Russland – Perestroika bis Putin

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Ein Bild sage mehr als tausend Worte heißt es. In einem neu erschienenen, großformatigen Bildband lässt der Fotograd Daniel Biskup mit seinen Bildern zwei Jahrzehnte visuell Revue passieren und erzählt dabei eindrucksvoll den Werdegang und die gesellschaftliche Entwicklung des sogenannten „neuen“ Russlands.

Man kann es getrost vorweg schicken – dieser neu vorliegende Bildband „Perestroika bis Putin“ ist mehr als ein Buch mit Bildern, es ist ein Meisterwerk! Ein unbedingtes Muss, sowohl für Liebhaber der ausdrucksstarken Photographie, als auch für all die, die sich vorurteilslos mit der wechselvollen jüngeren Geschichte eines sagenhaften Riesenreichs auseinandersetzen wollen. Es ist der unverstellte Blick auf das Land und dessen Bewohner, der es dem Betrachter auf jeder Seite ermöglicht, Veränderungen zu erfahren und tief in den Alltag der Postsowjetunion einzutauchen. Weit deutlicher und unmittelbarer, als es ein Text jemals vermitteln könnte.

Wer ist dieser Daniel Biskup, der so gefühlvoll und unaufdringlich den Mensch jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs porträtiert hat? Schon mit dem Fall der Mauer zog es den jungen Fotografen gen Osten. Seitdem ist er ständig auf der Spur der radikalen Veränderungen im Osten Deutschlands und Europas. Seine Bilder berichten dabei vom Leben und Überleben der Menschen unmittelbar nach dem Ende des Kommunismus bis in eine Übergangszeit, in der Veränderungen deutlich sichtbar werden. Dabei hat Daniel Biskup stets die Gratwanderung vollbracht, Menschen in den existenziellen Momenten ihres Lebens mit seiner Kamera einzufangen, ohne ihnen dabei zu nahe zu treten.

Wenn Protagonisten der Vergangenheit in die Zukunft blicken

Durch seine dezente Vorgehensweise war und ist Daniel Biskup ein gern gesehener Porträtist bei Menschen aus Gesellschaft und Politik. Er ist bis heute Helmut Kohls persönlicher Fotograf und war darüber hinaus der erste deutsche Fotograf, der Wladimir Putin als Präsident porträtieren durfte. So scheint es nicht mehr als konsequent, dass sich Altkanzler Gerhard Schröder persönlich dem Vorwort zu „Perestroika bis Putin“ annahm. Er betont darin, wie wertvoll die dokumentarischen Arbeiten Daniel Biskups für die Geschichte Russlands und Europas sind. „Das europäisch-russische und das deutsch-russische Verhältnis sind über unsere gemeinsame, gerade im 20. Jahrhundert leidvolle Geschichte definiert“, bringt er es auf den Punkt. Diese verpflichte uns zu Zusammenarbeit und kulturellem Austausch.

In fünf Kapiteln, die den Zeitraum von 25 Jahren in einzelne Perioden der Entwicklung des modernen Russlands gliedern, wird die gegenwärtige Sichtweise, die die Russen auf ihr Land und sich selbst in ihrer Gesellschaft haben, deutlich und verständlich gemacht. Der Spiegel eines viertel Jahrhunderts lässt verstehen, warum Russland zwangsläufig anders denken muss, als der Rest Europas. Eine Gesellschaft, die quasi wieder bei Null anfangen musste und den Blick nach vorn gerichtet, wieder auf die Weltbühne hingearbeitet hat. Bei Daniel Biskup werden diese Veränderungen nicht nur sichtbar, sondern auch deutlich spürbar.

Der sparsam gehaltene Text in Deutsch, Englisch und Russisch beschränkt sich auf das Vorwort, einen Ausstellungshinweis und auf weitere Publikationen des Autors. Ansonsten sprechen nur die eindrucksvollen Bilder und ihre dezenten Bildunterschriften für sich. Wenn man im Jahr 1993 sieht, dass ein Mercedes drei Arbeitsplätze schafft, wie es in der kurzen Unterschrift heißt, und ein Straßenstand das von sonst woher organisierte Zubehör dafür verkauft, wird deutlich, welchen immensen Kraftakt Russland beim Sprung bis ins 21. Jahrhundert zu bewältigen hatte. Und noch etwas wird auf Biskups Fotografien deutlich: Dass die Menschen Russlands stets an sich und eine sich zum Guten wendenden Zukunft geglaubt haben und es auch künftig werden.

Um es mit den Worten Gerard Schröders zu sagen: Deshalb ist das Meisterwerk so wertvoll und wichtig. Daniel Biskups Arbeiten sind unter anderem auch im Russisches Museum in St. Petersburg, im Deutschen Historischen Museum in Berlin sowie im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn zu sehen.

Daniel Biskup, „Russland – Perestroika bis Putin“, Verlag Salz und Silber, erste Auflage 2016, 288 Seiten, 250 Fotos, ISBN-13: 978-3000540462

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.