Russland oder Ukraine – wem gehört die Rus?

[von Michael Barth] Russland soll nicht an den Feierlichkeiten der Christianisierung der Rus vor 1030 Jahren teilnehmen dürfen. Zumindest nicht, wenn es nach dem Willen Kiews ginge. Die „Taufe der Rus“ gilt im Allgemeinen als die Geburtsstunde des russländischen Staates. Nun will die ukrainische Regierung den alleinigen Anspruch auf die Rus für sich erheben. Ein Buch soll helfen, die Geschichte zu verstehen.

Wladimir dem Weisen gelang es im Jahr 988 durch die Einführung des an Byzanz angelehnten Orthodoxen Glaubens, die ostslawischen Völker zu einen. Aus mehr oder weniger losen Stammesverbänden entwickelte sich eine erste allrussische Staatsform, zu der die Kleinrussen, die Weißrussen und das heutige Russland in seinen damaligen Grenzen bis zum Khanat Kasan zählten. Die Hauptstadt dieses ersten russländischen Staatsgebildes war Kiew, bevor es im 13. Jahrhundert zweimal von der Goldenen Horde der Mongolen zerstört wurde.

Als der Metropolit den Hauptsitz der Kirche im Jahr 1299 zunächst nach Wladimir und 1326 nach Moskau verlegte war die Rus endgültig Geschichte. Nun heißt dies jedoch nicht, dass es stattdessen bereits einen ukrainischen Staat auf dem Territorium Kiews gegeben hätte. Auf der rechten Seite entlang des Laufs des Dnjepr regierte das Königreich Polen und Litauen, im Süden die Osmanen und linksufrig lebten nomadisierende Tatarenvölker. Erst ab dem späten 16. Jahrhundert begann sich eine Art eigenständige Nationalität herauszukristallisieren.

Bis dahin hatten sie alle ihre Spuren hinterlassen. Die Juden in Galizien, die polnischen Katholiken im Westen und die orthodoxen Russen im Nordosten. Die Kosaken im Südosten verteilten ihre Unterstützung, wie sie es gerade brauchten, bevor sie 1646 ihr eigenes Hetmanat ausriefen.

Der Streit unter Brüdern

Um zu verstehen, was es mit den Streitigkeiten der Ukraine und Russland heute auf sich hat, muss man zwangsläufig tief in der Geschichte wühlen. Diese akribische Arbeit hat Andreas Kappeler übernommen, ein Historiker für Osteuropäische Geschichte, der bereits im Jahr 1992 mit dem im C.H. Beck-Verlag erschienenen Buch Russland als Vielvölkerreich ein Standardwerk über die ethnischen Verhältnisse innerhalb Russlands schuf. Nun hat Kappeler ein neues Buch veröffentlicht, in dem er explizit auf die Gemeinsamkeiten, oder je nach dem auch Differenzen, Russlands und der Ukraine eingeht.

Der Titel Ungleiche Brüder – Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis in die Gegenwart, ebenfalls im C.H. Beck-Verlag erschienen, kann es treffender nicht ausdrücken, wie es um das Verhältnis beider Staaten bestellt ist. Auf 267 Seiten versucht Andreas Kappeler den Werdegang der Ukraine von einer Ethnie bis hin zu einem eigenständigen Staat nachzuzeichnen. Übersichtlich geordnet in Kapiteln, die sich auf den geschichtlichen, kulturellen und politischen Aspekt im Streben nach Unabhängigkeit beziehen. Und er zeigt, mit welchem Selbstverständnis Russland die Ukraine lange Zeit als Provinz des Reiches betrachtete.

Allerdings wird auch nicht verschwiegen, dass sich die Ukraine, oder das was man heute darunter versteht, regelmäßig an den großen Bruder wandte, wenn die territoriale Sicherheit gefährdet war. Russland indes konnte von dem, aus Polen übernommenen, Wissen der Universitäten Kiews und Charkows profitieren. Zu dieser Zeit begann das Konglomerat Ukraine, zumindest in den Städten, einen ausgeprägten Nationalstolz zu entwickeln. Für Großrussen war eine Reise in das Gebiet zwischen Don und Bug laut Kappeler jedoch vergleichbar mit einer Landpartie.

Das Gefälle zwischen Stadt und Land war überdurchschnittlich ausgeprägt und durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung der fruchtbaren Böden entstand der Mythos um die „Kornkammer Ukraine“. Die Bewohner wurden von den Russen als Bauernvolk wahrgenommen, dessen „kleinrussischer Dialekt“ für sie oft nur schwer verständlich war, erklärt der Autor. Mit dem Ersten Weltkrieg begann das Ringen um die Ukraine erneut, bis sie sich abermals zwischen den Fronten wiederfand.

Ein Vierteljahrhundert Unabhängigkeit

Nach dem Krieg galt die Ukraine zwar endlich als eigenständiges politisches Subjekt, die Ukrainer jedoch waren nach 1918 das größte Volk Europas ohne einen eigenen Nationalstaat. 1922 schlossen sich die jungen sozialistischen Republiken Russlands, der Ukraine, Weißrusslands und Transkaukasiens zur Sowjetunion zusammen. Der Ukraine bot dies die Gelegenheit, sich auf ihren eigenen weitgehend souveränen Staat zu konzentrieren.

Dann brach der Zweite Weltkrieg aus, Deutschland fiel über die Ukraine her. Auch wenn die Sowjets als Sieger aus dem Gemetzel herausgehen sollten, wieder war es der „kleine Bruder“, der Grenzverschiebungen hinnehmen musste. Polen bekam einen Teil seines ehemaligen Territoriums zurück, dafür wurden Teile Bessarabiens der Ukraine zugestanden. Aus einer sowjetischen Laune heraus, kam später auch die Krim hinzu. Nun hatte die Ukraine endlich ihren eigenen Staat, den sie auch nach dem Zerfall der UdSSR 1992 für sich beanspruchen durfte. Im Frühjahr 2014 brachen dann die alten Wunden wieder auf.

Die ethnische Einheit begann erneut zu bröckeln, der Konflikt mündete in einem Bürgerkrieg. Erneut droht die Ukraine, die erstmals für ein Vierteljahrhundert wirklich unabhängig war, auseinanderzubrechen. Wie schon seit Jahrhunderten orientiert sich der Osten Richtung Russland, der Westen nach Europa. Heute jedoch ist die Ukraine zu einem großen geopolitischer Spielball geworden. Um in den Wirren nicht ganz unterzugehen, klammert sich das fragiler denn je gewordene Staatengewirr Ukraine nun an den historischen Terminus Rus. Es wirkt, als wolle die Ukraine damit ihre Daseinsberechtigung begründen.

Kritiker geben zu denken, dass die Inbesitznahme des Begriffes Rus durch Russland eine „aggressive Erinnerung an die Zeitweiligkeit des ukrainischen Staates“ und damit einen Angriff auf die Souveränität der Ukraine darstelle. Mit der Begründung, die 1030-Jahr-Feier sei eine rein interne Angelegenheit, will Kiew nun Russland explizit aus dem gemeinsamen Geschichtsbild ausklammern. Laut der Nesawissimaja Gaseta laufen die Vorbereitungen für den Feiertag „Taufe 1030“ in der Ukraine bereits auf Hochtouren. Im Vordergrund stünden, so die Zeitung, „nationale patriotische Veranstaltungen für junge Menschen“.

Somit stellen Kappelers Ungleiche Brüder ein unverzichtbares Werk für all diejenigen dar, die sich, fernab von Stereotypen, ein ideologiefreies Bild der aktuellen Auseinandersetzungen zwischen Moskau und Kiew machen wollen. Faktenreich hilft dieses Buch, hinter die Kulissen der Geopolitik rund um die Ukraine zu schauen.

Über den Autor: Andreas Kappeler ist emeritierter Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien. Als Mitglied der Österreichischen und Ukrainischen Akademie der Wissenschaften war der gebürtige Schweizer verantwortlicher Herausgeber der Jahrbücher für Osteuropäische Geschichte und sitzt im Herausgeber-Kollegium mehrerer internationaler Fachzeitschriften. Kappeler studierte von 1962 bis 1969 Slawistik, Geschichte, Publizistik und Osteuropäische Geschichte an den Universitäten Zürich und Wien. Der Historiker gilt als führender Ukraine-Experte im deutschsprachigen Raum.

Andreas Kappeler: Ungleiche Brüder – Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis in die Gegenwart, Verlag C.H. Beck 2017, 263 Seiten, 4 Karten, ISBN: 978-3-406-71410-8