Russland baut Elektronik- und ITK-Industrie aus

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Von Ullrich Umann Moskau (gtai) – Russland fördert die heimische Elektronik-, IT- und Telekom-Industrie, um Importe mittelfristig zu ersetzen. Zwar kann das Land moderne Lösungen entwickeln. Doch fehlt es teils an Kapazitäten zur Serienfertigung. Produktionsaufträge gehen gelegentlich nach Asien. Der Lieferanteil Deutschlands bei Elektronik, IT- und Telekom-Hardware betrug 2014 nach russischen Angaben 18,5%. Dabei handelte es sich um Maschinensteuerungen und Automatisierungstechnik. Der deutsche Marktanteil nimmt jedoch ab.

Russlands Importabhängigkeit bei elektronischen Bauteilen, Mikroprozessoren, integrierten Schaltkreisen, Halbleitertechnik, ITK-Hardware, elektronischen Steuerelementen für Maschinen und Medizintechnik, Speicherelementen und Industriesoftware schwankt zwischen 80 und 100%. Dabei verfügt das Land durchaus über eine entwickelte Basis für Forschung und Entwicklung. Doch können frische Ideen nicht ohne weiteres in Serie gehen. Es fehlt an einer entwickelten Zulieferindustrie.

YotaPhone – Flagschiff der russischen Elektronikindustrie

Ein prominentes Beispiel ist das YotaPhone – ein Smartphone der neuesten Generation. Es erregte Aufsehen wegen seines akkuschonenden zusätzlichen Bildschirms auf der Rückseite. Doch wird das in Russland entwickelte Smartphone überhaupt nicht von seinen Erfindern vor Ort gefertigt, sondern in der VR China.

Inzwischen gehen die Entwicklungsarbeiten im Unternehmen Yota Device weiter. Anfang 2016 soll das dritte Modell der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Aber auch dieses wird nicht in Russland gefertigt. Um die Montage nach Russland verlegen zu können, werden mindestens fünf Jahre vergehen. Dieser Zeithorizont wird veranschlagt, um eine ausreichend leistungsfähige inländische Zulieferindustrie zu errichten.

Elektronik-, IT- und Telekombranche stockt Personal auf

Das Marktvolumen für Mikroschaltkreise, Prozessoren und elektronische Bauteile wird in Russland auf 2,5 Mrd. US$ beziffert. Um die hohe Importabhängigkeit zu verringern, hat Premier Medwedew im Juni eine Arbeitsgruppe aus Vertretern mehrerer Ressorts beauftragt, bis Ende September 2015 eine Strategie zur Entwicklung der Elektronikindustrie zu entwerfen.

Das Ministerium für Industrie und Handel hat sich unterdessen schon einmal Kernbereiche herausgesucht, die finanziell besonders gefördert werden sollen. Dabei handelt es sich um Ausrüstungen der Telekommunikation, Computertechnik, elektronische Maschinensteuerungen und Automatisierungstechnik.

Dabei ist die Elektronik, IT- und Telekom-Industrie in Russland per se keine kleine Branche. Im Jahr 2014 arbeiteten dort 273.700 Menschen – um 3% mehr als im Vorjahr, so das Ministerium für Industrie und Handel. Davon waren 192.500 Personen in der industriellen Produktion und 81.200 Personen in der Entwicklung und Forschung tätig.

Führende Entwickler von Prozessoren in Russland

In Russland werden unter anderem Prozessoren entwickelt. Diese unterscheiden sich zwar von der herkömmlichen Architektur x86. Doch kann auf ihnen das Linux-Betriebssystem laufen. Zu den entwickelnden Unternehmen gehören MZST, T-Platformy und Baikal Electronics. Die Prozessoren von MZST werden vorrangig in Arbeitsstationen und Servern verbaut. T-Platformy liefert Komponenten für Sicherheits- und Automatisierungstechnik, Baikal Electronics für Netzwerktechnik.

In Serie gefertigt werden die in Russland entworfenen bekanntesten Prozessoren-Baureihen Elbrus und Baikal-T1 jedoch in Taiwan. Genau aus diesem Grund sah sich das Ministerium für Industrie und Handel im Juni 2015 zur Entschärfung einer erst im April 2015 speziell für die Elektronikbranche erlassenen Definition veranlasst. Diese legte nach strengen Kriterien fest, ab wann ein elektronisches Bauteil – darunter Prozessoren – als Komponente russischen Ursprungs anerkannt wird.

Local-Content-Vorschriften für öffentliche Ausschreibungen

Von der Einhaltung dieser Definition hängt ab, ob ein elektronisches Erzeugnis für öffentliche Ausschreibungen überhaupt zugelassen wird und ob der Anbieter Fördergelder in Anspruch nehmen kann. Im April hieß es ursprünglich, dass für staatliche Beschaffungen nur elektronische Bauteile zugelassen sind, die durch Steuerresidenten der Russischen Föderation gefertigt werden. Letzte müssen zudem zu mehr als 50% dem Staat oder Privatpersonen ohne Doppelstaatsbürgerschaft gehören.

Darüber hinaus sollte der Hersteller über die vollständige Produktdokumentation verfügen, aus der hervorgeht, dass in den Bauteilen keinerlei technische Lösung ausländischer Herkunft verbaut oder genutzt wird. Zur Entwicklung der Bauteile und der dazu gehörigen Software können zwar Fremdfirmen hinzu gezogen werden. Doch darf es sich dabei ebenfalls ausschließlich um russische Subauftragnehmer handeln.

…werden für Auftragsfertigung in Asien aufgeweicht

Die in Russland entwickelten, aber in Taiwan gefertigten Prozessoren würden diese Ausschreibungsvorschriften nicht erfüllen. Um einen Ausweg zu finden, wurden zwei Kategorien für anerkennungsfähige Produkte eingerichtet. Zur ersten gehören elektronische Erzeugnisse, die komplett ohne ausländische Komponenten auskommen und ausschließlich im Inland gefertigt werden. Mikroschaltkreise der Kategorie eins stellen unter anderem die Unternehmen AFK Sistema und NIIME/Mikron her.

In der zweiten Kategorie finden sich elektronische Bauteile, die zwar im Inland entwickelt wurden, aber im Ausland gefertigt werden. Zu Ausschreibungen der öffentlichen Hand zugelassen sind inzwischen beide Kategorien.

Prozessoren der in Russland entwickelten Baureihen Elbrus und Baikal werden durch staatlich dominierte Unternehmen und staatliche Einrichtungen bezogen, die verschärften Datenschutzbestimmungen unterliegen. Dazu zählen die russische Post, die Rentenversicherung und die Zentrale Wahlkommission der Russischen Föderation.

PC-Serienfertigung ab 2016

Ab 2016 wollen die beiden russischen Computerhersteller Kraftway und Aquarius auf Basis der neuesten Elbrus-Prozessoren Tablet-PC, Desktop-PC und Server in Serie bauen. Diese laufen auf Linux und verfügen über spezielle Datenschutzprogramme. Dadurch eignen sie sich für die Belange von Behörden und staatlichen Einrichtungen.

Mikron – führender Hersteller von Mikroschaltkreisen und Mikrospeichern

Zu den wichtigen russischen Herstellern von Mikroschaltkreisen und Mikrospeichern gehört auch das Unternehmen Mikron. Der Marktanteil von Mikron soll bei 14% liegen – allerdings zusammen mit Produkten, in denen importierte Komponenten verbaut sind. Die staatliche Verwaltung hat 2014 von Mikron 2,8 Mio. Mikrospeicher zum Einsatz in biometrischen Pässen bezogen. Außerdem hat das Unternehmen 300 Mio. elektronische Fahrkarten für den ÖPNV ausgeliefert. Ins Ausland verkaufte Mikron 713 Mio. RFID- und NFC-Chips.

Produktionsbasis für Telekommunikationsausrüstungen ist schwach

Bei Ausrüstungen der Nachrichtenübertragung und Telekommunikation beschränkt sich die Produktion in Russland auf einfache Telefon-Ausrüstungen, Mehrkanaltechnik sowie auf die Systeme DWDM/CWDM, DPI und IP-Plattformen. Diese Produkte decken lediglich 10% des Bedarfs. Das Gros wird eingeführt, hauptsächlich aus der VR China.

Selbst für das in Russland entwickelte satellitengestützten Ortungssystem Glonass muss mit der VR China kooperiert werden. Zusammen werden stationäre und mobile Empfangsstationen entwickelt und gebaut. Diese können Signale der Systeme BeiDou (VR China), Glonass, GPS und Galileo empfangen und verarbeiten.

Entwicklung eigener Industriesoftware bahnt sich an

Bei komplexen Softwareprogrammen zur Entwicklung und Produktionssteuerung von technologisch hochwertigen Industrieprodukten (CNC, CAD, ECAD, CAE, CAM, CAPP etc.) weist Russland laut Maschinenbauverband Sojuz Maschinostroitelej eine hohe Importabhängigkeit auf. Das soll sich ändern. Um eigene Lösungen zu entwickeln, vereinbarten Anfang August 2015 Vertreter aus Wirtschaft und Forschung bei einem Treffen im Technologiepark Innopolis (Tatarstan) eine enge Zusammenarbeit.

Konkret handelte es sich dabei um die Objedinjonnaja Priborostroitelnaja Korporacija (OPK, Vereinigte Gerätebau Gesellschaft), das tatarische Ministerium für Informatisierung und Telekom, das tatarische Ministerium für Industrie und Handel, die Moskauer Technische Baumann- Universität, die Kazaner Nationale Universität für technische Forschung und das Nationale Zentrum für Informatisierung.

Bei OPK handelt es sich um ein junges Unternehmen, das im März 2014 nach der Fusion von 60 einzelnen Herstellern von elektronischen Bauteilen und Ausrüstungen zur Nachrichtenübertragung, Fernsteuerung und Telekommunikation aus der Taufe gehoben wurde. OPK gehört wiederum zur staatlichen Holding Rostec. Im Rahmen der Importsubstitutionspolitik soll OPK nun als führender Hersteller von ITK-Ausrüstungen, Automatisierungs- und Robotertechnik ausgebaut werden. Dabei führt OPK aber in erster Linie Rüstungsprogramme aus.

Import von Elektronik, IT- und Telekom-Technik ist 2014 gestiegen

Im Außenhandel Russlands spielt die Elektronik- und ITK-Branche in Relation zum gesamten Handelsvolumen eine eher untergeordnete Rolle. Im Jahr 2014 wurden branchenrelevante Produkte im Wert von 2,1 Mrd. US$ ausgeführt. Das bedeutete einen Rückgang um 4% gegenüber dem Vorjahr. Der Anteil von Rüstungsgütern betrug 75%. Die beiden wichtigsten Zielmärkte waren dabei Ägypten und Venezuela.

Importiert wurden Produkte im Wert von 0,8 Mrd. US$. Das entsprach einer Steigerung gegenüber dem Vorjahr um dem Faktor 2,5. Nach russischen Angaben stammten davon 18,5% aus Deutschland, 17,6% aus den USA und 14,8% aus Belarus. Auf Grund der westlichen Sanktionsbestimmungen für Dual-Use-Güter, aber auch in Folge der Umorientierung Russlands auf asiatische Lieferländer, dürften die Lieferanteile Deutschlands und der USA künftig sinken.