Russland sieht Sanktionen gelassen – die deutsche Wirtschaft bangt

Die politischen Risiken, wie auch die ersten Sanktionen der USA gegen Personen und Vermögen sieht Russland derzeit nicht als ernstafte Bedrohung. Auch die in Russland arbeitenden ausländischen Unternehmen verfahren nach dem bewährten Prinzip „Business as usual“

So ließen die größten russischen Banken – die Sberbank und die WTB – über die Russische Wirtschaftsgentur RBC verlauten, dass man Entscheidungen treffen werde, falls sich die Lage drametisch verschlechtert. Gegenwärtig sei man davon aber noch weit entfernt.

Aus der russischen Niederlassung der italienischen Unicredit Bank, an der auch die Allianz Gruppe beteiligt ist, heißt es, dass die Bank bislang keine Hinweise vom Mutterunternehmen zu möglichen Veränderungen in der Politik der Geschäftsführung in Russland erhalten hat. Eine ähnliche Antwort gab auch ein Manager der Raiffeisenbank.

Von einer Verringerung der Aktivität in Russland sprach die skandinavische Bank NORDEA. Von dort wurde mitgeteilt, dass ein Teil der Limits zwischen den Banken geschlossen wurde.

IKEA- Präsident Alstom in Russland, der Ukraine und Weißrussland, Phillip Pegorje, kündigte an, dass seine Gesellschaft die Produktion in Russland fortsetzen wird. Eine ähnliche Position vertritt hält auch der Generaldirektor Volkswagen Group RUS, Markus Osegowitsch. „Es wird keine Revision unserer Pläne in Russland geben“, bestätigte auch der Vertreter von Kia Motors Rus.

Wie gestern Russland.Ru aus dem Ostausschuss der deutschen Wirtschaft erfuhr, gibt es bislang keine Anzeichen für einen Rückzug deutscher Unternehmen aus Russland in zusammenhang mit den Geschehnissen um die Ukraine und die Krim. „Die deutschen Unternehmen haben mit ihrem Russland-Engagement eine strategische Entscheidung getroffen, die sie nicht ohne Weiteres wegen der aktuellen Geschehnisse zurücknehmen werden.“

„Ein Boykott wäre Blödsinn“

Die deutsche Wirtschaft sieht einer Verschärfung der beziehungen zu Russland mit Unbehagen gegen über.

Ulrich Treier, der Chef der Außenwirtschaft beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), befürchtet, dass Russland auf einen G-8-Ausschluss mit weiteren protektionistischen Maßnahmen reagieren könnte. Das Land, das 2012 dem Welthandelsabkommen WTO beitrat, lässt schon jetzt bestimmte Nahrungsmittel aus Deutschland nicht über die Grenzen. Werde Russland von den westlichen Nationen ausgegrenzt, könnte das die wirtschaftlichen Spannungen verstärken. Damit gefährde Russland allerdings die eigenen wirtschaftlichen Perspektiven und bleibe konjunkturell einseitig von seinen Rohstoffexporten abhängig.

Klaus Mangold, langjähriger, Vorsitzender des Ost-Ausschusses, verlangte, statt über Sanktionen gegen Russland zu reden, müssten „vorgezogene G-8-Gespräche“ stattfinden. „Ein Boykott wäre Blödsinn“, sagte Mangold, der seit 2005 Honorarkonsul Russlands für Baden-Württemberg ist. „Wenn wir das Geschäft nicht machen, freuen sich die Chinesen.“ China hatte vor zwei Jahren Deutschland als wichtigsten Lieferanten Russlands abgelöst. Nach starken Wachstumsraten in den Jahren zuvor, sank der Außenhandel Deutschlands mit Russland im vergangenen Jahr von etwas mehr als 80 Milliarden Euro auf rund 76 Milliarden Euro. Deutschen Importen von 40 Milliarden Euro, davon der größte Teil Öl und Gas, standen Exporte von 36 Milliarden Euro gegenüber.

Zur Lage in der Ukraine meinte Mangold, der Markt dort sei „zusammengebrochen“. Deshalb müsse die EU dem Land eine Überbrückungshilfe für die nächsten zwei Monate geben. Mehr Geld solle aber erst nach den Wahlen im Mai gezahlt werden, wenn die politischen Verhältnisse klarer seien. Der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses, Lindner, der erst vor wenigen Tagen in der Ukraine war, berichtete, bei den 500 deutschen Unternehmen laufe die Produktion noch. Allerdings mache sich eine zunehmende Anarchie breit. So verlangten Protestgruppierungen in Einzelfällen Mitsprache in den Unternehmen und wollten dort die Kontrolle ausüben.

Besonders betroffen von einem nachlassenden Handel infolge der Krim-Krise wäre der Maschinen- und Anlagebau. Hier spielt der russische Markt eine wichtige Rolle. Doch auch deutsche Autos und Chemieprodukte sind in Russland sehr begehrt. Rund 300.000 Arbeitsplätze sind insgesamt vom Handel mit Russland abhängig, schätzt der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft.

Auch in der Ukraine sind deutsche Firmen sehr aktiv. Etwa 2.000 Unternehmen haben in dem osteuropäischen Land investiert. Derzeit arbeiten sie noch ohne große Unterbrechungen, doch sollte sich die Lage zuspitzen, wird es nach Ansicht von Experten wohl zu Produktionsausfällen kommen. „Ganze Wertschöpfungsketten wären etwa betroffen“, befürchtet Treier.