Russischen Druckereien und Verlagen brechen die Aufträge weg

Nachfrage nach Drucktechnik sinkt wegen Rezession und Digitalisierung / Distributionswege für elektronische Inhalte gesucht

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Von Ullrich Umann Moskau (gtai) – Die Absatzchancen für deutsche Drucktechnik in Russland haben sich eingetrübt. Namhafte Hersteller von Drucktechnik bieten Verbrauchsmaterial mit Preisabschlägen an. Neue Druckereien werden aktuell nicht geplant, höchstens die Modernisierung bestehender. Die besten Geschäftschancen bestehen in der Druckindustrie für Aufträge aus der Verpackungs- und Lebensmittelindustrie. Zeitungen und Zeitschriften verlieren dagegen an Auflage. Buchverlage dünnen ihr Angebot aus.

Das russische Verlags- und Druckgewerbe erlebt 2015 schwierige Zeiten. Der Produktionswert der Verlage und Druckereien ging im 1. Halbjahr 2015 auf Vorjahresbasis um -14,8% zurück, berichtet der Föderale Statistikdienst Rosstat. Davon mussten Verlage einen Einbruch ihrer Umsätze von -17,9% hinnehmen. Druckereien verbuchten ein Minus von -15,5%. Dagegen legten die Hersteller digitaler Informationsträger und Internet-Medien laut Rosstat um 1.127,2% zu. Hieran zeigt sich, wohin und mit welcher Geschwindigkeit die Reise im Informationszeitalter auch in Russland geht.

Marktteilnehmer aus dem herkömmlichen Print- und Verlagsgewerbe berichten, dass sie inzwischen an der untersten Rentabilitätsgrenze angekommen sind. In einigen Druckereien befindet sich die Kapazitätsauslastung bei 60%. Verluste werden insbesondere mit Büchern erwirtschaftet.

Verlagsgewerbe

Im Verlagsgewerbe werden Distributionswege für digitale Inhalte aufgebaut oder optimiert. Digitale Produkte hielten 2014 einen wertmäßigen Anteil am Medienmarkt von 28%. Im letzten Jahr vor der Finanzmarktkrise 2008/09 lag der Vergleichswert bei 10%. Bis 2020 soll die Quote auf mindestens 50% steigen.

Aktuell nutzen 74 Millionen russische Bürger regelmäßig das Internet. Im Jahr 2016 werden es Prognosen zufolge 100 Millionen sein. Trotzdem ist sich die Fachwelt einig, dass Printmedien im Geschäft bleiben, wenn auch mit geringeren Auflagen. Gleichzeitig wird die Zahl der Titel abnehmen, jedoch eine beschleunigte Drucklegung erfolgen beziehungsweise verstärkt „Print on Demand“ als wirtschaftlicher Ausweg gefahren.

Im Krisenjahr 2015 wird mit einem Rückgang der Titel und Formate bei Zeitungen und Zeitschriften um 30% gerechnet. Höchstwahrscheinlich werden von den 60.000 Titeln, die noch zu Jahresanfang an den Kiosken gezählt wurden, 20.000 eingestellt. Gleichzeitig steigen die Druckkosten um 20%, vor allem als Folge wachsender Rubelpreise auf importierte Drucktechnik und eingeführtes Verbrauchsmaterial. Selbst die Papierpreise aus der Inlandsproduktion ziehen an.

Zeitungen, Zeitschriften

Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen suchen angesichts des Erfolgs digitaler Medien nach modernen Formaten für ihre Druckerzeugnisse. Eingeschlossen ist die Suche nach neuen Einnahmequellen und Werbeträgern. Doch sinkt mit dem Auflagenrückgang im Zeitungsgeschäft automatisch das Interesse potenzieller Anzeigenkunden.

Die Tageszeitung Nowaja Gazeta, an der unter anderem Michael Gorbatschow beteiligt ist, erwägt auf Grund gestiegener Kosten die Printausgabe ganz einzustellen und nur noch im Internet zu erscheinen. Im Jahr 2014 erzielte die Zeitung einen Reinverlust von 11,4 Mio. Rubel, bei einer Auflage von 227.000.

Die Arbeit der Zeitungen und Zeitschriften wird 2015 aber nicht nur durch ein verschlechtertes wirtschaftliches Umfeld, sondern auch durch staatliche Kontrollen erschwert. Damit reagiert der Staat auf die jüngsten Ereignisse in und um die Ukraine. Zwar wird nicht direkt auf redaktionelle Inhalte Einfluss genommen. Doch wird die steuerliche und regulatorische Daumenschraube angezogen. Besitzer von Printmedien und auch Werbekunden bestimmter Medien berichten, dass sie einer stärkeren Finanzkontrolle ausgesetzt sind.

Laut Gesetz befinden sich Blogger, die regelmäßig publizieren, ab sofort in derselben Kategorie wie kommerziell arbeitende Presseorgane. Sie zeichnen daher für Inhalte verantwortlich. Die Überwachungsbehörde Roskomnadzor ist damit befugt, den Zugang zu Bloggerseiten im Internet zu blockieren, so sie es als erwiesen ansieht, dass Beiträge zur Unruhestiftung anregen.

Zeitungsredaktionen können wiederum mit Strafzahlungen von bis zu 1 Mio. Rubel belegt werden, sollten sie nach Anschauung von Roskomnadzor extremistisches Material veröffentlichen. Ausländische Anteile an Presseerzeugnissen und Verlagen werden auf Grundlage neuer Gesetze von derzeit maximal 49% auf 20% ab Februar 2016 runtergefahren. Eine namhafte russische Tageszeitung schrieb, dass Massenmedien für Investoren zu toxischen Aktiva mit sinkender Ertragskraft verkommen sind.

Die finnische Gruppe Sanoma Independent Media verkündete im Frühjahr 2015 den Verkauf ihrer Anteile von 33,3% an der Wirtschaftszeitung Vedomosti an. Als Käufer wurde die Ivania Ltd. angegeben, die sich im Besitz des ehemaligen Generaldirektors der Mediengruppe Kommersant, Demjan Kudrjatzev, befindet. Der Wert des Deals wird von Beobachtern auf 6 Mio. Euro geschätzt. Die beiden weiteren Anteilshalter von Vedomosti, Dow Jones und FT, bleiben vorerst im Geschäft, auch wenn absehbar ist, dass sie ihre Anteile ebenfalls auf 20% herabsetzen müssen. Kudrjatzev zeigte sich inzwischen auch interessiert an den Sanoma-Anteilen an den russischen Ausgaben aus dem Hause United Press, darunter National Geographic, Men´s Health und Women´s Health.

Treffen werden die neuen Einschränkungen auch die Verlagshäuser Burda und Bauer, die sich im russischen Printbereich engagiert haben. Weiterhin ist Shkulev Media zu nennen, das zu je 50% der US-amerikanischen Hearst Corp. und dem Geschäftsmann Viktor Shkulev gehört.

Der Axel-Springer-Verlag hat sein Russland-Engagement wegen des neuen Mediengesetzes Mitte September 2015 beendet und seine Tochterfirma an die ARTCOM Media (gehört zur Mediengruppe ACMG) verkauft. Zum übergebenen Portfolio gehören die Titel FORBES, forbes.ru, finanz.ru, OK!, GEO und GALA Biografia.

Ob das neue russische Mediengesetz gegen den deutsch-russischen Investitionsschutzvertrag verstößt, befindet sich dem Vernehmen nach in der Prüfung. In Zeiten, in denen westliche Sanktionen die Interessen russischer Investoren in Deutschland einschränken, halten Juristen diese Prüfung aber für wenig sinnvoll.

Bücher

In einigen Buchverlagen wird versucht, auf den Zug zur Elektronisierung der Medien aufzuspringen. Beim klassischen Buchdruck herrscht dagegen nur noch das Prinzip Hoffnung. Unter anderem werden die Möglichkeiten ausgeleuchtet, Buchkäufer mit reichhaltigen Illustrationen und guter Verarbeitung der Einbände zu behalten. Insbesondere gilt das für den Druck von Kunstbänden, Schulbüchern, Kinderbüchern, Atlanten und dergleichen.

Die Gesamtauflage von Büchern und Broschüren ist im 1. Halbjahr 2015 nach Angaben der Russischen Buchkammer um 20% auf 194.833.000 gefallen. Erschienen sind im genannten Zeitraum 45.262 Titel, was einen Rückgang um -6,9% darstellte. Davon übersteigen nur 139 Titel eine Auflage von 100.000. Mehr als die Hälfte der Neuerscheinungen erreichen eine Auflage von maximal 500 Exemplaren.

Am zahlreichsten werden immer noch Bücher und Broschüren für wissenschaftliche und Lehrzwecke aufgelegt. Am wenigsten erscheinen Jugendbücher. Zu den größten Verlagen gehörten im 1. Halbjahr 2015 Prosweschenie (26,77 Mio. gedruckte Exemplare), Eksmo (18,75 Mio.) und AST (15,04 Mio.).

Druckindustrie

Die Druckindustrie leidet unter dem Wandel der Lesegewohnheiten hin zu den elektronischen Medien und unter der allgemeinen Rezession im Land. Zudem verteuern sich in Folge der Rubelabwertung die Kosten für Maschinen, Anlagen, Ersatzteile und Verbrauchsmaterial, die hochgradig aus dem Ausland stammen. Selbst das Ausgangsmaterial Papier ist im 1. Halbjahr 2015 um bis zu 40% im Preis gestiegen, obwohl es fast ausschließlich von inländischen Herstellern stammt.

Die Anzahl der in der Druckindustrie angesiedelten Firmen wird mit 20.000 angegeben. Dazu gehören im industriellen Maßstab arbeitende spezialisierte und universelle Großdruckereien (5.000), digitale und hybride Druckereien (2.500) sowie Werbeagenturen, Copy-Shops, Minidruckereien und Spezialdruckereien.

Aus Kostengründen, aber auch wegen teilweise mangelnder Kapazitätsauslastung zögern Druckereibetriebe 2015 Modernisierungen heraus. Insbesondere kleine, teilweise auch mittelgroße Druckereien laufen Gefahr, ihre Geschäftstätigkeit aufgeben zu müssen. Steigende Kosten und die wegbrechende Nachfrage in Krisenzeiten machen einen Fortbestand fallweise unmöglich.

Selbst Großdruckereien im Staatsbesitz, wie Uralski Rabotschi aus Jekaterinburg, müssen ihre Tore schließen, wenn sich kein privater Käufer findet. Die Behörde für Staatseigentum, Rosimuschestwo, setzte die untere Grenze für einen Bieterpreis im Fall Uralski Rabotschi auf 690 Mio. Rubel fest. Garantien zum Fortbestand der Druckerei verlangt Rosimuschestwo keine. Kenner gehen davon aus, dass für einen Käufer lediglich die Immobilie interessant sein dürfte, die sich in zentraler Stadtlage befindet, nicht jedoch die Druckerei als solche.

Auf der anderen Seite setzt sich die Marktkonsolidierung durch den Zusammenschluss von Druckhäusern beziehungsweise die Übernahme kleiner und mittlerer Druckereien durch große Druckunternehmen und Verlagshäuser fort. Die Stellung der Marktführer festigt sich so. Dazu gehören ZAO Rossiskije Gazety, ZAO Prime Print, ZAO Tipografija Komsomolskaja Prawda, IPK Pareto-Print, OAO Perwaja Obrazowaja Tipografia, OAO Izdatelstwo Wysschaja Schkola, OAO TatMedia und ID Respublika Baschkortostan.

Anbieter von Drucktechnik kommen den Druckereien in der aktuellen Krise entgegen. Heidelberg- GUS startete 2015 eine Aktion, wonach Verbrauchsmaterial und Ersatzteile für Druckmaschinen 20% billiger zu haben sind, wenn sie in einem bestimmten Monat geordert werden. Im Jahr 2014 war Heidelberger Marktführer in Russland im Segment Plattenbelichtung (23,1% Marktanteile). Starke Positionen besetzt das Unternehmen bei Maschinen für den Offset-Druck auf Kartons, Faltschachtelklebemaschinen, Stahlfoldern, Etiketten-Schnellschneidern, Verbrauchsmaterial und Dienstleistungen.

Verpackungsdruck und Etiketten

Für Geschäftschancen in Spezialdruckereien und in der Verpackungsindustrie sorgt der aufstrebende Nahrungsmittelsektor. Dieser benötigt mehr als in den Vorjahren bedruckte Verpackungsmaterialien in unterschiedlichsten Formen und aus verschiedenen Materialien, darunter Papier, Karton, Alufolie, Glas oder Kunststoff. Um diese Anforderungen zu meistern, dürfte Spezialtechnik angeschafft werden, vor allem für den Offset-Druck. Aber auch Faltmaschinen, Schneidemaschinen und dergleichen werden benötigt.

Der Einfuhrstopp für westliche Lebensmittel war nur eine von mehreren Entwicklungen, die der Druckindustrie zu Gute kommen. Eine zweite Entwicklung stellt die Politik der Importsubstitution dar. Dazu dürften eindeutig Druckerzeugnisse und Verpackungen gehören, die künftig nicht mehr aus dem Ausland, sondern ausschließlich von Herstellern aus dem Gebiet der Eurasischen Wirtschaftsunion bezogen werden dürfen.

Mit dem aktuell zu beobachtenden Wachstum der Pharmaindustrie und der staatlich geförderten Ansiedlung ausländischer Industriebetriebe verstärkt sich die Nachfrage nach Verpackungen und Etiketten auch aus dieser Richtung.

Werbung

Der Reklamemarkt befindet sich in Zeiten der schlechten Wirtschaftskonjunktur auf dem Rückzug. Unternehmen und Staat halten ihre Werbebudgets so schlank wie möglich. Allein im 1. Quartal 2015 sanken die Werbeausgaben im Vorjahresvergleich um 20%. Ausgeweitet auf das gesamte 1. Halbjahr 2015 betrug der Rückgang -16%. Es flossen nur noch 138 Mrd. Rubel für Reklame, wie der Verband der PR-Agenturen (AKAR) mitteilte. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, würde der Werbemarkt nicht einmal über ein Volumen von 270 Mrd. Rubel hinauskommen. Das läge unter dem Niveau von 2011.

Die Werbeeinnahmen unabhängiger Printmedien gingen 2014 um -7% auf 8,1 Mrd. Rubel zurück. Im laufenden Jahr dürfte sich der Rückgang sogar noch beschleunigen. Kürzungen in den Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen sind angesagt. Die Zeitschrift Snob verkürzte beispielsweise ihr Erscheinen von zwölf auf sechs Ausgaben pro Jahr. beispielsweise ihr Erscheinen von zwölf auf sechs Ausgaben pro Jahr. zwölf auf sechs Ausgaben pro Jahr.