Russland in den Europa-Ligen: …da waren es nur noch zwei

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Mit dem letzten Spieltag in der Gruppenphase der Champions- und Europa-League ist in Russland ultimativ die Winterpause angebrochen. In der „Königsklasse“ hatten sowohl ZSKA als auch Zenit eine letzte Chance auf den Eintritt in die K.O.-Phase – beiden ist er nicht gelungen, aber ZSKA verabschiedet sich für diese Saison aus dem europäischen Wettbewerb, Zenit macht in der Europa-Liga weiter. Gemeinsam mit Dynamo verbleiben damit zwei russische Vereine auf internationalem Parkett.

In der Europa League war schon vor dem letzten Spieltag alles klar – Dynamo hatte den Gruppensieg bereits in der Tasche, und Krasnodar musste die Segel streichen. Beide Begegnungen am Donnerstagabend waren auch für die jeweiligen Gegner nicht mehr von Bedeutung – PSV Eindhoven hatte hinter Dynamo den zweiten Platz sicher, und Everton war Gruppensieger, egal wie die Schlussbegegnung gegen Krasnodar ausgehen würde.

PSV und Dynamo lieferten sich – befreit von jedwedem Tabellendruck – einen munteren, offensiven Schlagabtausch – „Box to Box“, wie es in England heißt. In der 90. Minute erzielte Alexey Ionow den Siegtreffer für die Moskauer, die damit völlig unbefleckt mit sechs Siegen ins Play-Off der Europa-Liga einziehen.

Beim Spiel Everton-Krasnodar lieferte Dauerregen die „typisch englische“ Kulisse in Liverpool, für die Südrussen sicher eine gewisse Zumutung. Dieses Spiel hatte eine seltsame Note –nicht schlecht gefüllt war das Stadion, aber zu hören waren mehr die Anweisungen der Trainer als die Fans. Evertons Anhänger bekamen gerade mal fünf Minuten lautstarke Unterstützung zustande, die minder zahlreichen Fans von Krasnodar waren über weite Strecken besser zu vernehmen. Sie stimmten immer wieder „Stiere, Vorwärts“ an – zur Erklärung: Im Emblem des Clubs prangt ein wilder Stier.

Laborde brachte Krasnodar im Endeffekt den ersten Sieg in der ersten Europa-Liga-Saison ein. Die Begegnung ging mit 1:0  aus. Wenn Krasnodar so weitermacht, sehen wir sie vielleicht in der nächsten europäischen Saison wieder. Frischfreier Fußball, auf Attacke ausgelegt – eine Freude und eine Neuentdeckung allemal.

Abschied aus dem europäischen Oberhaus

Aber nun zurück zur Mitte dieser Woche: Zenit musste Dienstag in Monaco antreten, im Stadion, in dem 2008 der UEFA-Supercup gewonnen wurde. Diesmal mussten die Petersburger allerdings eine 0:2-Niederlage einstecken, die den Abschied aus dem Oberhaus der Europaligen bedeutet. Dabei wurden, wie so oft schon, zahllose gute Chancen in den Wind gesetzt.

ZSKA machte es einen Tag später nicht besser – nach einem guten Anfang führte ein Foulelfmeter in der 18. Minute, verwandelt durch Thomas Müller, zur Führung der Gastgeber. Weiter gab es viel Leerlauf, ZSKA hatte durchaus Chancen. Gegen Ende der Partie drehte Bayern noch einmal richtig auf, und die Treffer in der 84. Minute (Rode) und in der 90. (Götze) stellten die drückende Überlegenheit der Münchener wieder her, die von der russischen Sportpresse ein weiteres Mal als „kosmisch“ bezeichnet wurde.

Noch eine Anmerkung zum Schluss, die für Russland negativ ausgeht – sowohl in München als auch in Eindhoven waren die „Hütten“ voll, obwohl es bei den Spielen um nichts mehr ging. Die schmerzhafte Frage ist: Warum bleiben in Russland die Stadien leer? Selbst bei Zenit ist das Stadion nicht mehr gefüllt, wenn es um die Champions League geht, dabei war das Petrowski-Stadion früher immer gut für rekordverdächtige Besucherzahlen.

Dynamos Stürmer Kevin Kuranyj hatte in einem großen Interview für „Sowetski Sport-Futbol“ vor zwei Wochen keine Antwort auf die Frage, warum selbst die führenden Vereine in Russland die Leute nicht ins Stadion locken können. „Wüsste ich die Antwort, hätte ich sie längst den Fußball-Verantwortlichen mitgeteilt“, sagte Kuranyj dort wortwörtlich.

Woran liegt es also? Erstens sind die Tickets, gemessen am mittleren Einkommen, in vielen Stadien überteuert. Zweitens führen gehäufte Fan-Ausschreitungen dazu, dass „normale“ Anhänger lieber zuhause bleiben. Wer will schon mit der Familie Fußball live gucken, wenn ihm Flüche um die Ohren schwirren und anderes grobe Verhalten unangenehm auffällt?

Das Problem ist kein genuin russisches – wie die Statistik uns lehrt, haben auch Großevents wie die EM in Polen oder die WM in Brasilien nicht dazu geführt, dass die Arenen besser besucht werden. Was die WM in Russland 2018 in diesem Sinne erbringt, werden wir sehen.

[sb/russland.ru]