Russland muss Werkzeugmaschinenbau sanieren

Regierung und Verbände verfeinern Konzepte / Ausländische Branchenfirmen zur Produktion vor Ort eingeladen

[Von Ullrich Umann Moskau-gtai] – Der russische Werkzeugmaschinenbau muss von Grund auf saniert werden. Das zuständige Ministerium für Industrie und Handel arbeitet zusammen mit den Branchenverbänden Stankoinstrument und Sojuz Maschinostroitelej seit 2011 an mehrmoduligen Konzepten. Dazu gehören Finanzierung, Konsolidierung, Forschung und Entwicklung sowie staatliche Auftragszuteilung. Vorerst schrumpft aber die Produktion des Industriezweiges. Erst ab 2016 sollen belastbare Ergebnisse vorliegen.

Um für den Werkzeugmaschinenbau verlorenes Terrain zurückzugewinnen, müssen bis zum Jahr 2020 Forschungs-, Entwicklungs- und Modernisierungsinvestitionen von bis zu 200 Mrd. Rbl (circa 4,1 Mrd. Euro; EZB-Wechselkurs vom 2.4.14: 1 Euro = 48,69 Rubel) aufgewendet werden. Darauf wies Industrie- und Handelsminister Denis Manturow hin. Dieses Anliegen sei umso dringlicher, da Werkzeugmaschinen als Rückgrat zur Modernisierung aller anderen Industriesparten dienen.

Ein Baustein zur Sanierung des russischen Maschinenbaus ist die vom Ministerium für Industrie und Handel angestrebte nationale Lieferklausel bei staatlichen Beschaffungsmaßnahmen. Diese würde dem heimischen Maschinen- und Anlagenbau Vorteile gegenüber ausländischen Wettbewerbern verschaffen. In Vorbereitung ist ein Gesetz, wonach die beiden Großabnehmer für Bohr- und Fördertechnik für die Öl- und Gasindustrie, Gazprom und Rosneft, bei der Erschließung künftiger Lagerstellen im Schelf mindestens 70% der Ausrüstungen aus russischer Produktion beziehen müssen.

Gazprom und Rosneft wollen 70% der Ausrüstungen aus russischer Produktion

An ausländische Technologielieferanten wird damit ein deutliches Zeichen gesendet, sich mit Produktion oder Montage in Russland niederzulassen und damit zumindest einen Teil der Wertschöpfung vor Ort zu realisieren. Im Gegenzug werden umfangreiche Aufträge über lange Zeiträume in Aussicht gestellt.

Dass Langzeitverträge für eine betriebswirtschaftliche Stabilisierung heimischer Maschinen- und Anlagenbauer sorgen können, zeigt der Hersteller Uralmasch aus Jekaterinburg. Allein im Jahr 2014 wird das Unternehmen Öl- und Gasausrüstungen im Wert von 12 Mrd. Rbl ausliefern. Hinzu kommen Erzeugnisse der Bergbautechnik, Hebe- und Transporttechnik sowie Anlagen zur Metallerzeugung und -bearbeitung. Alle Geschäftssparten zusammen sollen Uralmasch in diesem Jahr einen Gewinn vor Steuern von 5 Mrd. Rbl bescheren.

Konkret lieferte Uralmasch im März 2014 Fördertechnik für Erdgas auf die Halbinsel Jamal aus. Dort installiert die Tochterfirma Uralmasch NGO Holding diese Bohreinrichtungen im Auftrag der OOO Integra-Burenje. Uralmasch tritt außerdem mit ausländischen Anbietern in Drittprojekten auf, so zum Beispiel gemeinsam mit Thyssen Krupp Fördertechnik bei der Ausstattung eines kasachischen Kohletagebaus.

Staatsaufträge und Industrieparks sollen für Belebung sorgen

Staatsaufträge können zeitweise sogar ganze Regionen beleben. Umfangreiche Abnahmeverpflichtungen der Streitkräfte haben dazu geführt, dass sich der Maschinenbau im Süden Russlands erholen konnte: In Dagestan stieg 2013 der Ausstoß der Maschinenbaubetriebe um 37,5%, in Astrachen um 25,0% und in Nord-Ossetien um 21,7%. In Rostow wurde ein Plus von 5,0% erzielt.

Die Ansiedlung von Maschinenbaufirmen und FuE-Kapazitäten in unmittelbarer räumlicher Nähe zueinander ist ein weiterer Baustein des staatlichen Konsolidierungskonzepts. Regionen und Kommunen gründen themenbezogene Industrieparks beziehungsweise organisieren Cluster. Unternehmensniederlassungen in diesen Parks winken neben Synergieeffekten und erschlossenen Grundstücken zusätzlich steuerliche Vorteile und Ausbildungshilfen.

„In den zurückliegenden Jahren wurden 49 Industrieparks eingerichtet“, so Oleg Iwanow vom Maschinenbauverband Soyuz Maschinostroitelej gegenüber Germany Trade & Invest. „Weitere 40 werden aktuell vorbereitet“. Ein Maschinenbau-Cluster wird zum Beispiel in Rostow am Don gebildet, und zwar auf dem Gelände des Herstellers von Schmiedeausrüstungen Donpressmasch.

Aus den Regionalbudgets fließen fallweise Zuschüsse an ausgesuchte Maschinenbaubetriebe. So hat 2013 die Verwaltung des Gebiets Swerdlowsk 22 Betrieben Finanzierungshilfen zur Zinstilgung in einer Gesamthöhe von 186,3 Mio. Rbl gewährt. In diesem Zusammenhang erhielten das Kamensk-Uralski Metalurgitscheski Zawod 74 Mio. Rbl als Zuschuss zum Bau einer Walzlinie sowie das Unternehmen SetStrojKonstrukcija aus Krasnouralsk 30 Mio. Rbl für den Kauf einer Verzinkungsanlage. Das Unternehmen UBRO aus Jekaterinburg erhielt wiederum Finanzhilfen zum Erwerb von Werkzeugmaschinen, automatischen Schweißanlagen, von Lackier- und Trocknungslinien und von Steuerungstechnik.

Schrumpfungsprozess im Werkzeugmaschinenbau setzt sich fort

Vorerst zeigt die russische Statistik, dass sich der Schrumpfungsprozess im Werkzeugmaschinenbau weiter fortsetzt. Doch steht die Branche damit nicht allein. Rückgänge sind auch in anderen Industriezweigen zu beklagen, wie die Zahlen für das Jahr 2013 belegen. Denis Manturow, Minister für Industrie und Handel, konnte in einem Interview für das russische Fernsehen überhaupt nur drei Industriesparten aufzählen, in denen 2013 Wachstum zu verzeichnen war: Textilindustrie, Flugzeugbau und die chemische Industrie (Kunststoffe, Kunstdünger, Bauchemie).

Russland: Produktion ausgewählter Industrieerzeugnisse

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Quelle: Föderaler Statistikdienst Rosstat, Moskau, 2014

Der allgemeine Maschinenbau, worunter nach russischer Lesart auch der Werkzeugmaschinenbau sowie große Teile der Elektroindustrie zählen, hat 2013 im Vorjahresvergleich wertmäßig 4,3% weniger Güter erzeugt als im Vorjahr. Lediglich zum Jahresende hin hat sich die Konjunktur leicht aufgehellt. So lag der Ausstoß des allgemeinen Maschinenbaus im November 2013 das erste Mal seit langem im Plus – 2,5% gegenüber dem gleichen Vorjahresmonat. In den Sparten Maschinen und Ausrüstungen zur Metallbearbeitung, Bergbaumaschinen sowie Fördertechnik für die Öl- und Gasindustrie war sogar eine Steigerung von 18,2% zu verzeichnen.

Doch blieb die Konjunktur zu Jahresanfang 2014 erneut hinter den Erwartungen zurück: Im Januar rutschte das Wachstum im Industriesektor gegenüber dem gleichen Vorjahresmonat mit 0,2% ins Minus. Insbesondere die Erzeugung und Verteilung von Elektroenergie, Gas und Wasser hat mit einem Minus von 3,9% das Ergebnis nach unten gezogen. Gleichzeitig stagnierte die verarbeitende Industrie punktgenau bei 0%. Zumindest die für die Exportwirtschaft immens wichtige Förderung von Bodenschätzen und Energieträgern legte um 0,9% zu.

Neben der Produktion war im russischen Maschinenbau im Jahr 2013 auch die Zahl der Übernahmen und Fusionen im Vergleich zum Vorjahre rückläufig. Das Konsolidierungstempo hat damit abgenommen. Hatte der Wert der Übernahmen und Fusionen im Vorjahr bei 2,3 Mrd. US$ gelegen, so nahm dieser 2013 um 48% auf 1,3 Mrd. $ ab. Die Zahl der Transaktionen minderte sich entsprechend von 36 auf 32. Die umfangreichsten Übernahmen und Fusionen entfielen 2013 wertmäßig auf die Elektroindustrie, anzahlmäßig auf den Transportmittelbau.