Russische Premier-Liga – Kaum begonnen, schon wieder Ärger

Foto: Steve Hopson/Wikipedia CC BY-SA 2.5Foto: Steve Hopson/Wikipedia CC BY-SA 2.5
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Moskau – Die Russische Fußball-Premier-Liga hat ein massives Problem. Gerade erst am vergangenen Wochenende in die neue Saison gestartet, macht sie schon wieder mit einem rassistischen Ausfall von sich Reden. Inzwischen ist das Rassismus-Problem im russischen Fußball nichts Neues mehr. Nur scheint es ein Kampf gegen Windmühlen zu sein, diesem Problem Herr zu werden. Wo werden die Fehler gemacht?

Gleich beim allerersten Spiel der Saison 2015/2016 zwischen Spartak und Ufa kam es in Moskau wieder an den Tag. Das russische Rassismus-Problem im Fußball. Nachdem der ghanaische Ufa-Spieler Emmanuel Frimpong von Moskauer Anhängern mit Affenlauten angepöbelt wurde, zeigte er denen kurzerhand den Stinkefinger. Eigentlich eine nachvollziehbare Geste, jedoch sah das der Schiedsrichter regelkonform als unsportlich und schickte Frimpong vorzeitig in die Kabine. Zwar entschuldigte sich der Ghanaer hinterher artig aber das eigentliche Problem sitzt tiefer. Nämlich bei den Zuschauern, und das vornehmlich bei denen aus dem Nordwesten Russlands.

Als einer der ersten meldete sich der brasilianische Nationalstürmer Hulk, bei Zenit S. Petersburg in Lohn und Brot, zu Wort. So was passiere in der russischen Liga in jedem Spiel, so seine fast schon resignierende Einschätzung. „Früher habe ich mich aufgeregt. Heute werfe ich diesen ‚Fans‘ Küsse zu.“ Er selber wurde zuletzt im März von Torpedo-Moskau-Fans mit Affenrufen bedacht worden. Derlei Verunglimpfungen gehören, möchte man da heraus hören, demnach zum Tagesgeschäft für andersfarbige Fußballer, die in Russland spielen.

Keine russische Erfindung aber ein russisches Problem!

Doch ist Rassismus im Fussball beileibe keine russische Erfindung und so neu nun auch wieder nicht. Bereits in den 60er/70er wurden auf den deutschen Zuschauerrängen, meist unbedacht geäußerte, rassistische Schmährufe und -gesänge skandiert. Das beste Beispiel dafür dürfte das lange gebräuchliche „Zick, Zack, Zigeunerpack“, an die Adresse der gegnerischen Anhänger gerichtet, darstellen.

In den 80ern wurde der Sprachgebrauch ein wenig derber und es war durchaus des öfteren von einer „U-Bahn nach Ausschwitz“ zu hören. Jedoch richteten sich diese Beleidigungen so gut wie nie gegen einen einzelnen Spieler, der wegen seiner Herkunft oder seiner Hautfarbe per se in Misskredit geriet. Dieses Phänomen hat sich erst in den 90er Jahren in den Stadien verselbstständigt. Bis auf wenige europäische Ligen, Italien und gerade Osteuropa zeichnen sich für die unrühmliche Ausnahme verantwortlich, konnte dieses Verhalten der Zuschauer weitgehend eingedämmt werden.

Allerdings wie man sieht, es war ein langer Prozess. Angefangen bei einem Umdenkprozess bei den Verantwortlichen, über rigide Strafen der Schiedsgerichte bis hin zur freiwilligen Selbstkontrolle auf den Zuschauerrängen. Eine dichte Vernetzung der einzelnen Fangruppierungen mit Hilfe von semi-offiziellen Organen wie Fan-Verbänden und Fan-Beauftragten konnte entscheidend dazu beitragen, das Rassismusproblem weitgehend einzudämmen. Nur, warum gelingt das ausgerechnet in Russland nicht?

Lediglich nur „Einzelfälle“ oder doch eine nationale Angelegenheit?

Zwar hatte Russland Ende März mit einem Anti-Rassismus-Beauftragten auf zunehmende Fremdenfeindlichkeit unter seinen Fans reagiert. Im Auftrag des nationalen Verbandes RFU soll Alexander Tolkaschew den Ursachen und Auswüchse von Anhängern mehrerer Vereine entgegen wirken.Wenn man jedoch genau hinsieht, lässt sich nicht vertuschen, dass derlei Angelegenheiten meist schon von oberster Stelle herunter gespielt werden. Allen voran der russische Sportminister und WM-OK-Chef Witali Mutko: „Ich denke nicht, dass es sich lohnt, diese Episode zu einem großen Skandal aufzubauschen“. Handle es sich doch, so seine Meinung, immer wieder nur um Einzelfälle.

Jedoch, diese „Einzelfälle“ häufen sich. Über 200 wurden in den vergangenen Spielzeiten von der Anti-Rassismus-Organisation FARE, die von der UEFA anerkannt ist, in Russland dokumentiert. Der Weltverband FIFA erbat sich gar eine Stellungnahme aus Moskau, direkt an Sportminister Mutko gerichtet. „Es gibt keinen Platz für Rassismus oder irgendeine Form von Diskriminierung im Fußball“, hieß es aus Zürich. Dies ist im Artikel 3 der FIFA-Statuten verankert – und gerade Mutko sollte diese kennen. Der wiederum reichte die Zuständigkeit an den russischen Verband RFU weiter. Der allerdings befindet sich zur Zeit in einem Machtvakuum. Der heiße Kandidat auf den Vorstandsposten heißt: Mutko.

Und hier irrt der Brasilianer Hulk, wenn er die Meinung vertritt, im Ausland würden diese Vorfälle fast nie beachtet. Gerade mit Blick auf die mittlerweile mehr als umstrittene Fußball-Weltmeisterschaft 2018 steht der russische Fußball wieder einmal im Fokus der Öffentlichkeit. Angesichts der Fans war Russland in der jüngeren Vergangenheit auch hinsichtlich seiner Verantwortung als nächster WM-Ausrichter, international mehrfach an den Pranger gestellt worden. Aber in einem hat der Brasilianer recht: „Wenn das in drei Jahren ebenfalls passiert, wäre es hässlich und widerlich“, betonte er vor Journalisten auf dem Trainingsgelände von Zenit.

Wo er recht hat, hat er recht, denn unpassender hätte der Vorfall mit dem Ghanaer Frimpong gar nicht kommen können. Werden doch schließlich, eben in St. Petersburg, am kommenden Sonntag die Gruppen für die WM-Qualifikation ausgelost. Solange jedoch Funktionäre den Spielern vorhalten, sie hätten, wie im Fall Frimpong, die Geschehnisse selbst provoziert, schüttet das den WM-Kritikern weiterhin Öl ins Feuer. Das leidige Ende der Debatte liefe darauf hinaus, dass sich die WM 2018 selbst brandmarkt, wie das russische Portal sport-express.ru ganz richtig zu denken gab.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.