Russen dürfen wieder in der Türkei urlauben

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Erdogans Entschuldigung für den Abschuss des russischen Kampfjets zeigt Wirkung: Russland hebt seinen Bann gegen die Türkei als Urlaubsort seiner Bürger wieder auf. Das versprach Putin seinem türkischen Kollegen in einem Telefongespräch.

Sieben Monate lang mussten Russlands Staatsbürger auf die Türkei als Urlaubsziel verzichten: Nach dem Abschuss eines russischen SU-24-Bombers durch die türkische Luftwaffe hatte der Kreml im November 2015 diese für die Türkei schmerzhafte Sanktion gegen Ankara erlassen. Charterflüge waren verboten, auch durften russische Reiseveranstalter keine Türkei-Arrangements mehr verkaufen. Wer trotz der russisch-türkischen Spannungen auf Shopping in Istanbul oder Badeferien an Anatoliens Stränden nicht verzichten wollte, musste sich das selbst organisieren und Linie fliegen – oder auf Pauschalangebote aus Weißrussland oder dem Baltikum einschlagen.

83 Prozent weniger russische Türkei-Urlauber

Im Ergebnis kamen von Januar bis Mai 2016 nur 138.000 russische Touristen in die Türkei – gegenüber 802.000 im gleichen Vorjahrszeitraum. Der Anteil der russischen Gäste sank von 13 auf 1,7 Prozent. Für den türkischen Fremdenverkehr, der ohnehin aufgrund von Terroranschlägen, dem Kurden-Konflikt, der Flüchtlingskrise und wohl auch dem Imageverlust des Landes beeinträchtigt ist, war dies ein herber Verlust.

Nun hat die türkische Tourismusbranche – und ihre russischen Geschäftspartner – aber die Chance, verlorenen Boden wieder gut zu machen. Ausgerechnet am Tag nach dem verheerenden Terroranschlag auf den Istanbuler Flughafen sagte Wladimir Putin seinem Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan zu, den Reisebann aufzuheben. Auch über eine Beendigung aller weiterer Wirtschaftssanktionen soll verhandelt werden.

Das 45 Minuten dauernde Gespräch war der erste direkte Kontakt der beiden Staats-Chefs seit dem Abschuss des Kampfflugzeugs – wobei beide Machthaber sich in der Zwischenzeit nicht unbedingt vorteilhaft über den jeweils anderen geäußert hatten. „Erdogan hat mir versichert, dass sie alles von Ihnen Abhängige tun, um die Sicherheit unserer Bürger zu gewährleisten“, sagte Putin nun auf einer Kabinettssitzung am Mittwoch.

Trotz Nuancen: Die Entschuldigung scheint akzeptiert

Erdogans am Vortag in Moskau eingegangene Entschuldigung wog damit schwerer als die durch den Terrorakt von Istanbul erneut akut gewordenen Sicherheitsbedenken. Dabei hatte sich nach dem Eingang des Briefes noch einige Wortklauberei und sogar eine Korrektur der vom Kreml veröffentlichten englischen Übersetzung des auf Türkisch verfassten Dokuments ergeben – es ging darum, ob Erdogan nun um Entschuldigung oder Verzeihung gebeten habe. Außerdem legte die türkische Seite hinterher Wert darauf, dass man sich keineswegs beim russischen Staat entschuldigt habe – sondern nur bei der Familie des getöteten russischen Piloten. Ansonsten bedauere man den Vorfall.

Russlands Reiseanbieter müssen jetzt aber zunächst die formelle Aufhebung der Sanktion abwarten. Die Sommersaison ist für die Branche aber wohl dennoch verloren: Die meisten Russen dürften ihren Urlaub schon gebucht haben – und auch das Geld ist angesichts der Wirtschaftsflaute knapp. Wenn es im Herbst dann aber auf der Krim und in Sotschi langsam zu kühl wird für Badeferien, dürfte die Türkei aber wieder zu einem beliebten Reiseziel werden – vorausgesetzt, Terroranschläge machen sich dort rar.

[ld/russland.NEWS]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.