Russische Wirtschaft kommt aus der Krise

Foto: CC0 Public Domain via Pixabay
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Nach zwei Rezessionsjahren in Folge kommt die russische Wirtschaft 2017 langsam aus der Krise: Das unternehmerische Umfeld und die Geschäftserwartungen der deutschen Unternehmen im Russland-Geschäft haben sich trotz der gegenseitigen Wirtschaftssanktionen zuletzt spürbar verbessert. Dies ist das wichtigste Ergebnis der gemeinsamen Geschäftsklima-Umfrage des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK), die der stellvertretende Ost-Ausschuss-Vorsitzende Klaus Schäfer, der DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier und der Vorstandsvorsitzende der AHK Matthias Schepp heute in Berlin vorstellten. An der Umfrage haben sich 190 Unternehmen beteiligt, die in Russland insgesamt 122.000 Mitarbeiter beschäftigen und rund 29 Milliarden Euro umsetzen.

„Eine mehr als zweijährige konjunkturelle Durststrecke steht vor dem Ende, die russische Wirtschaft lässt das Tal der Tränen hinter sich“, sagte der stellvertretende Ost-Ausschuss-Vorsitzende Klaus Schäfer in Berlin mit Blick auf die Ergebnisse der Umfrage. „Es wird sich nun auszahlen, dass die große Mehrheit der deutschen Unternehmen im Land überwintert und auf eine Erholung des Marktes vertraut hat.“ Mehr als zwei Drittel der Befragten erwartet für 2017 eine positive Entwicklung der russischen Wirtschaft. In der Vorjahresumfrage waren dies gerade einmal zwei Prozent. „Die deutschen Unternehmen in Russland sind deutlich optimistischer in das neue Jahr gestartet. Das Geschäftsklima im Land hat sich nach zwei Krisenjahren deutlich verbessert“, kommentierte Matthias Schepp, der Vorstandsvorsitzende der AHK Russland.

DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier sieht hierin auch einen wirtschaftspolitischen Erfolg: „Russland ist der deutschen Wirtschaft in den letzten drei Jahren als Handelspartner fast abhandengekommen. Der Export hat sich seit 2013 fast halbiert. Immerhin ist die Phase rückläufiger Ausfuhren jetzt aber durchschritten. Es trägt wirtschaftlich erste Früchte, dass Politik und Wirtschaft trotz Sanktionsregimes die Gesprächskanäle immer offen gehalten haben“, so Treier.

Das freundlichere Umfeld spiegelt sich auch in den Umsatzerwartungen der Unternehmen wider: „2017 rechnen 63 Prozent der Befragten mit steigenden Umsätzen im Russland-Geschäft“, sagte der AHK-Vorstandsvorsitzende Schepp.

Einstellungs- und Investitionsbereitschaft steigt

Vor diesem Hintergrund zeigen sich die deutschen Unternehmen wieder einstellungs- und investitionsbereiter: 40 Prozent der befragten Firmen gehen davon aus, künftig mehr Mitarbeiter in Russland zu beschäftigen. Immerhin ein Drittel der Unternehmen will in den nächsten zwölf Monaten in Russland investieren. AHK-Chef Matthias Schepp: „Nachdem deutsche Unternehmen 2016 fast zwei Milliarden Euro investiert haben, sind auch für dieses Jahr weitere Investitionsprojekte geplant. Die Bereitschaft der deutschen Unternehmen, in Russland zu produzieren, ist nach wie vor hoch.“

Positive Impulse sind auch für den bilateralen Handel zu erwarten: „Die wirtschaftliche Belebung in Russland gibt dem deutschen Export Auftrieb“, sagte Ost-Ausschuss-Vize Schäfer. „Insgesamt rechnen wir für 2017 mit einem Anstieg der deutschen Exporte nach Russland von mindestens fünf Prozent.“ Nach massiven Einbrüchen in den Jahren 2014 und 2015 ist seit Sommer 2016 wieder eine leichte Aufwärtsbewegung bei den deutschen Ausfuhren nach Russland zu erkennen.  Im Gesamtjahr  2016 lagen sie mit 21,6 Milliarden Euro nur noch 0,3 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Für 2017 erwartet gut die Hälfte der befragten Unternehmen stabile und weitere 40 Prozent steigende Lieferungen nach Russland.

Wie schon in den Vorjahren halten die befragen Unternehmen die Land- und Ernährungswirtschaft für die wachstumsstärkste Branche in Russland. Die russische Regierung hatte die Einführung von Gegensanktionen im Ukraine-Konflikt genutzt, um Importstopps gegenüber westlichen Agrarprodukten zu verhängen und so die Selbstversorgung des Landes zu steigern. „Deutsche Unternehmen werden von der russischen Politik der Importsubstitution dazu gedrängt, die Fertigungstiefe in Russland zu erhöhen – ansonsten könnten sie Marktanteile verlieren. Dennoch sind die Regelungen, ab wann ein Produkt tatsächlich als „Made in Russia“ gilt, nicht klar definiert“, erklärte Schepp bei der Pressekonferenz.

Dieser Druck zur Lokalisierung und Importsubstitution betreffe auch andere Wirtschaftsbereiche. Am häufigsten spürten deutsche Unternehmen Nachteile bei öffentlichen Ausschreibungs- und Genehmigungsverfahren und in Form von Einfuhrbeschränkungen. Zwei Drittel der befragten Unternehmen sehen sich von protektionistischen Maßnahmen betroffen. „Es ist verständlich, dass ein Land mit enormen Potenzial, wie Russland, Teile seiner Wirtschaft entwickeln will. Dieser Schritt darf jedoch nicht über protektionistische Maßnahmen erfolgen. Deutsche Unternehmen müssen faire Chancen gewährt werden, dann profitieren auch die russischen Partner von deutschen Investitionen und Technologien“, so Schepp.

Keine schnelle Lockerung der Sanktionen erwartet

Bei den im Sommer 2014 von der EU gegen Russland verhängten Wirtschaftssanktionen machen sich die Befragten wenig Illusionen: Nur noch 29 Prozent der befragten Unternehmen rechnen hier für das laufende Jahr mit einer Lockerung. Diese wird allerdings von einer deutlichen Mehrheit von 91 Prozent gewünscht. Knapp die Hälfte der Befragten plädiert dabei für die sofortige Aufhebung der Wirtschaftssanktionen, weitere 42 Prozent fordern deren schrittweisen Abbau.
Der Ost-Ausschuss hält einen schrittweisen Abbau entlang der im Minsk-Abkommen vereinbarten Schritte für den richtigen Ansatz: „Wir wünschen uns, dass Russland seine Anstrengungen zur Erfüllung der Minsk-Vereinbarungen verstärkt und dass dort endlich die Waffen schweigen. Fortschritte im Friedensprozess sollten dann aber auch mit dem schrittweisen Abbau der Sanktionen honoriert werden“, sagte Schäfer. „Nur so besteht die Aussicht auf eine positive Dynamik.“

Kooperation von EU und Eurasischer Union angemahnt

Schäfer und Schepp unterstrichen in Berlin das Ziel eines gemeinsamen Europäischen Wirtschaftsraums unter Einbeziehung Russlands. Dazu forderten Sie zu einem Dialog zwischen der EU und der Eurasischen Wirtschaftsunion auf. Fast drei Viertel der befragten Unternehmen wünschen sich laut Umfrage eine solche Kooperation im Außenhandel. Weitere wichtige Kooperationsfelder sind aus Sicht der Befragten der Bereich Normen und Standards, außerdem Visafreiheit, freier Kapitalverkehr und Infrastrukturausbau.

Die nach Einführung der Sanktionen geäußerte Sorge, deutsche und europäische Unternehmen könnten dauerhaft Marktanteile etwa an chinesische Konkurrenten verlieren, hat weiter an Gewicht verloren: Nur 14 Prozent der befragten Unternehmen befürchten, dass Russland sich China und Asien zuwendet, zwei Jahre zuvor war es noch fast die Hälfte. Unverändert 18 Prozent der befragten Firmen meinen, dass die EU der bevorzugte Wirtschaftspartner Russlands bleibt. 59 Prozent sind der Ansicht, dass sowohl die EU als auch China für Russland wichtige Wirtschaftspartner bleiben. „Die EU bleibt trotz Sanktionen mit weitem Abstand der wichtigste russische Handelspartner. Darauf sollte sich nun wieder aufbauen lassen“, sagte der stellvertretende Ost-Ausschuss-Vorsitzende Schäfer: „Gerade wenn andere Wirtschaftsmächte die Vorzeichen auf Protektionismus stellen, sollten wir in Europa erst recht neue Gemeinsamkeiten suchen.“

Zwei Fragen waren in diesem Jahr den Auswirkungen der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten auf das russisch-amerikanische Verhältnis gewidmet. Die Wahl Trumps war in Russland zunächst positiv aufgenommen worden. Unter den befragten Unternehmen ergibt sich jedoch kein einheitliches Bild: Weniger als die Hälfte erwarten unter dem neuen US-Präsidenten tatsächlich eine Verbesserung der bilateralen Beziehungen zwischen Russland und den USA. 43 Prozent rechnet dagegen nicht damit, dass sich das schlechte Verhältnis in nächster Zeit verbessert und knapp ein Zehntel befürchtet sogar, dass es zu einer weiteren Verschlechterung kommt. Immerhin 57 Prozent der befragten deutschen Unternehmen sind aber der Meinung, dass die Chancen für eine Lockerung der US-Sanktionen unter Trump gestiegen sind.

Hintergrundinformationen zur Umfrage

Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer haben im Januar 2017 zum 14. Mal ihre jährliche Umfrage zum Geschäftsklima in Russland unter deutschen Unternehmen im Russland-Geschäft durchgeführt. Schwerpunkte waren die Investitionsbedingungen vor Ort, die aktuellen Geschäftseinschätzungen der Unternehmen und deren Erwartungen an die zukünftige russische Wirtschaftspolitik, aber auch die Folgen der Wirtschaftssanktionen und des wirtschaftlichen Abschwungs in Russland. Insgesamt 190 Unternehmen haben sich an der Umfrage beteiligt. Die befragten Unternehmen stehen für über 122.000 Beschäftigte in Russland setzten dort im Jahr 2015 über 29 Milliarden Euro um.