Schein-Heilige – Warum geschasste russische Künstler im Westen immer Helden sind

Am aktuellen Beispiel des russischen Aktivisten Pjotr Pawlenski wird wieder einmal deutlich, dass die Wahrnehmung oppositioneller Kunst in Ost und West unterschiedlicher nicht ausfallen könnte. David gegen Goliath – der Künstler gegen den Staat. Moritz Gathmann versucht zu ergründen, warum eine in Russland begangene Straftat dem Westen heilig ist.

Pjotr Pawlenski, der sich selbst als „Aktionskünstler“ bezeichnet, hat es dem Staat einmal wieder so richtig gezeigt. Aus Empörung gegen die Unterdrückung der Freiheit fackelte er vor kurzem das Foyer einer französischen Bank ab. Auf dem steinigen Weg zu seinem künstlerischen Ruhm standen bereits mehrere solcher fragwürdigen Aktionen. Aus Protest gegen die Repressionen des Kremls nagelte er sich seinen Hodensack am Roten Platz vor selbigem fest, er rollte sich in Stacheldraht ein und nähte sich den Mund zu. Als er die Eingangstür des Inland-Geheimdienstes FSB in Brand setzte, wurde es den Behörden zu bunt und Pawlenski wurde dafür verurteilt.

Hier stellt Gathmann nun die berechtigte Frage: „Aber haben Sie eigentlich schon einmal versucht, die Eingangstür des BND oder der CIA in Brand zu stecken? Lassen Sie es lieber.“ Ein Politiker des russischen Verteidigungs- und Sicherheitsausschusses riet Pawlenski, er solle sich doch an der Freiheitsstatue festnageln. Wie der Journalist findet, sei es immer dasselbe Schema, wenn die westlichen Medien, insbesondere die deutschen, solche Künstler zu Ikonen erheben: „Hier die mutigen Künstler, vom Freiheitswillen zum Protest getrieben, dort der repressive Staat, der sie dafür in den Knast steckt.“ Es scheint ihnen dabei zu genügen, wenn die, mitunter selbsternannten, Kulturschaffenden aus Russland oder mindestens aus einem der osteuropäischen Länder stammten.

Wenn das Heldenbild Risse kriegt

Als weiteres Beispiel einer von den hiesigen Medien gutgeheißenen Straftat führt Moritz Gathmann die Pseudo-Punkrock-Band „Pussy Riots“ an, von denen es die Hübscheste, so Gathmann, sogar auf das Cover vom „Spiegel“ geschafft habe. Auch sie wurden hierzulande zu Heldinnen, die gegen das Unrecht ankämpften, in dem sie in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale die öffentliche Ordnung grob verletzten, die Religionsausübung gestört hatten und den Präsidenten verunglimpften. Wäre das alles beispielsweise im Kölner, oder gar Passauer Dom geschehen, kaum jemand wäre hier auf die Idee gekommen, einen derartigen Eklat auch noch als politischen Befreiungsversuch zu huldigen.

Hierzu äußert sich Gathmann: „Wie wurden diese Frauen, die angeblich Putin das Fürchten gelehrt hatten, bei uns gefeiert! Man wollte ihnen den Sacharow-Preis verleihen, den Luther-Preis und was weiß ich noch alles. Und dann kommt Nadjeschda Tolokonnikowa nach Berlin und lässt viele ratlos zurück.“ Er erinnere sich noch gut an eine Reportage vom Auftritt der Aktivistin auf der Berlinale, sagt er. „Da waren die Journalisten und Kunstschaffenden zu ihrer Heldin gepilgert, um endlich persönlich die Erleuchtung in Empfang zu nehmen. Und was bekamen sie? Plattitüden über Freiheit und Feminismus.“ Als Grund sieht er, dass die Heroisierung in keinem Verhältnis zur „Bedeutung der Objekte“ stünde und sie nur funktioniere, wenn alles herum ausgeblendet werde.

„Es sollte uns zu denken geben, dass Femen, Pussy Riot und jetzt Pawlenski ganz anders wirken, wenn sie nicht mehr im fernen Moskau, St. Petersburg oder Kiew handeln, sondern wir sie vor Augen haben“, erinnert Gathmann an die reale Wahrnehmung und kommt auf die barbusigen Aktivistinnen der „Femen“ zu sprechen. Auch hier erinnert er sich an deren erste Aktion in Deutschland: „Da kreuzigten sie bei der Eröffnung der „Barbie-World“ unweit des Berliner Alexanderplatzes eine Barbie-Puppe und verbrannten sie demonstrativ. Es war eine typische, primitive Femen-Aktion. Doch was beklatscht wurde, solange es im barbarischen Osten stattfand, wurde nun bestenfalls ignoriert oder mit einigem Befremden beschrieben.“

Gathmann hat für all das einen schönen Vergleich parat. „Man fährt in Urlaub, in die Alpen oder an die Küste, und findet dort im Gebirgsbach oder im Meerwasser einen Stein. Er glänzt so rätselhaft, seine Farben erscheinen unwirklich. Man fischt ihn raus, nimmt ihn mit nach Hause. Und dort, auf dem Fensterbrett, in Berlin oder in Stuttgart, da sieht er plötzlich ganz anders aus. Er glänzt nicht mehr, er ist grau. Er ist… ein ganz normaler, langweiliger Stein.“ Aber er beruhigt uns, dass wir, wenn der Glanz erst weg ist, neue Helden finden werden.

[mb/russland.NEWS]