Russland und Deutschland brauchen sich auch heute

Matthias Platzeck und der Wolgograder Oberbürgermeister Andrej Kossolapow (re.) auf dem Forum "Dialog an der Wolga" Bild © Hübner

Zu den Teilnehmern des internationalen Forums „Dialog an der Wolga. Frieden und gegenseitige Verständigung im 21. Jahrhundert“ gehörte auch der Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums und ehemalige Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck. Mit Russland.NEWS sprach er über die Konferenz, die Stadt Wolgograd und Gemeinsamkeiten mit der Linkspartei.

Der Dialog an der Wolga ist eine sehr in die Zeit passende Initiative. Manchmal kann es sinnvoll sein, bei Schwierigkeiten in den Beziehungen von Staaten, die Ebene zu wechseln, um wieder etwas voran zu kommen. Im Verhältnis zwischen Deutschland und Russland stehen wir vor einem Scherbenhaufen, die Beziehungen sind so schlecht, wie seit 25 Jahren nicht mehr.

Deshalb liegt die Betonung bei diesen Wolgograder Begegnungen darauf, wie die Zivilgesellschaften beider Länder in den Kommunen und Regionen Möglichkeiten des Miteinanders finden und nutzen. Dafür wurde auf dem Forum der Begriff „Volksdiplomatie“ benutzt.

Es hat mich fasziniert zu sehen, dass sich so viele Bürger, hier wie dort, nicht mit der politischen Eiszeit abfinden, sondern überlegen, wie sie dafür sorgen können, dass wir erstens weiter im Gespräch bleiben und nicht alle Brücken abbrechen, die es noch gibt. Zweitens hat aus deutscher Sicht die Stadt Wolgograd, eine besondere Bedeutung. Ich habe vor einiger Zeit auf den Gräberfeldern vor dem ehemaligen Stalingrad gestanden und ich glaube, dieses Nebeneinander eines deutschen und eines russischen Soldatenfriedhofes berührt jeden, dem die Geschichte gegenwärtig ist. Auch aus meiner Familie ist ein Angehöriger vor Stalingrad gefallen und so gibt es wohl für viele Deutsche ähnliche Bezüge zu den damaligen Ereignissen, der Schlacht mit den meisten Toten im zweiten Weltkrieg.

Ich denke, wir als Deutsche sollten auch immer ein Stück Verantwortung in uns tragen, zumal die Menschen in Russland, trotz dieses nie dagewesenen Vernichtungskrieges, uns das Geschenk der Vergebung, der Versöhnung, ja sogar der Freundschaft dargebracht haben. Meiner Meinung nach gehen wir mit diesem Geschenk nicht sorgsam genug um.

Deshalb kommt dem „Dialog an der Wolga“ mit seinen vielen zivilgesellschaftlichen Initiativen eine ganz besondere Bedeutung zu. Diese Beteiligten in den Kommunen und Regionen leisten einen wichtigen Beitrag dafür, dass wieder mehr Gemeinsamkeit entsteht. Das verlangt viel Anstrengung und Standhaftigkeit im Gegenwind, aber es gibt Chancen und Perspektiven. Ein gutes Beispiel ist die Städtepartnerschaft zwischen Wolgograd und Köln, die auf vielen Gebieten sehr lebendig gestaltet wird.

Vor wenigen Wochen hatten wir in Krasnodar die 14. deutsch-russische Städtepartnerkonferenz. Dort wurde beschlossen und durch die Außenminister Lawrow und Gabriel verkündet, dass  2017/18 übergreifend das Jahr der deutsch-russischen Städte- und Regionalpartnerschaften werden und sein soll. Das Deutsch-Russische Forum hat den Auftrag bekommen, dieses Jahr auszugestalten und zu begleiten. Wir wollen diese Zeit nutzen, um die Partnerschaft auf eine breitere Basis zu stellen, denn auf der Ebene von Kommunen und Regionen passiert alles, was das Leben der Bürger ausmacht, ob Kultur, Umwelt oder Gestaltung der Lebenswelt. Alles das kann sich in der Partnerschaft widerspiegeln und zu stabilen, weil arbeitsbezogenen Kontakten führen.

Wir haben in Wolgograd ganz unterschiedliche Projekte kennengelernt und auch erlebt, wie man sich gegenseitig Mut gemacht hat. So entsteht aus vielen Mosaiksteinchen ein Bild von stabilen Beziehungen, die auch von politischen Schwierigkeiten nicht zerstört werden können. Denn: Russland und Deutschland sind über Hunderte von Jahren in vielerlei Weise eng miteinander verbunden. Es gab Zeiten freundschaftlichen Miteinanders und Phasen tragischen Gegeneinanders. Ich denke, Russland und Deutschland brauchen sich auch heute.

Diese Erkenntnis fand in den Diskussionen auf dem Forum eine lebendige Bestätigung.

Wir im Deutsch-Russischen Forum werden alles tun, damit sich noch mehr Gemeinden, Städte und Regionen entschließen, Beziehungen zu einem russischen Partner aufzubauen. Zumal beide Regierungen solche Initiativen nun sogar fördern.

Noch ein ganz persönliches Beispiel: Ich bin Kuratoriumsmitglied der Stiftung für den Wiederaufbau der Garnisonskirche Potsdam, einer Nagelkreuzgemeinde. Das erste Nagelkreuz wurde 1940 Coventry nach der Bombardierung der Stadt aus drei großen Nägeln der zerstörten Kathedrale angefertigt und gilt als Zeichen der Versöhnung. Gemeinsam mit Coventry und Wolgograd gehören wir der weltweiten Nagelkreuzgemeinde an. Mein Engagement dort entspricht meinem persönlichen Grundsatz, den ich von einem meiner politischen Ziehväter, Johannes Rau, übernommen habe: Versöhnen, wo immer es möglich ist, statt zu spalten.

Ich weiß, dass es in meiner Partei, der SPD, unterschiedliche Blickwinkel auf Russland gibt, doch denken viele ähnlich wie ich. Zudem sehe ich hier Schnittmengen mit der Linkspartei, wie während der Konferenz in Wolgograd, an der auch der Vorsitzende der LINKE Bundestagsfraktion, Dietmar Bartsch, teilnahm, zu spüren war. Die Suche nach solchen Übereinstimmungen halte ich auch unter dem Aspekt für sinnvoll, damit perspektivisch die linke Mitte in Deutschland wieder mehrheitsfähig wird.

[hh/russland.NEWS]

Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.