Russland-Auswanderung unter Katharina

Der etwas klischeehafte Titel „Weiße Nächte, weites Land“ des aktuell erschienenen Romans von Martina Sahler lässt zumindest keinen Zweifel daran, in welchem Land die Handlung spielt. Doch anders, als man zunächst denken möchte, verbirgt sich hinter diesem Titel eine spannende und durchaus tiefer gehende Geschichte von deutschen Auswanderern an die Wolga in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Um 1765 ist das Leben der normalen Bevölkerung im Hessischen mehr als ärmlich – auch Hunger ist nicht unbekannt und echte Freiheit gibt es ebenfalls nicht. Da fällt das Angebot von Werbern der russischen Zarin Katharina der Großen auf offene Ohren, die ein besseres Leben in Russland mit zaristischer Starthilfe anbieten, wenn man nur mit ihnen nach Osten kommt. Bevorzugt werden Ehepaare und das löst eine wahre Hochzeitswelle aus – auch unter den auswanderungswilligen Protagonisten des Romans, den ungleichen Schwestern Christina, Eleonora und Klara sowie den nicht weniger verschiedenen Brüdern Matthias und Franz.

Die lebendige und stets auf ihren Vorteil bedachte Christina, die von einem Leben in städtischem Reichtum träumt und zu dieser Zeit, ohne das zu wissen, von ihrem gewalttätigen Onkel schwanger ist, heiratet überstürzt den stillen und gewissenhaften Matthias. Gemeinsam mit ihren Geschwistern geht es ab in den Osten. Über Lübeck und eine Schiffspassage nach Oranienbaum bei Sankt Petersburg reisen sie nach Russland ein. Dort erfahren sie, dass sie zwingend an der Wolga bei Saratow siedeln müssen, was so gar nicht Christinas Wünschen entspricht, die von einem Leben im Bürgertum von Sankt Petersburg träumt.

Ihr Fluchtversuch scheitert und die Kolonisten werden an die Wolga gebracht, in ein Gebiet, das zu dieser Zeit eine fast unbesiedelte Grassteppe ist, die mehrheitlich von Nomadenvölkern bewohnt wird. Die Siedler lassen sich dort nieder und beginnen einen harten Kampf ums Überleben und einen bescheidenen Wohlstand. Denn die ansässigen Nomaden sind von der Anwesenheit der Neusiedler mitnichten begeistert und werden auch bald gegen die ungeliebten neuen Nachbarn (gewalt-)tätig.

Das Buch zerfällt mehr oder weniger in drei Teile: Das arme Leben der Aussiedler in Deutschland, den abenteuerlichen Reiseweg an die Wolga und der Überlebenskampf im neuen Siedlungsgebiet. Immer im Fokus steht dabei das Leben der Hauptprotagonisten und ihrer Bekannten aus dem alten Dorf, das trotz des Drucks von außen auch intern voller Konflikte ist – etwa durch die vorschnell geschlossenen Ehen zwischen ungleichen Partnern. Während viele in der neuen Heimat feste Wurzeln schlagen, bleiben andere todunglücklich und drängen in eine Weiterwanderung, etwa nach Saratow oder gar Sankt Petersburg.

Der Handlungsfaden wird hier von der Autorin geschickt gewebt, denn das Leben ihrer Figuren ist abenteuerlich und lebendig, aber nicht so außergewöhnlich, dass die Glaubwürdigkeit des Geschehens darunter leiden würde. Auch alle Protagonisten haben ihre Licht- und Schattenseiten, wirken lebendig und man identifiziert sich als Leser gleich mit ihnen. Real existierende „Historienstars“ tauchen in Nebenrollen auf, aber auch hier ist Martina Sahler bedacht, den Weg dessen, was sich realistisch im 18. Jahrhundert abgespielt haben könnte, nicht zu verlassen. Hier zeigt sich, dass das Buch die Voraussetzungen für eine qualitativ guten historischen Roman hat: Die Autorin hat sich umfassend informiert, wie die Lebensumstände und gesellschaftlichen Zusammenhänge zum Zeitpunkt des Geschehens waren und webt ihre Handlung gekonnt in die zeitlichen Umstände ein – realistischer als die meisten Hollywood-Skripte und ohne Effekthascherei.

Klischees und Stereotypen werden vermieden und der „normale“ Auswanderer nach Russland steht im Mittelpunkt des Geschehens. Das ist besonders erfreulich, da sich die Flut an Historienromanen mit Schauplatz Rokoko-Zeit ja zu 95 Prozent mit dem Leben der damaligen Adeligen beschäftigen, obwohl diese damals nur eine verschwindenden Anteil der Bevölkerung stellten. Der Adelsstand taucht bei Sahler fast nur an seinem unteren Rand auf, in Form etwa des Kolonistenführers von Kersen, einem verarmten Adeligen, der in Russland vergeblich auf einen Wiederaufstieg in der Gesellschaft hofft. Den machen dann übrigens ganz andere, aber zuviel von der Handlung soll hier nicht verraten werden.

Wer also historische Romane mag, kann guten Gewissens zu „Weiße Nächte, weites Land“ greifen, trotz des Titels, der eher einen Groschenroman vermuten lässt. Auch die weibliche Leserschaft wird übrigens mit zahlreichen Beziehungsverwicklungen gut unterhalten, denn im Russland des 18. Jahrhunderts wird natürlich ebenso wie heutzutage intensiv geliebt, gelebt und hintergangen.

Daten zum Buch: Martina Sahler, Weiße Nächte, weites Land, Knaur München, 2013, ISBN 978-3426511984

Roland Bathon, russland.TV – Russland hören und sehen

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