Russland und die Sanktionen. Teil 1

[Von Dr. Christian Wipperfürth] Russland schien im vergangenen Winter und Frühjahr vor einer Rezession zu stehen. Seit einigen Wochen mehren sich jedoch die Anzeichen für ein wieder anziehendes Wirtschaftswachstum.

Der Kapitaltransfer ins Ausland, der im ersten Quartal 2014 bedrohliche Ausmaße angenommen hatte, ist zudem beträchtlich gesunken. Auch der Kurs des russischen Rubels hat sich gefangen: Zwischen Mitte Januar und Anfang März war er im Vergleich zum Euro um etwa 12 Prozent gefallen, seitdem hat er die Verluste großenteils wieder wettmachen können. (Zur Entwicklung des Rubels s. Rubel unter Druck  5. Februar 2014)

Die Devisenreserven sind dabei kaum gefallen – anders als bei der Stützung der Währung Ende 2008 – und bewegen sich auf einem international nach wie vor sehr hohen Niveau. Die russische Zentralbank betont zudem, die Stabilität des Bankensystems sei auch bei einer wesentlichen Verschärfung der westlichen Sanktionen nicht gefährdet.

Auch die Rückstufungen der Kreditwürdigkeit Russlands durch die drei großen Ratinggesellschaften haben sich nicht negativ ausgewirkt. Die führende Ratingagentur „Standard & Poor’s“ stufte die Kreditwürdigkeit zwar beispielsweise auf „BBB-“ herunter, nur eine Stufe über dem sogenannten „Ramschniveau“. Der Ausblick für das Rating ist negativ, sodass weitere Herabstufungen möglich sind.

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Die Zinsen sind mit derzeit etwa 8,7 % zwar recht hoch, aber sogar niedriger als vor den Rückstufungen. Das Vertrauen der Investoren und Spekulanten in die Objektivität der großen Ratingagenturen, die allesamt in den USA beheimatet sind, ist offensichtlich begrenzt.

Während des Höhepunkts der Eurokrise wurden den drei US-Gesellschaften auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern unfaire oder inkompetente Ratings vorgeworfen. Aus den zeitweiligen Plänen, auch diesseits des Atlantiks eine eigene große Ratingagentur auszubauen, scheint jedoch nichts zu werden.

China besitzt mit der Agentur „Dagong“ bereits eine eigene Agentur, die zu bemerkenswert anderen Einschätzungen der Kreditwürdigkeit der USA, Chinas und Russlands kommt als ihre drei übermächtigen Konkurrenten.

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Die chinesische Agentur schätzt die Kreditwürdigkeit Chinas, aber auch Russlands höher ein als diejenige der USA. Sie macht dies insbesondere am Ausmaß der Staatsverschuldung fest.

Dagong besitzt international jedoch bei weitem nicht die Bedeutung der drei großen Konkurrenten. Dies könnte sich mittelfristig jedoch ändern: China und Russland haben bei dem Staatsbesuch Präsident Putins beschlossen, auf der Basis von Dagong eine gemeinsame, international bedeutende Agentur auszubauen. Man kann sicher sein Peking und Moskau ihre Pläne nicht in der Schublade verschwinden lassen werden. Womöglich werden sich weitere Länder dem Projekt anschließen.

Fassen wir zusammen: Es ist zweifelhaft, ob der Versuch, Russland mittels Sanktionen politisch und wirtschaftlich unter Druck zu setzen, erfolgreich war. Die aktuellen Daten sprechen zumindest dagegen. Zudem fühlt sich Russland bestärkt, seine Kooperation mit China zu vertiefen. Vereint sind sie durchaus in der Lage, die Übermacht des Westens im Finanzsektor deutlich zu vermindern.

Andererseits in es jedoch denkbar, dass tausende russische Unternehmen – und somit die gesamte Wirtschaft – noch im Verlauf dieses Jahres in schwere Turbulenzen geraten könnten, selbst wenn die westlichen Strafmaßnahmen nicht verschärft werden sollten: Wegen der hohen Auslandsverschuldung russischer Unternehmen.

Dies wird in den kommenden Tagen in einem weiteren Beitrag thematisiert.

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.