Russland modernisiert Schienenwege und Bahnhöfe

Geschäftschancen für Techniklieferanten / Chinesische Anbieter steigen massiv in Großprojekte ein

[Von Ullrich Umann Moskau-gtai] – Russlands Eisenbahn RZD plant die Transsibirische Eisenbahn und die Baikal- Amur-Magistrale bis Ende 2018 auszubauen. Ein Megavorhaben im klimatisch unwirtlichen Sibirien, das etwa 592,4 Mrd. Rubel (10,7 Mrd. Euro) kosten wird. Außerdem beschafft RZD neue Lokomotiven, Waggons und Technik zur Streckensicherung. Der Ausbau der Schienenwege bietet deutschen Unternehmen Geschäftschancen als Subauftragnehmer und Zulieferer.

Ziel des Ausbaus von Transsib und BAM ist es, die Transportkapazität um 66 Mio. t zu steigern, um die Rohstofflagerstätten in Sibirien und im Fernen Osten Russlands besser an die Pazifik- Häfen anzubinden. So soll der Abtransport zusätzlicher Steinkohle aus dem Kuzbass zu den Hochseehäfen Wladiwostok und Nachodka ermöglicht werden, von wo der Energieträger weiter an die jüngst gewonnenen Abnehmer in Asien verschifft würde. Außerdem werden beide Strecken durch den Ausbau durchlässiger für Warentransporte von China in den europäischen Teils Russlands und weiter nach Westeuropa (etwa Wien).

Weil vom Ausbau der Transib und BAM die weitere wirtschaftliche Entwicklung großer Teile Sibiriens und des Fernen Ostens abhängt, beteiligt sich die russische Regierung finanziell. Ministerpräsident Medwedew kündigte Anfang November 2014 großzügige Staatshilfen an. Von den voraussichtlichen Gesamtkosten in Höhe von 592,4 Mrd. Rubel (10,67 Mrd. Euro) sollen 150,0 Mrd. Rubel (2,70 Mrd. Euro) aus dem staatlichen Fonds für nationalen Wohlstand bereit gestellt werden. Weitere 110,2 Mrd. Rubel (1,99 Mrd. Euro) kommen direkt aus dem Staatshaushalt. RZD verpflichtete sich, eigene Finanzmittel in Höhe von 261,1 Mrd. Rubel (4,70 Mrd. Euro) für das Großvorhaben beizusteuern und will Fremdkapital in Höhe von 41,1 Mrd. Rubel (0,74 Euro) aufnehmen.

Evaluierungen für den Ausbau von Transsib und BAM sollen in Kürze starten

Für sämtliche Einzelprojekte zum Ausbau von Transsib und BAM werden in absehbarer Zeit Studien zur technischen und finanziellen Machbarkeit erstellt, hieß es aus Regierungskreisen. Zu den Schwachstellen des Großvorhabens gehören nach Expertenmeinung die hohen Baukosten und makroökonomische Risiken für die Finanzierung, die sich in der gegenwärtigen geopolitischen Lage noch verstärken. Ein Teil der hohen Kosten erklärt sich mit den komplizierten klimatischen, geologischen und hydrologischen Gegebenheiten in der abgelegenen Region.

Vorerst bleibt sogar ungewiss, ob der gewünschte Kapazitätszuwachs im genannten Kostenrahmen überhaupt erreicht werden kann. Zu oft lagen die tatsächlichen Ausgaben bei Großprojekten im Nachhinein viel höher als ursprünglich veranschlagt. Auf der anderen Seite ist aber auch denkbar, dass die zu schaffenden Kapazitäten am Ende nur zum Teil gebraucht werden, wenn sich die Handelsbeziehungen nach Asien vielleicht doch nicht so günstig wie erhofft entwickeln. Selbst wenn sich die verkündeten Investitionssummen ein weiteres Mal als überzogen erweisen sollten, würde schon ein Bruchteil davon viele interessante Aufträge nach sich ziehen.

Russland sucht sich sanktionsbedingt neue Partner in Asien

Die jüngste Annäherung Russlands an die VR China führt in relativ kurzer Zeit zu einer Reihe von Kooperationsvereinbarungen im Bereich Schienenverkehr. Neben dem Streckenausbau wird die Modernisierung von Verlade- und Sortierstationen sowie von Grenzübergängen zur VR China und nach Nordkorea forciert. Für das Eisenbahnerpersonal werden zudem Wohnviertel entlang der Strecken gebaut. Die Regionaltochter der RZD im Fernen Osten verhandelt aktuell mit russischen und chinesischen Investoren über den Bau eines Umsteigebahnhofs in Wladiwostok mit Anbindung an den Shuttle-Service zum Flughafen, an den Fernbusbahnhof und an einen Passagierterminal im Hochseehafen.

Zu dem Bahnhofprojekt im Wert von 11 Mrd. Rubel (199,3 Mio. Euro) kommt eventuell noch der Bau eines Handels- und Ausstellungszentrums hinzu. Sollte das Zentrum gebaut werden, stiege der Projektwert um das Dreifache auf 33 Mrd. Rubel (597,7 Mio. Euro). Die Interessen der privaten Investoren bei den Verhandlungen mit RZD nimmt die OOO Sozialny Stroitelny Sojus wahr, eine GmbH nach russischem Recht, die im August 2013 von zwei russischen und zwei chinesischen Geschäftsleuten gegründet wurde. Experten gehen davon aus, dass sich weitere Investoren zu dem Gesamtvorhaben hinzugesellen.

Hochgeschwindigkeitsstrecke Moskau – Kazan wird rein chinesisch

In ein weiteres chinesisches Großprojekt verwandelt sich der Bau einer Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Moskau und Kazan. Diese soll rechtzeitig zur Fußball-WM 2018 ihren Betrieb aufnehmen. Ursprünglich sollte die Strecke im Rahmen von Konzessionen an drei ausländische Unternehmenskonsortien vergeben werden, die jeweils einen Streckenabschnitt bauen sollten.

Inzwischen scheint sich das Blatt aber gewendet zu haben und das Vorhaben so abgeändert worden zu sein, dass ein einziges chinesisches Konsortium die Gesamtstrecke über 770 km plant und baut sowie das rollende Material liefert: der chinesische Bau- und Engineering-Konzern CREC. Ein entsprechendes Memorandum unterzeichneten die russische und chinesische Regierung Mitte Oktober 2014 am Rande eines bilateralen Wirtschaftsforums.

Die Chinesen scheinen bereit zu sein, den gesamten privaten Anteil im Umfang von 400 Mrd. Rubel (7,25 Mrd. Euro) zu finanzieren. Beteiligen wollen sich die Bank of China und die China Investment Corporation. Aus staatlichen russischen Quellen und von der RZD selbst würden 600 Mrd. Rubel (10,9 Mrd. Euro) aufgebracht werden.

Die Hochgeschwindigkeitszüge kämen ebenfalls aus der VR China, würden aber zusammen mit einem noch festzulegenden russischen Partnerbetrieb vor Ort montiert. Die Zahl der zu fertigenden Züge schwankt ersten Angaben zufolge zwischen 23 und 100. Zu den Technologielieferanten gehören auf chinesischer Seite die China CNR Corporation und die China South Locomotive & Rolling Stock Corporation. Deren Züge entwickeln eine Höchstgeschwindigkeit von 380 km/h.

Streckenausbau eröffnet Geschäftschancen für Zulieferer

Der Ausbau der Schienenwege bietet deutschen Unternehmen Geschäftschancen als Subauftragnehmer und Zulieferer. So unterzeichnete die österreichische Voestalpine Schienen GmbH im September 2014 am Rande der Fachausstellung „InnoTrans“ in Berlin ein Memorandum of Understanding mit dem Handelshaus der RZD, der OAO TD RZD. Die Österreicher wollen Breitspurschienen mit Sonderlegierungen nach Russland verkaufen, die insbesondere für Schwerlastzüge geeignet sind.

Ebenfalls am Rande der InnoTrans vereinbarte RZD ein Kooperationsabkommen mit der ZAO Tvema und der OOO Mercedes-Benz Trucks Vostok zur Entwicklung von Sonderschienenfahrzeugen, die zur Überwachung der Schienenwege benötigt werden. Siemens wird zwei ICE, die in Russland unter dem Namen Sapsan (russ.: Wanderfalke) zwischen Moskau und Sankt Petersburg verkehren, mit spezieller Messtechnik ausrüsten. Auch hierbei geht es um die Überwachung der Schienenwege. Offenbar steht bei RZD Fahrsicherheit auf der Tagesordnung ganz oben. Das entsprechende Abkommen haben RZD und Siemens gleichfalls am Rande der InnoTrans unterschrieben.

Darüber hinaus plant Siemens 60 Mrd. Euro in den Ausbau eines Wartungsdepots für Sapsanund Lastotschka-Züge (ICE und Desiro) zu investieren. RZD und Siemens hatten sich Mitte 2013 darauf geeinigt, die Kapazitäten des Bahndepots „Metallostroj“ zu erweitern und eine neue Halle für die Wartung von Elektrozügen zu errichten. Im Frühjahr soll der Betrieb starten. Siemens hat bereits sieben ICE-Züge der zweiten Baureihe an die russische Eisenbahn geliefert. Außerdem wurden bislang fünf Lastotschka-Züge in Russland produziert und dabei ein Lokalisierungsgrad von 62% erreicht.

Aktuell interessiert sich Siemens zudem für die Ausschreibung der Moskauer Metrogesellschaft über 768 U-Bahn-Waggons im Wert von 133,1 Mrd. Rubel (inklusive MwSt). Allerdings sehen deren Bestimmungen einen Lokalisierungsgrad von 80% vor, der für einen ausländischen Anbieter schwer zu erreichen sein dürfte.

Bahnhofsausbau durch private Investoren

Zusätzlich zum Streckenausbau hat RZD vor, für insgesamt 354 Fernbahnhöfe private Investoren zu gewinnen, die sich um deren Ausbau und Modernisierung kümmern. Dabei wird vor allem auf Investitionsfonds aus Asien abgezielt, die im Gegenzug das Recht erhalten, die Bahnhöfe als Plattformen für den Einzelhandel zu nutzen. Als ein gelungenes Vorbild betrachtet RZD in diesem Zusammenhang den Berliner Hauptbahnhof.

Zur Investorenanwerbung im Ausland wird die 2009 gegründete Bahnhofstochter der RZD, OAO RZD – Raswitie Woksalow (Entwicklung der Bahnhöfe), eigens 25% ihrer Anteile der russischen Investitionsagentur „Invest in Russia“ veräußern. Die Agentur wird im Anschluss die Anteile im Ausland an Investoren weiter verkaufen und sie damit ins Land holen. Unter dem Strich will RZD einen kumulierte Direktinvestitionen von 10 Mrd. US$ für Bahnhofausmodernisierungen generieren sowie Konzepte und Know-how ins Land bringen.

Anhebung der Frachttarife ab 2015

Aus eigener Kraft könnte RZD Projekte wie den Strecken- und Bahnhofsausbau überhaupt nicht stemmen. Der Eisenbahnmonopolist wies 2013 mit 36,7 Mrd. Rubel einen um 61% geschmälerten Gewinn nach Steuern aus. Die schlechte Wirtschaftskonjunktur ließ das Frachtaufkommen schrumpfen. Der Gütertransport auf der Schiene sank um 2,8% auf 1,2 Mrd. Tonnen und der Personenverkehr um 4,8% auf 111 Mio. Passagiere. Im 1. Quartal 2014 musste RZD sogar einen operativen Verlust von 10,24 Mrd. Rubel (185,5 Mio. Euro) verkraften.

RZD-Präsident Jakunin machte das von der Regierung für 2014 beschlossene Einfrieren der Transporttarife für die ersten Verluste in der elfjährigen Firmengeschichte verantwortlich. Erst 2015 sollen der Staatsbahn wieder Gebührenanhebungen um bis zu 10% gestattet werden. Daneben kann RZD im Haushaltsjahr 2015 mit zusätzlichen 55 Mrd. Rubel (905,6 Mio. Euro) an staatlichen Direkthilfen rechnen. Beantragt hatte Jakunin allerdings 70 Mrd. Rubel (1,2 Mrd. Euro). Er begründete seinen Antrag mit drohenden Verlusten in Höhe von 60 Mrd. Rubel (1,1 Mrd. Euro). Wegen der knappen Kassenlage wurde bereits der Bau einer Eisenbahnbrücke über den Fluss Lena bis auf weiteres ausgesetzt.

Wechselkurs: 1 Euro = 55,51 Rubel (Stand: 5.11.2014)