Russland substituiert Import von Medizintechnik

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Von Ullrich Umann Moskau (gtai) – Russlands Markt für Medizintechnik und medizinisches Verbrauchsmaterial ist für deutsche Hersteller immer schwerer zu bearbeiten. Die Gesundheitsausgaben werden gekürzt. Bei der Vergabe öffentlicher Aufträge werden Hersteller aus der Eurasischen Wirtschaftsunion bevorzugt, Importe zurückgedrängt. Das Ministerium für Industrie und Handel veröffentlichte im März 2015 eine Liste von Medizintechnik und medizinischen Verbrauchsmaterialien, deren Einfuhr abzulösen ist.

Marktvolumen sinkt – Trendumkehr nicht vor 2017 in Sicht

Das Marktvolumen für Medizintechnik in Russland sinkt. Die auf Medizintechnik spezialisierte Marktforschungsagentur NTZ Meditex geht davon aus, dass der Markt für Medizintechnik 2015 um 7 bis 10% schrumpft. Nachdem im Vorjahr das Marktvolumen laut Meditex bei 199,6 Mrd. Rubel oder 3,0 Mrd. Euro lag, entspräche das einem Rückgang auf 2,7 Mrd. bis 2,8 Mrd. Euro.

Probleme mit geringeren Einnahmen im Staatshaushalt führen zu Kürzungen des Gesundheitsbudgets. Zwar wächst der private Gesundheitssektor, doch kann dessen Expansion die Einsparungen im öffentlichen Sektor nicht komplett kompensieren.

Mit einer spürbaren Erholung der öffentlichen Gesundheitsausgaben rechnen die Experten von Meditex nicht vor 2017. Im Zeitraum 2017 bis 2018 endet die höchstzulässige Betriebslaufzeit vieler Hochtechnologiegeräte, die in den Jahren verstärkter Investitionen in die Medizintechnik von 2011 bis 2013 angeschafft worden waren. Daher staut sich im besagten Zeitraum ein beträchtlicher Reparatur- und Austauschbedarf auf.

Importsubstitution soll Inlandsproduktion ankurbeln

Deutsche Hersteller von Medizintechnik und medizinischen Verbrauchsmaterialien haben es immer schwerer, Lieferaufträge aus dem öffentlichen Gesundheitswesen in Russland zu erhalten. Neben der Sparpolitik liegt dies an Bestimmungen für die Vergabe öffentlicher Aufträge, die Hersteller aus der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) bevorzugen. Gibt es die gewünschten Produkte innerhalb der EAWU nicht, kommen Lieferanten aus Ländern zum Zuge, die sich den Sanktionen gegen Russland nicht angeschlossen haben. Hierzu gehören vor allem die VR China, Korea (Rep.) und die Türkei.

Seit Anfang 2015 setzt die russische Regierung verstärkt auf Importsubstitution. Dies schränkt die Liefermöglichkeiten deutscher Hersteller künftig noch weiter ein. Die Importsubstitutionspolitik zielt darauf ab, Quantität und Qualität der von der lokalen Industrie angebotenen Erzeugnisse zu erhöhen. Das Ministerium für Industrie und Handel veröffentlichte im Erlass Nr. 655 vom 31. März 2015 eine Liste von 111 Erzeugnissen der Medizintechnik und medizinischen Verbrauchsmaterialien, deren Produktion in Russland gesteigert werden soll, um Importe abzulösen.

Einfuhren sollen unterschiedlich schnell und stark gesenkt werden

In der Importsubstitutionsliste nennt das Ministerium für jede Warenposition einen Zeitraum, in dem der Einfuhranteil am gesamten Marktvolumen auf einen bestimmten Prozentwert gesenkt werden soll. Laut Liste beträgt beispielsweise die Importabhängigkeit bei medizinischer Watte aktuell 39%. Bis zum Jahr 2020 soll diese Quote auf 30% abnehmen. Bei chirurgischen Handschuhen wird ein Rückgang von 95% auf 60% angestrebt, bei Kathedern von 96 auf 25% und bei chirurgischen Instrumenten von 38% auf 30%. Bei Prothesen soll der Anteil von 90% auf 24 bis 55% – je nach Art der Prothese – schrumpfen.

Die bereits bestehende Montage von Computertomographen soll ausgeweitet werden. Ziel ist es, den Importanteil von derzeit 55% auf 12% im Jahr 2020 zu senken. Bei Magnetresonanztomographen soll der Einfuhranteil von 95 auf 50% fallen. Röntgengeräte, deren Importanteil aktuell – je nach Bauart oder Einsatzgebiet – zwischen 44 und 70% liegt, sollen 2020 schon zu 88 bis 91% aus russischer Produktion kommen.

Industrieministerium fördert Produktion von medizinischen Erzeugnissen in Russland

Zur Ausweitung der Produktion in Russland werden vor allem russische Branchenunternehmen durch das Industrieministerium gefördert – aber auch ausländische Investoren, die sich zu einer Produktion der in der Liste aufgeführten Güter in Russland entschließen. Da ab sofort jeder ausländische Investor mit dem Ministerium vorab einen individuellen Investitionsvertrag unterschreibt, kann von weitgehender Rechtssicherheit für jedes Engagement ausgegangen werden.

Das Industrieministerium verpflichtet sich in den Verträgen, das investierende ausländische Unternehmen zu öffentlichen Ausschreibungen zuzulassen und sichert obendrein steuerliche Anreize oder auch Zuschüsse zu. Der Investor muss im Gegenzug die fristgerechte Projektrealisierung, einschließlich des ausgehandelten Lokalisierungsgrades, gewährleisten. Auf den Lokalisierungsgrad – mit anderen Worten auf den Umfang und die Tiefe des Technologietransfers – kommt es dem Ministerium vor allem an.

Produktion von Medizintechnik in Russland steigt

Ob das Konzept der Importsubstitution am Ende des Tages aufgeht, ist derzeit schwer einzuschätzen. Bei Betrachtung der aktuellen Daten zur Industrieentwicklung fällt auf, dass sich die Medizintechnikbranche im 1. Halbjahr 2015 positiv und damit antizyklisch entwickelt hat. Während die gesamte Industrieproduktion im ersten Halbjahr um 2,7% gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum schrumpfte, stieg die Produktion von Medizintechnik um 14,2% im Wert. Allein im Juni wurde Medizintechnik für 2,7 Mrd. Rubel (40,0 Mio. Euro; 1 Euro = 66,00 Rubel, Stand: 1.8.2015) ausgeliefert. Das entspricht einem Plus von 21,7% gegenüber Juni 2014 und von 22,1% gegenüber Mai 2015.

Insbesondere die verstärkte Vergabe von öffentlichen Aufträgen an inländische Produzenten führte zu einer Belebung der Produktion. Dagegen nahmen die Einfuhren ab. Ursachen waren die Zugangsbeschränkungen zu öffentlichen Ausschreibungen für westliche Lieferanten und Einfuhrpreiserhöhungen infolge des Rubelkursverfalls. Aber auch zu teure oder gar fehlende Finanzierungen hemmten die Einfuhren aus dem Euro- und Dollar-Raum.

Deutsche Produzenten können bei diesen Rahmenbedingungen nur dann auf einen Auftrag hoffen, wenn sich ihre Erzeugnisse durch Alleinstellungsmerkmale auszeichnen. Dazu gehören ein spezifisches Anwendungsgebiet in der Gerätemedizin, eine herausragende Bedienbarkeit, Robustheit und eine überdurchschnittliche Betriebsdauer. Auch ein hervorragender Service, die rasche Verfügbarkeit von Ersatzteilen und die Ausbildung von Bedienungspersonal bringen Pluspunkte. Günstige Finanzierungsangebote sind selbstverständlich erforderlich, lassen sich angesichts der Finanzmarktsanktionen aber nur schwer darstellen.