möglichkeit ihrer weiteren Verschärfung verhindert derzeit faktisch eine Kapitalbeschaffung an westlichen Börsen. Investoren und Spekulanten warten aus nachvollziehbaren Gründen ab. (S. zu diesem Thema: Die wirtschaftlichen Kosten des Russlandbildes)

Eine weitere Möglichkeit für größere Unternehmen, sich Geld zu verschaffen, ist die Ausgabe von Unternehmensanleihen. Hierbei gilt grundsätzlich dasselbe wie bei den Börsen.

Die dritte Möglichkeit die Finanzen aufzubessern ist ein Kredit. Schauen wir uns dieses Thema etwas genauer an:

Insgesamt schulden russische Unternehmen ausländischen Gläubigern – überwiegend aus dem Westen – etwa 600 Mrd. US-$. Diese Summe hat sich in den Jahren seit 2006 mehr als verdreifacht. Russische Unternehmen sind expandiert bzw. haben sich durch die Übernahme von Konkurrenten verschuldet. Rund 150 Mrd. US-$ haben russische Unternehmen sich selbst geliehen: Sie hatten zuvor das Geld ins Ausland an ein Tochterunternehmen mit Sitz in einem „Steuerparadies“ transferiert. Und dieses gibt daraufhin der Mutter einen „Kredit“ zu einem hohen Zinssatz, der die Steuerbelastung in Russland senkt.

Die „echten“ Auslandsschulden russischer Unternehmen belaufen sich somit auf 400 bis 450 Mrd. US-$. Französische, italienische, österreichische und US-Banken sind im Russlandgeschäft besonders stark engagiert. Erst danach folgen die deutschen Institute.

Bislang konnten die Banken diese Kredite an Fonds und Versicherungsgesellschaften weiter verkaufen. Dieses Geschäft stockt jedoch. Die Marktteilnehmer warten ab.

In diesem Sommerhalbjahr werden zwischen 50 und 100 Mrd. US-$ refinanziert werden müssen. Das heißt: Die Laufzeit der Kredite läuft ab, sodass Verhandlungen über eine eventuelle Verlängerung anstehen. Wie werden sich die westlichen Banken verhalten? Sie könnten in Anbetracht der angespannten politischen Situation aus nachvollziehbaren Motiven  zögern, Kredite zu verlängern. Oder: Sie werden zumindest deutlich höhere Zinsen verlangen, weil ihr Ausfallrisiko gestiegen ist. Diese zusätzliche Belastung werden viele bisherige Kreditnehmer nicht tragen können. Zudem ist der Umfang neuer Kreditausgaben deutlich zurück gegangen.

Westliche Banken wollen ihre Geschäftskontakte mit ihren russischen Kunden zwar nicht gefährden, aber sie sind aus durchaus nachvollziehbaren Gründen vorsichtiger und zurückhaltender geworden. Falls sich die Situation weiter zuspitzt, könnte es zu einer faktischen Kreditsperre kommen. Russische Banken aber wären nur ganz unzureichend in der Lage, westliche Kredite zu ersetzen.

Die russischen Devisenreserven belaufen sich zwar auf knapp 500 Mrd. Dollar, dazu treten erhebliche Goldreserven. Der Kreml wird vorübergehend bereit und in der Lage sein, Unternehmen, die sich aufgrund der faktischen westlichen Kreditsperre in Schwierigkeiten befinden, unter die Arme zu greifen. Aber nicht auf Dauer.

Somit könnte fraglich werden, ob die westlichen Banken ihre Kredite zurückerhalten werden. Da es sich um Summen handelt, die deutlich höher sind als etwa im Falle Griechenlands, könnte dies den Interbankenhandel lähmen, ähnlich wie zeitweise während der Euro-Schuldenkrise. Die öffentliche Hand würde einspringen müssen und/oder Zentralbanken. Die Auswirkungen könnten sowohl wirtschafts- als auch innenpolitisch (in Deutschland, dem Westen und weltweit) sehr gravierend sein. Von dem außenpolitischen Scherbenhaufen ganz zu schweigen.

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.