Russland nun doch beim ESC vertreten – mit Auflagen

Foto: TV-Screenshot

Russland hat sich am Ende doch noch umentschieden und schickt die Sängerin Julia Samoilowa als offizielle Vertreterin ihres Landes zum diesjährigen ‚Eurovision Song Contest‘ nach Kiew. Zunächst war ein Boykott der Veranstaltung wegen der angespannten politischen Lage zwischen Russland und der Ukraine angedacht.

Was gab es aber auch für ein Gezerre um den Eurovisions-Schlagerwettbewerb, der im Mai dieses Jahres in Kiew ausgetragen werden wird. Kaum war der Austragungsort bekannt gegeben, sprach man in russischen Kreisen bereits vom Fernbleiben bei diesem Event. Fast hätte man sich derlei Reaktionen aus Moskau sparen können, denn lange war unklar, ob die Ukraine und deren Hauptstadt ihre Aufgaben als Ausrichter überhaupt gebacken kriegen. Kompetenzgerangel zwischen Behörden und dem Veranstalter-Team schienen lange Zeit die Vorbereitungen zu dominieren. Die Zweifler verstummten erst, als dann schließlich doch noch die ersten der begehrten Eintrittskarten in den Verkauf gingen. Aber auch das hat auf Anhieb nicht so richtig geklappt.

Der letztjährige Beitrag der Ukraine, die krimtatarische Sängerin Jamala, konnte den Schlagerwettbewerb gewinnen, Russland blieb mit Sergej Lasarew nur der dritte Platz. Vielleicht war der Sänger mit seinem Liedchen auch einfach nur zu brav und nicht bis in die Haarspitzen politisch motiviert. Statt Herzschmerz und die große Liebe mit all ihren Begleiterscheinungen, wie der Teeny-Schwarm Lasarew, besang die Krimtatarin in ihrem Lied „1944“ das Leid ihres Volkes und wie sehr es doch unter den Sowjets leiden musste und es unter den ach so garstigen Russen immer noch muss. Dick aufgetragen, sicher, aber den Erfolg war es wert. Im Grunde genommen sprach sie vermutlich aber nur aus, was die meisten der Juroren von der angeblich aggressiven und mit dem Völkerrecht schier unvereinbaren Inbesitznahme der Halbinsel bei sich dachten.

ESC wird Fall für den Geheimdienst

Nun soll es dieses Mal Julia Samoilowa mit „Flame is Burning“ für Russland richten, wie der halbstaatliche ‚Erste Kanal berichtete. Die 27-jährige blonde Sängerin, die seit ihrer Kindheit wegen einer Muskelatrophie im Rollstuhl sitzt wird, seit der Bekanntgabe ihrer Teilnahme als Vertreterin Russlands, vom ukrainischen Geheimdienst SBU auf Herz und Nieren geprüft, sagte die Pressesprecherin Jelena Gitlanskaja. Prinzipiell seien viele russische Künstler mit Auftrittsverboten in der Ukraine belegt, heißt es dazu lapidar aus Kiew. Der dem ukrainischen Präsidenten nahestehende Politologe Taras Beresowez sei überzeugt davon, „dass eben ein solches Einreiseverbot in nächster Zeit vom Geheimdienst der Ukraine verhängt werden muss und wird“, schrieb er via Facebook. Als Begründung soll den Geheimdienstlern ein Auftritt Samoilowas vor zwei Jahren in Kertsch dienen.

Konkret muss nun geklärt werden, ob die Künstlerin damals aus der Ukraine oder aus Russland in die russische Stadt am westlichen Rand der Halbinsel Krim gereist war. Seit 2014 gelte es seitens der Ukraine per Gesetz als verboten, über Russland auf die Krim zu reisen. Die Folge wäre ein mehrjähriges Einreiseverbot für die Ukraine, eben auch zum ESC. Ausdrücklich betone Kiew, dass man auch in diesem Fall keine Ausnahmen machen könne, hieß es auf der Eurovisions-Webseite. Der Kremlsprecher Dmitri Peskow ist indes um Schadensbegrenzung bemüht. Beschwichtigend verkündete er aus Moskau, dass die Nominierung Julia Samoilowas keinerlei politische Provokation darstelle. „ Jeder“, damit meinte er die Russen, „war schon irgendwann einmal auf der Krim, es gibt wohl kaum jemanden, der noch nicht dort war“, sagte das präsidiale Sprachrohr.

Kritiker mutmaßen derweil schon, ob man mit der Nominierung der behinderten und hübschen Sängerin politisch instrumentalisieren wolle. Der bekannte russische IT-Unternehmer Ilja Warlamow, der sich zur Aufgabe gemacht hat, unfähige Politiker und Beamte an den Pranger zu stellen, schrieb dazu auf seinem Blog: „Ich werde das Gefühl nicht los, dass das Mädchen zu politischen Zwecken verwendet wird“. Für ihn gehe es darum, um jeden Preis die Ukrainer schlagen zu wollen. Julia Samoilowa hätte durchaus das Zeug dazu, wie Juri Aksjuta, der Vorsitzende der russischen ESC-Delegation findet. „Julia ist anders als andere Sängerinnen. Sie ist eine charmante junge Frau und eine routinierte Wettbewerbs-Teilnehmerin.“ Dem ist in der Tat so. Samoilowa konnte bereits, sowohl in Russland als auch international, diverse Gewinne bei Wettbewerben für sich verbuchen und im März 2014 sang sie anlässlich der Eröffnung der Paralympischen Winterspiele in Sotschi.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.