Steigende Preise und wirtschaftliche Unsicherheit verändern das Reiseverhalten in Russland. Mehr als ein Drittel der Verbraucher hat nach einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Romir innerhalb eines Jahres die Zahl seiner Reisen reduziert. Besonders der russische Inlandstourismus verzeichnet sinkende Buchungen. Von einem Zusammenbruch des Auslandsreiseverkehrs kann dagegen keine Rede sein.
Nach Angaben des Buchungsdienstes TravelLine ging die Zahl der russischen Hotelreservierungen in den letzten beiden Juniwochen gegenüber dem Vorjahr um zwölf Prozent zurück. Gleichzeitig stieg der Anteil der Stornierungen von 24 auf 33 Prozent. Viele Reisende verkürzen ihren Urlaub, weichen auf günstigere Unterkünfte aus oder verschieben ihre Reise.
Besonders stark betroffen sind die Ferienregionen am Schwarzen Meer. In Sotschi lagen die Buchungen zeitweise bis zu 25 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Noch drastischer ist die Lage auf der Krim, wo Treibstoffmangel, Verkehrsprobleme und die Gefahr ukrainischer Angriffe zahlreiche Urlauber abschrecken.
Zwischen dem 24. Mai und dem 6. Juni sank die Zahl der Hotelbuchungen auf der Krim um 31 Prozent, in Sewastopol um 40 Prozent. Später wurden zeitweise noch stärkere Einbrüche gemeldet. Russische Reisebüros erstatteten im Juni rund 1,5 Milliarden Rubel für etwa 30.000 stornierte Reisen. Ein großer Teil der Kunden wich auf den russischen Schwarzmeerraum, Abchasien oder Ferienanlagen in Zentralrussland aus.
Auch am Baikalsee berichten regionale Tourismusunternehmen von fast einem Drittel weniger Nachfrage. Als Hauptursache gelten stark gestiegene Preise für Unterkünfte und Verkehr. Selbst russische Inlandsreisen sind damit für viele Haushalte keine preiswerte Alternative mehr.
Das bedeutet jedoch nicht, dass sich nur noch wenige Russen einen Auslandsurlaub leisten können. Vielmehr wächst die soziale und regionale Kluft. Für einen Beschäftigten mit einem Monatseinkommen von 40.000 Rubel ist bereits eine einfache zehntägige Pauschalreise in die Türkei für zwei Personen ab etwa 120.000 Rubel kaum finanzierbar. Wohlhabendere Bewohner Moskaus und St. Petersburgs reisen dagegen weiterhin ins Ausland und profitieren teilweise vom vergleichsweise starken Rubel.
2025 stieg die Zahl der touristischen Auslandsreisen russischer Bürger um 15,6 Prozent auf 13,4 Millionen. Insgesamt gaben Russen im Ausland 49,7 Milliarden Dollar aus – mehr als ein Viertel mehr als im Vorjahr und fast so viel wie im bisherigen Rekordjahr 2014. Im ersten Quartal 2026 erhöhte sich die Zahl der touristischen Auslandsreisen nochmals um 19 Prozent.
Gefragt sind vor allem die Türkei, Ägypten, China, die Vereinigten Arabischen Emirate und südostasiatische Ziele. Im Juni 2026 stieg die Zahl der Flugreisen ins Ausland nach Angaben der Tourismusbranche um fast 20 Prozent. Für das Gesamtjahr erwartet der russische Reiseveranstalterverband ATOR noch ein Wachstum des Auslandsreiseverkehrs um etwa acht Prozent.
Der russische Reisemarkt schrumpft somit nicht einfach. Er spaltet sich: Ein wachsender reisefähiger Teil der Bevölkerung gibt hohe Summen im Ausland aus, während viele Haushalte in den Regionen ihre Ferien verkürzen, in der näheren Umgebung bleiben oder ganz auf eine Reise verzichten. Nicht Auslandsurlaub an sich ist zum seltenen Luxus geworden – sondern die Möglichkeit, überhaupt regelmäßig Urlaub zu machen.

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