Russisches Innovationszentrum Skolkovo nimmt Fahrt auf

30 internationale Technologiekonzerne bauen Labors / Staat fördert Firmengründungen in forschungsintensiven Bereichen

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[Von Ullrich Umann/gtai]– Russland muss mehr Ergebnisse aus der Grundlagenforschung zur Marktreife führen. Diesem Ziel dient das Innovationszentrum Skolkovo. Ab 2017 werden hier Weltkonzerne frische Ideen russischer Start-Ups evaluieren und in Eigenentwicklungen einbeziehen. Das kann auch für die Forschungsabteilungen deutscher Unternehmen interessant sein. Die aktuelle Entwicklung in Skolkovo wurde am 30.1.2014 auf einer Veranstaltung der Association of European Businesses in Moskau vorgestellt.

Skolkovo nimmt 2014 nach drei Jahren Planung sichtbar bautechnische Konturen an. Bis Jahresende werden die ersten Wohn- und Bürogebäude sowie das interne Straßennetz fertig gestellt. Parallel dazu legt die Eisenbahngesellschaft OAO RZD Schienenwege an Skolkovo heran, um ab 2015 den regulären S-Bahn-Verkehr zum Belorussischen Bahnhof im Zentrum Moskaus aufnehmen zu können.

Nach Zuzug aller Residenten aus der Wirtschaft werden in Skolkovo einmal 3.500 Ingenieure, Techniker und Wissenschaftler in den Bereichen Forschung, Entwicklung und Lehre arbeiten. Als Themenfelder wurden die fünf Gebiete Informatik, Energie, Raum- und Luftfahrt, Life Sciences und Kernforschung definiert.

Gemäß der Vorplanungen und vertraglichen Verpflichtungen ziehen 30 internationale Technologiekonzerne bis 2017 in Skolkovo eigene Zentren für Forschung und Entwicklung hoch. Die dazu vorgesehenen Investitionen werden mit insgesamt 25 Mrd. Rubel (550 Mio. Euro) beziffert. Gegenwärtig sind 500 Bauingenieure und Arbeiter vor Ort, um den Hoch- und Tiefbau voran zu treiben.

Skolkovo soll aber mehr sein, als nur ein Inkubator oder eine Plattform, auf der Start-Ups auf Großunternehmen treffen, damit Forschungsergebnisse aus den Labors russischer Hochschulen und Forschungsinstitute zur Marktreife gelangen. Zu einer kompletten Stadt soll das Innovationszentrum heranwachsen, mit Kindergärten, Schulen sowie medizinischen und Kultureinrichtungen. Arbeiten und Wohnen an einem Ort heißt das Konzept. In unmittelbarer Nähe stampft der Staat mit dem Skolkovo Institute of Technology (SkolTech) eine technische Hochschule nach dem Vorbild und mit technischer Hilfe des Massachusetts Institute of Technologie (MIT) aus dem Boden.

Die Siemens AG gehört zu den Unterstützern der ersten Stunde. Martin Gitsels, Leiter der Technologieabteilung bei Siemens Russia, führte das Engagement des deutschen Technologiekonzerns auf das Interesse seines Hauses zurück, in Russland mehr hochmoderne Industrieanwendungen zu generieren. „Wir wollen in Skolkovo mehr angewandte und weniger Grundlagenforschung betreiben. Wir erhoffen uns eine breitere Umsetzung von Ergebnissen in vermarktbare Anwendungen, eine stärkere Verbindung zwischen Industrie und Forschung“. Thematisch konzentriert sich Siemens in Skolkovo auf die Bereiche Energie, IT und Medizintechnik.

Als Befürworter von Skolkovo bekannte sich der Präsident von Alstom Russia, Philippe Pegorier. Er möchte, dass es andere seinem Unternehmen gleich tun, und sich als Residenten im Innovationszentrum niederlassen. Alstom wird in Skolkovo in den Themenfeldern Wärmeenergie, Energienetze und Transport unterwegs sein. Dazu zieht der französische Konzern in Büro- und Laborräume gemeinsam mit dem russischen Unternehmen Transmaschholding. Beide Firmen verbindet in Russland eine Reihe von Vorhaben im Bereich Transport.

Der Wettbewerber ABB Russia ist ebenfalls seit vier Jahren mit dem Projekt Skolkovo verbunden. Michael Akim, Direktor für strategische Entwicklung bei ABB Russia, strich in seiner Ansprache die Chance heraus, die sich speziell mit diesem Vorhaben für den Ausbau von Forschung und Entwicklung in Russland ergibt. „Wird Skolkovo ein Erfolg, so wird das auf das ganze Land ausstrahlen und Schule machen.“

Dmitry Shulga, Vizepräsident von Schneider Electric und zuständig für Government Affairs and External Relations, gab zu, dass sich seine Firma erst 2012 und damit recht spät für eine Teilnahme an Skolkovo entschieden hat. Inzwischen verpflichtete sich Schneider Electric zur Einrichtung eines Zentrums für Forschung und Entwicklung bis 2017. Dort werden einmal 100 Forscher tätig sein.

Die Kosten für den Bau des Zentrums gab Dmitry Shulga mit 20 Mio. US$ an. Als Besonderheit des Laborgebäudes stellte er die geplante Zertifizierung gemäß ISO 5001 heraus. Damit wird es ein Energiesparhaus sein, komplett digitalisiert und lediglich von zwei Personen energie- und wassertechnisch überwacht. Als Forschungsschwerpunkte seines Konzerns in Skolkovo nannte er „smart grids“, intelligente Steuerungen in der Stromerzeugung und Überwachungssysteme für Pipelines. „Russland ist für uns der viertgrößte Markt. Wir unterhalten hier sieben Fabriken, vier Logistikzentren und verfügen über Vertriebsniederlassungen in 30 Regionen. Skolkovo ist für uns von großer Wichtigkeit.“

Vaslily Belov von der Skolkovo Stiftung als Trägerorganisation des Gesamtprojekts unterstrich, dass Russland als Forschungsstandort im internationalen Ranking zwar aufgeholt hat, was Ausbildung, Personal, Investitionen und Einrichtungen anbelangt. Doch sei der Idealzustand damit längst noch nicht erreicht. „Es ist daher zu betonen, dass die russische Regierung Skolkovo nicht nur initiiert hat, sondern weiterhin uneingeschränkt hinter dem Projekt steht.“

Künftigen Residenten werden in Abhängigkeit von ihren wirtschaftlichen Zielen und finanziellen Möglichkeiten unterschiedliche Beteiligungsoptionen angeboten. So können Büro- und Laborräume gemietet werden. Das ist von Vorteil für kleine und neu gegründete Unternehmen, die dafür sogar finanzielle Unterstützung beantragen können. Oder es werden Grundstücke im Industriepark für 49 Jahre mit einer Verlängerungsoption verpachtet, auf denen Firmen ihre Gebäude errichten können.

Geboten werden darüber hinaus Steuererleichterungen, weiterhin die Rückerstattung von Einfuhrabgaben auf importiertes Laborinventar, ein erstklassiger Zugang zu russischen Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen, darunter SkolTech, sowie kurze Wege zur russischen Regierung und anderen Entscheidungsträgern.

Eine Gelegenheit für deutsche Unternehmen, sich mit Skolkovo besser bekannt zu machen, bietet sich auf dem „Village Day“ am 2.6.2014. An diesem Tag präsentieren sich alle wichtigen Akteure, darunter der Skolkovo Fonds, alle involvierten privaten Investitionsfonds, Venture Capital Unternehmen, ansässigen Unternehmen sowie 300 Start Ups aus unterschiedlichen Regionen Russlands. Für letztere findet im Frühjahr ein Auswahlverfahren statt. Die Veranstalter gehen zusätzlich von der Beteiligung hochrangiger Regierungsvertreter aus. Im letzten Jahr war Premierminister Medwedjew anwesend.