Russland? Niemals!

Bildschirmfoto 2015-12-10 um 19.44.00
image_pdfimage_print

Das ist nicht die Meinung des Autors dieses russland.RU-Artikels, der eigentlich eine Buchrezension werden sollte. Aber man bekommt beim Lesen des neuen Buchs „Was sie dachten, niemals über Russland wissen zu wollen“ des Autors Alex Albrecht, den Eindruck, dass es dessen Meinung sein könnte – wenn man nicht ein wenig hinter seine Denkweisen schaut. Dieser hat zu seinem Unglück eine – im Buchumschlag leider längenmäßig nicht definierte – Zeit in Russland als Journalist überleben müssen. Wenn man dieses neue Werk liest, tut einem der arme Tropf schon etwas leid deswegen, denn einem Autisten gleich ging er durch ein Land ohne es zu begreifen oder auch nur zu spüren.

Russland ohne inneren Bezug

Immerhin ist er ehrlich und stellt gleich zu Beginn des Machwerks fest, dass er in Russland zwar Zeit verbracht, aber nie einen inneren Bezug zum Land gefunden hat. Das stimmt. Er ist garantiert die gesamte Zeit verschlossen in seiner deutschen mainstreamigen Gedankenwelt geblieben.  Hat sich gefreut, wenn er endlich mal nach Deutschland zurück durfte und den Tag der Rückreise nach Russland gehasst. Wohl als Rache für die Zeit, die er dennoch im journalistischen Auftrag dort verbringen musste, hat er nun ein Buch geschrieben, das man sehr gut als „Verriss eines Landes“ charakterisieren kann. Wo er selber war? In Sotschi, das er so beschreibt: „Ein paar Parks, ein paar Denkmäler, ein paar Museen – fast wie jede andere Stadt dieser Welt.“ In der Tat kann man jede Stadt der Welt  (inklusive Paris, Rom oder Sankt Petersburg) so beschreiben, wenn man nur eins hat: Keinerlei inneren Bezug zum Flair, zur Atmosphäre und zu den Menschen dort. Genau das ist das Problem, welches Autor Albrecht mit Russland und den Russen hat und auf 244 recht langatmigen Seiten auswalzt.

Was schlecht ist und was schlecht gemacht werden muss

Das Buch zerfällt in 55 Kapitel von zwei Grundtypen. Typ eins beschreibt Dinge, die in Russland in der Tat problematisch sind oder aus rein deutscher Sicht irgendwie  merkwürdig. Diese werden pauschalisiert, künstlich überhöht und anhand passender Beispiele im schwärzesten Schwarz ausgemalt. „Der Russe ist abergläubisch“ – dieses Zitat (!) beschreibt beispielsweise recht treffend Inhalt und Stil des Kapitels über russischen Aberglauben in einem Satz. Alles außen herum auf diesen Seiten ist Dekoration, um nachzuweisen, wie furchtbar abergläubisch „der Russe“ ist. Ähnlich verhält es sich mit Kapiteln zu russischen Geheimdiensten („zwischen Orwell und Kafka“)  oder über das in der Tat marode russische Gesundheitssystem, das der Autor, um es ja schwarz genug hinzubekommen mit einigen Ergüssen über russische Biowaffen (!) garniert.

Typ zwei sind Kapitel, die Dinge beschreiben, die eigentlich auch aus deutscher Sicht nichts negatives sind, wie die Natuverbundenheit vieler Russen. Diese werden pauschalisiert und ebenso versucht, sie über Klischees ins Lächerliche zu ziehen. Ebenfalls eine „Kostprobe“ aus dem Werk? „Der Russe an sich ist halt ein Naturbursche“. Das ist die Überschrift etwa dieses Kapitels und in ähnlichem Stil geht es weiter. Der Russe flieht nur in die Natur, weil „das Land so richtig viel mit Spaß und Unterhaltung nicht zu bieten“ hat. Na, ist die Kinnlade des Rezensionslesers gerade ebenso herunter geklappt, wie die des Rezensenten beim Durchlesen dieses Buchs? Muss der Rezensent erwähnen, dass er sehr viele spaßige und unterhaltsame Momente in Russland erlebt hat, um diesen aufs extremste pauschalisierenden Blödsinn etwas entgegen zu setzen? In einem anderen Kapitel beschreibt Albrecht etwa die Gastunfreundlichkeit der Russen – ja wirklich, ja in der Tat! „In Russland ist die Welt zu Gast bei Feinden“ heißt das Kapitel und darin liest man „Das Reisen im Riesenreich ist ein Krampf, der schon schmerzt, bevor man einen Fuß ins Land gesetzt hat“. Ja, das steht da wirklich! Wer einmal in Russland bei „echten“ Russen zu Gast war oder mit ihnen durchs Land gereist ist, unter den Einheimischen selbst, wird sich hier etwas die Augen reiben, ob er vielleicht woanders war, als der Autor. Ausführlichst malt Albrecht danach Behördenformalia aus, übersieht dabei aber beispielsweise die wesentlich härtere Ochsentour, die russische Reisende nach Deutschland zu überstehen haben und gegen die die Registrierung bei der russischen Post, die ihm offenbar furchtbar erscheint, ein Kinderspaziergang ist. Wie  in jedem Kapitel werden negative Seiten überzeichnet und positive ausgeblendet oder lächerlich gemacht.

Im Osten nichts Neues

In diesem Stil geht es fort. Architektur, das sind Plattenbauten, Russland ist selbstverliebt, in Russland ist es kalt, Russland ist korrupt, alle russischen Medien sind gleichgeschaltet, die Russen sind rechts, die russische Sprache kaum erlernbar und überall ist´s unsicher. Wir erleben einen Kessel Buntes mit Problemen, Halbwahrheiten und Vorurteilen denen nur die konsequente Pauschalisierung gleich ist – denn „die Russen sind“ in dem Buch immer gleich, außer es ist gleich „der Russe“. Nicht gegen ein kritisches Russlandbuch, aber Kritik muss auch differenzieren und wenn man – wie Albrecht – mit dem Anspruch antritt, Russland zu beschreiben, sollte man sich nicht nur auf das Negative beschränken. Sonst ist das Geschriebene nichts weiter als ein übles Geläster auf Stammtisch-Niveau.

Gerade die Formulierung „der Russe“, im Buch immer wieder präsent, erinnert uns ein wenig an eine Zeit, als auch in Deutschland die selbst ernannten Weltoffenen noch nicht die Herrschaft erlangt hatten. In der Rassismus nicht nur orthografisch groß geschrieben wurde. Wie definiert Wiktionary eigentlich „Rassismus“: „Lehre zur Rechtfertigung von Diskriminierung, nach der bestimmte Völker oder Volksgruppen anderen generell überlegen seien“. Ist das neue Buch von Albrecht gegenüber den Russen eventuell rassistisch? Das sollen andere Leser beurteilen, aber bedenklich ist es schon, wie sehr der Autor seine persönliche Weltsicht als völlig überlegen über die„russische“ sieht. Es ist auf jeden Fall der erste wichtige Schritt, den Rassismus voraussetzt, ein Volk pauschal in eine Schublade zu stecken. Und der zweite, diese fast ausschließlich negativ zu beschreiben.

Eine selektive Leseempfehlung

Am Ende erwartet der Leser dieser Rezension eventuell vom Rezensenten, dass er vor dem Lesen dieses Buchs warnt. Aber das stimmt nicht. Es ist für zwei Lesergruppen die 9,95 Euro Kaufpreis wert. Zum einen für Leute, die Russland schon aus der Ferne furchtbar finden und das endlich einmal von jemandem bestätigt bekommen wollen, der selbst dort war. Nach dem Lesegenuss werden sie sich mit dem Gefühl, es ja schon immer gewusst zu haben, zurücklehnen können.

Zum anderen taugt es aber auch als Milieustudie. Viele  Russlandkenner, die das Land über viele Jahre sehr genau kennen gelernt haben, fragen sich: Wie können die zeitlich nach Russland abgeordneten Mainstream-Journalisten nur mit Überzeugung das schreiben, was sie schreiben? Wie können sie trotz ihrer Anwesenheit im Land so wenig verstehen? Auf dem Kopfschütteln über diesen Umstand basiert manche Verschwörungstheorie über „Lügenpresse“ und ähnlicher Unsinn. Die Wahrheit ist: Diese Journalisten lügen nicht bewusst. Russland dringt gar nicht zu ihnen durch. Sie sind gefangen in ihren eigenen Denkmustern und auch nicht bereit, die deutsche Sicht der Dinge zu hinterfragen oder gar zu verlassen, über den Tellerrand wirklich hinaus zu denken. Sie sind im Besitz der Wahrheit, ihrer Wahrheit. Das Buch zeigt unfreiwillig, wie so ein Journalist denkt, wie unzerstörbar manch Gedankengebäude ist, so dass auch die echte Realität, die ihn komplett umgibt, keine Chance hat. Wie man sich in einem fremden Land abkapseln kann, das eigene eigentlich gar nicht verlässt.

Wer sich für die Denkweise eines Musterbeispiel eines Mainstream-Journalists interessiert und Russland, wie es wirklich ist, kennt, den könnte das Buch interessieren. Geeignet ist es nur nicht für die Choleriker unter den Russlandfans. Denn manchmal könnte man sich einfach aufregen. Und wer Russland noch nicht selbst kennt: Über dieses Buch wird man es nicht durch jemanden kennen lernen, der es kennt. Denn so richtig war der Autor eigentlich nie dort.

Alex Albrecht: Was Sie dachten, niemals über Russland wissen zu wollen, Conbook Medien Meerbusch, 2015, ISBN 978-3958891029

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.