russland.COMMUNITY: Wahlen hier und dort

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Von Gert Ewen Ungar – In Berlin sind morgen Wahlen. Ich weiß bis jetzt noch nicht, was ich wählen soll. Der Wahlkampf war schlapp und mau, die Themen und Thesen hohl und schal. Die Kampagnen und Programme unterscheiden sich lediglich ästhetisch, inhaltlich jedoch kaum. Das gilt nicht nur für Kommunalwahlen, auch bei den Landtagswahlen war es ähnlich.

Morgen sind auch Wahlen in Russland. Die Duma wird gewählt. Das entspricht in etwa unserer Bundestagswahl. Und während die etablierten Parteien hier in Deutschland durch ihre thematische Nähe auffallen, kann man russische Bürger unter demokratischen Aspekten nur beneiden. Die haben tatsächlich was zu wählen. Es gibt da Kommunisten, Sozialisten, die Partei “Einiges Russland”, die sich inzwischen vom Neoliberalismus verabschiedet hat, Sozialdemokraten, die den Namen verdienen, Liberale, die den Neoliberalismus nach wie vor ganz toll finden, und so weiter und so fort.

Mit anderen Worten, im Gegensatz zur hiesigen Parteienlandschaft, die in ökonomischen Fragen alle weitgehend gleichgeschaltet sind und Alternativlosigkeit predigen, macht der russische Wahlzettel mit den unterschiedlichen ökonomischen Alternativen zum hiesigen System vertraut.

Die Idee, man müsste eine so wichtige Frage wie die ökonomische der politischen und gesellschaftlichen Steuerung entziehen und im Gegenteil Gesellschaft sogar durch ökonomische Zwänge steuern lassen, zeigt den intellektuellen Niedergang der westlichen Welt. Blöder geht eigentlich nicht, nur vielleicht dadurch, dass die Medien diese Idiotie nicht nur mitmachen, sondern sogar befördern.

Es war der Philosoph Ludwig Feuerbach, der nachwies, dass Gott etwas ist, das als Projektionsfläche vom Menschen geschaffen wurde. Gott ist ein kulturelles Produkt. Es war die Aufklärung, die uns von der Absurdität befreit hat, uns unter etwas zu unterwerfen, was wir selbst geschaffen haben.

Heute unterwerfen wir uns dem “freien Markt”. Auch der ist irgendein metaphysisches Dingsbums, das wir selbst geschaffen haben, um uns ihm total zu unterwerfen. „Wie dumm kann man sein?“, muss man an dieser Stelle fragen.

Diese Totalunterwerfung unter das Prinzip des freien Marktes erkennt man an der epidemischen Ideenlosigkeit der Parteien, ihrer Gleichförmigkeit, die sich darin äußert, dass sie sich nur noch über Marginalien streiten. Burkaverbot und Homoehe besipielsweise; völlig irrelevante Themen, wenn es darum geht, gemeinsamen Wohlstand und darüber gesellschaftliche Zusammenhalt zu befördern. Entsprechend driftet Gesellschaft auseinander und radikalisiert sich, denn sie hat keinen Ort mehr, der ihr zentrales Interesse repräsentiert. Die westliche Bürgerschaft ist politisch verwaist, weil Politik über Parteigrenzen hinweg auf die zentrale Frage die immer gleiche, nicht zielführende Antwort gibt: Der Markt richtet es, irgendwie.
Denn natürlich ist die Verteilungsfrage zentral. Sie nicht mehr zu stellen, sie im Gegenteil zu belächeln, treibt den Niedergang westlicher Demokratien voran. Denn das Faktum, dass Ökonomie ein zentraler Bestandteil von Politik zu sein hat, die zum Wohle aller zu regulieren ist, das hat Russland wohl verstanden. Bei uns besteht da aber ein gravierender Wissensmangel. Es braucht eine neue, mutige und mächtige Bewegung der Aufklärung, um uns aus dieser seit Dekaden im Westen wütenden Anti-Aufklärung zu befreien.

Gert Ewen Ungar

Erstveröffentlichung bei logon-echon.com

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