russland.COMMUNITY: Besser Macht durch Lügen oder Wahrheit ohne Macht?

Foto: U.S. Navy photo/Released
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Nach dem denkwürdigen Talkshow-Aufritt ihres Chefredakteurs titelt die Bild-Zeitung: „Krach um Russen-Propaganda“.

Schon der Titel der Sendung „Hart aber fair“ vom 10. April dieses Jahres war provokant: „Giftgas gegen syrische Kinder – werden wir schuldig durch wegschauen?“ Anlass war der Beschuss einer syrischen Luftwaffenbasis durch die USA als Vergeltung des besagten Giftgasangriffs, für welchen die Amerikaner den mit Russland verbündeten syrischen Machthaber Assad verantwortlich machen.

Julian Reichelt, Chefredakteur der Bild-Zeitung, machte in der Diskussion von Anfang an keine Gefangenen und bezeichnete schon geringste Zweifel an der eigenen Sichtweise als Verrat. Gemäß dem dritten der fünf Grundsätze von Bild-Eigentümer Axel Springer, welcher „die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika“ postuliert, teilte Reichelt uneingeschränkt die amerikanische Sicht der Dinge und trat vehement für eine militärische Intervention des Westens in Syrien ein – wobei auch das Risiko eines Krieges gegen Russland einzukalkulieren sei. Reichelt unterbrach während der Sendung ständig seine Mitdiskutanten, musste von Plasberg mehrmals zur Ordnung gerufen werden und bezeichnete Ausführungen anderer Studiogäste als „dumm“.

Grundsätzlich ist in Bezug auf den Syrien-Konflikt jeglichen Ausführungen mit Vorsicht zu begegnen, welche für sich in Anspruch nehmen, der „Wahrheit“ zu entsprechen oder die „Wirklichkeit“ wiederzugeben. Die Gemengelage in Syrien ist allein aufgrund der Vielzahl von beteiligten Akteuren und deren divergierenden Interessen kaum zu durchschauen. In Bezug auf den mehrere Tausend Kilometer stattfindenden Syrien-Konflikt ist Niklas Luhmanns Feststellung aus Die Realität der Massenmedien sehr gut nachvollziehbar: Alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Massenmedien. An dieser Stelle wird klar, dass ein dreiminütiger Beitrag in der Tagesschau oder ein Bericht in einer Tageszeitung niemals ein Abbild der äußert komplexen Realität in Syrien darstellen kann, sondern vielmehr einer Konstruktion der Realität entspricht. Eine derartige Konstruktion unterliegt logischerweise der selektiven Wahrnehmung derjenigen, welche sie anfertigen.

Aufgrund der beschriebenen räumlichen Distanz zum Kriegsgeschehen in Syrien und der damit verbundenen Notwendigkeit, sich – abgesehen von möglicherweise bewusst verfälschten Internetquellen – auf die Massenmedien verlassen zu müssen, werden der Möglichkeit zur Manipulation der öffentlichen Meinung Tür und Tor geöffnet. Die FAZ merkte in einer scharfen Kritik des Verhaltens von Julian Reichelt bei „Hart aber fair“ an, dass dieser weniger als Journalist agiere, sondern vielmehr als Propagandist einer Kriegspartei. Diese Anschuldigung unterstellt Reichelt politische Absichten hinter seinen Ausführungen bei Plasberg.

Ureigenste Aufgabe eines Journalisten ist es, zu informieren. Jedoch ist aufgrund der geschilderten Realität der Massenmedien klar, dass bei der Selektion und der Darstellung von Themen politische Überzeugungen eine sehr große Rolle spielen – nicht umsonst lassen sich die großen deutschen und internationalen Tageszeitungen bezüglich ihrer politischen Haltung unterscheiden. Insbesondere die Bild-Zeitung ist seit jeher dafür bekannt, gewisse Stimmungen in der politischen Auseinandersetzung aufzugreifen und zu befeuern. Nichts anderes tut Julian Reichelt bei Plasberg: Er trägt mit seinen Widersachern einen Kampf um die Deutungshoheit hinsichtlich des Syrien-Konflikts aus.

Politik ist im Wesentlichen der Kampf um Deutungen – bezüglich jeder politischen Auseinandersetzung sind verschiedene Betrachtungsweisen und Perspektiven möglich. Gleiches trifft auf den Syrien-Konflikt zu. Was wirklich in Syrien passiert, ist objektiv kaum erfassbar. Dabei ist in der Politik im Allgemeinen und insbesondere im Krieg die Lüge ein wirkungsvolles Instrument zur Erlangung der Deutungshoheit. Erinnert sei dabei an die „Brutkastenlüge“ aus dem Zweiten Golfkrieg im Jahr 1991, als eine kuwaitische Krankenschwester im Rahmen eines tränenreichen Auftritts vor dem US-Kongress davon berichtete, wie irakische Soldaten Babys aus ihren Brutkästen rissen und auf dem Boden sterben ließen. Die Aussage wurde medial massiv rezipiert und trug zu einer wohlwollenden öffentlichen Meinung bezüglich des internationalen Militäreinsatzes zur Befreiung Kuwaits bei. Später kam heraus, dass der Auftritt der vermeintlichen Krankenschwester von einer amerikanischen PR-Agentur geplant wurde.

Vor diesem Hintergrund ist auch das Agieren von Donald Trump und der damit verbundene Luftschlag kritisch zu hinterfragen. Die genauen Beweggründe für diese Schritte sind von außen nicht zu durchschauen – jedoch erscheint durchaus möglich, dass die USA den Giftgaseinsatz genutzt haben, um sich wieder als Mitspieler im Syrien-Konflikt zu etablieren. Die genaue Ursache für den Giftangriff spielt dabei für die politische Bewertung keine Rolle – die Täterschaft Assads wird einfach als gegeben hingenommen.

Eine Möglichkeit bleibt jedoch, ein wenig Einblick in das Dickicht aus Krieg und politischen Interessen zu nehmen: die Frage danach, wer einen Nutzen aus einem bestimmten Ereignis zieht – Cui bono. Warum sollte Assad, welcher seine Macht gewiss nicht abgeben möchte und welcher gleichzeitig unter massiver Beobachtung der Weltöffentlichkeit steht, sein eigenes Volk mit Giftgas angreifen und seinen Widersachern damit einen Casus Belli an die Hand liefern?

MJ

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