Russische Diaspora in der deutschen Presse: Bild und Tendenzen

Die russischsprachige Community in Deutschland ist seit einiger Zeit zum Objekt besonderen Interesses der deutschen Medien und der Politik geworden. Die in Deutschland lebenden Russen beobachten ihrerseits die Berichterstattung ganz genau. Das Internetportal russkoepole.de hat eine ausführliche Analyse der Berichte in den deutschen Medien veröffentlicht. russland.news druckt einige Ausschnitte aus dem Artikel „Russische Diaspora in der deutschen Presse: Bild und Tendenzen“

Es ist erst etwas mehr als ein Jahr seit dem Vorfall in Berlin vergangen, der als „Fall Lisa aus Berlin-Marzan“ bekannt ist. Aber schon jetzt kann man einige Schlussfolgerungen über die Medienkampagne in der deutschen Presse ziehen, die eine Tendenz in der Darstellung der russischsprachigen Diaspora in Deutschland zeigt.

Von Anfang an war bekannt, dass das Mädchen aus einer Russlanddeutscher Familie kommt und die russische Gemeinde auf die Ereignisse im Januar 2016 reagiert hat. Dass die russischsprachigen Mitbürger spontan auf die Straße gingen, war für Deutschland eine völlige Überraschung. Es war das erste Mal, dass diese Minderheit massenhaft öffentliche aktiv wurde. Politiker, Experten und Journalisten versuchten dieses Phänomen zu begreifen.

Die negative Bewertung hat dabei die Oberhand gewonnen: entweder waren die Nazis daran schuld, oder es war „die Hand des Kreml“. Das deutsche Establishment konnte oder wollte nicht auf die Herausforderung einer der größten Minderheiten der deutschen Gesellschaft „erwachsen“ reagieren.

Dabei ist es überhaupt nicht bewiesen, dass die Kundgebungen in Auftrag gegeben oder im Voraus geplant worden waren. Die kuriosesten Argumente konnte man in einem renommierten deutschen Blatt lesen: ein Journalist hat bei der Demonstration bei einem der Organisatoren einen „Geldscheinbündel“ gesehen. Die Schlussfolgerung ist simpel: das war „das Geld des Kreml“. Sie halten es für einen schlechten Scherz? Leider nein. Dieses Niveau in der Argumentation ist leider typisch. Man hat „Beweise“ gesammelt und die Kundgebungen gelten jetzt als „von Kreml bezahlte“.

Der Berliner Stadtteil Marzan ist der Ort, wo alles passierte. Hier leben 40 Tausend russischsprachige Migranten (etwa 12% der Gesamtbevölkerung). Marzan ist zum Gattungsnamen geworden. In „Spiegel“, „Die Zeit“ und in russischsprachigen „Deutsche Welle“, „RTVI“ und anderen deutschen Medien begann ein „Angriff auf Marzan“. Dieses Viertel nennt man jetzt „eine Parallelgesellschaft“, es wird unterstrichen, dass Marzan ein von der Außenwelt geschlossenes Leben führt mit seiner eigenen „russischen“ Struktur – mit russischen Einkaufsläden, einem Kindergarten, einer Schule und einer Kirche. Es wird besonders darauf hingewiesen, dass die Menschen hier kaum Deutsch können, sich nicht integrieren wollen und als Folge am russischen Fernsehen hängen und natürlich von der russischen Propaganda abhängig sind. Als Veranschaulichung benutzen die Journalisten einen alten aber verbotenen Trick: die Bewohner von Marzan mögen russische Nahrungsmittel – Pelmeni, Salzgurken und natürlich Wodka. Repräsentativ in diesem Kontext ist der Artikel in der „Berliner Zeitung“ mit dem Titel: „Marzan. Die Parallelwelt der Russlanddeutschen“. Interessant, dass der Text des Artikels eher aus dem Mainstream heraussticht: die Russlanddeutschen werden eher freundlich geschildert und es wird schlussfolgert, dass sie gut integriert sind. Die Schlagzeile jedoch widerspricht völlig dem eigentlichen Artikel und befestigt das Bild, dass diese Minderheit in einer Parallelwelt lebt.

In diesem Überblick ist es schwierig an den Texten des deutschen Journalisten Boris Reitschuster vorbeizugehen. Er ist für seine Verschwörungstheorien bekannt: er hat in Deutschland in russischen Sportvereinen geheime Gruppen von „Putins Kämpfern“ entdeckt. In dem Artikel „Putins Helfer: Ein Fall zeigt die perfide Strategie, mit der Russland Merkel stürzen will“ in der Zeitung „The Huffington Post“ bittet der Autor noch eine Enthüllungsstory über die gut integrierten Spätaussiedler. Sie seien gut in der Gesellschaft integriert und beeinflussen jetzt die Schlechtintegrierten, in dem sie gefährliche Internet-Projekte initiieren (unter anderem auch das Unsere – Anmerkung der Redaktion von „Russkoje Pole“).

Das alles sind Glieder einer Kette, um Merkel vor den Wahlen anzugreifen, davon ist der Autor überzeugt.  Interessant, dass Herr Reitschuster sich seit kurzem mit dem russischen oppositionellen Sozilogen Igor Eidman zusammengetan hat. Jetzt ist dieses befreundete Duo für die Enthüllung der inneren Feinde Deutschlands zuständig und arbeitet für beide Zielgruppen – russische in Russland und russischsprachige. Igor Eidman erklärt auf Facebook: er habe gesehen, dass Merkel „vernichtet werden soll“, hätte Mitleid und wollte helfen.  So wird für die russische Leserschaft konsequent ein erniedrigendes Bild der russischen Gemeinde in Deutschland geschaffen: diese Menschen haben Russland „für die Wurst“ verlassen und schmarotzen in Deutschland. Die Situation wird so dargestellt, dass sie sowohl für Russland als auch für Deutschland fremd sind. Oft werden die russischsprachigen Migranten in der deutschen Presse als Menschen der älteren Generation beschrieben, als Menschen, die „in der Vergangenheit geblieben sind“.

Gleichzeitig äußern sich sowohl die Presse als auch die Politiker positiv über die jungen Spätaussiedler. Allerdings ist auch hier eine neue negative Tendenz in der letzten Zeit festzustellen. „Propaganda mit Wodka und saurer Gurke“ – so hieß der Artikel auf Zeit online. Im Mittelpimkt des Artikels steht der Berliner Klub „Klubnika“ und seine Besucher –  Kinder und Enkelkinder der Spätaussiedler. Es werden zu stark geschminkte junge Frauen in zu kurzen Synthetik-Abendkleidern beschrieben und Wodka trinkende junge Männer.  Plastikstühle und Kunstledersofas – es wird betont, wie billig die Einrichtung ist. All diese Jugendlichen schauen russisches Fernsehen und sind von der russischen Propaganda  benebelt.

Alles, was aus den offiziellen russischen Medien kommt wird als Fake interpretiert. Das ist der rote Faden in der deutschen Presse. Die Schlagzeile in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ist in diesem Sinne bezeichnend: „Von Russland lernen, heißt lügen lernen“.

Im Oktober vorigen Jahres hat die Stiftung „Boris Nemtsov-Foundation“ eine Studie „Russisch sprechende Deutsche“ durchgeführt. Es hat sich ergeben, dass obwohl sich fast 60% der Befragten aus den deutschen Medien informierten, vertraut die Mehrheit davon der russischen Sicht auf die Dinge. Diesem Thema ist der Artikel „So denken die Russen in Deutschland“ im „Spiegel“ gewidmet. Man verwendet den alten Trick: die Russischsprachigen werden als „Fernsehe-Zombies“ pauschal dargestellt. Man ignoriert die Tatsache, dass die russischsprachige Community sowohl russische als auch deutsche Medien konsumieren und vergleichen können. In Deutschland hat grade ein russischsprachiges Fernsehprojekt gestartet – RTVD, das eine „alternative“ Sicht vertreten soll. In welche Richtung diese „Alternative“ geht, wird schnell klar. Als einer der „Aufklärer“ fungiert der alt bekannte Boris Reitschuster. Das Projekt wird aus der Staatskasse finanziert.