Russen begeistern sich für modische Brillengestelle

Augenmedizin muss 2015 Budgetkürzungen verkraften / Deutsche Exporte betroffen

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[Von Ullrich Umann Moskau-gtai] – Auf dem russischen Markt für augenoptische Erzeugnisse sind zwei gegenläufige Trends erkennbar. Die Nachfrage nach medizintechnischen Instrumenten und Apparaten ist 2013 und 2014 gefallen. Diese Tendenz wird 2015 anhalten. Kürzungen und Umschichtungen in den Gesundheitsbudgets der öffentlichen Hand wurden bereits angekündigt. Bei Brillenfassungen und Brillengläsern steigt die Nachfrage dagegen. Russische Konsumenten sind modebewusst und achten sehr auf ihr Aussehen.

Russland führte 2013 augenärztliche Instrumente, Apparate und Geräte im Wert von 88,1 Mio. US $ ein. Deutsche Hersteller hatten daran einen Lieferanteil von 24%. Doch weder Hersteller noch Importeure konnten mit diesen Ergebnissen zufrieden sein: Die Einfuhren waren im Vorjahresvergleich um 23,3% eingebrochen, speziell die deutschen Lieferungen um 20,5%. Diese rückläufige Tendenz hält 2014 an und wird sich voraussichtlich 2015 fortsetzen.

Besser lief es 2013 beim Handel mit Brillenfassungen und -gläsern. Der Einfuhrwert wuchs um 10,5% auf 186,8 Mio. $. Auch die deutschen Lieferungen legten zu um 11,5% auf 11,6 Mio. $. In der Gegenrichtung führte Russland 2013 augenärztliche Instrumente, Apparate und Geräte im Wert von 4,3 Mio. $ aus. Ein wichtiges Exportgut waren Lasergeräte.

Russland: Import von augenoptischen Erzeugnissen (in Mio. US$, Veränderung in %)

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Quelle: UN Comtrade

Lieferchancen für deutsche Anbieter von Medizintechnik sinken 2015

Die Liefermöglichkeiten für deutsche Hersteller augenoptischer Erzeugnisse hatten sich 2013 durch auslaufende Beschaffungsprogramme im öffentlichen Gesundheitswesen eingetrübt. Im Jahr 2014 kam zusätzlich der dramatische Wertverfall des Rubels gegenüber Euro und US-Dollar hinzu, wodurch sich die Importe schlagartig verteuerten.

Eine Preiskorrektur in Rubel zur Kompensation der Wechselkursverluste ist derzeit nur schwer durchsetzbar. Dagegen sprechen die gegenwärtig fragile Wirtschaftslage und der anhaltende Rückgang der Realeinkommen. Wenn überhaupt, gelingt es die galoppierende Inflation mittels Preisanpassungen auszugleichen.

Die anstehenden Ausgabenkürzungen im staatlichen Gesundheitssektor im Jahr 2015 sind ein ernst zu nehmendes Hemmnis für Handels- und Investitionsaktivitäten. Durch den zuletzt dramatisch gefallenen Ölpreis brechen in großem Umfang Einnahmen aus Exportzöllen auf Rohöl und Ölprodukte für den russischen Staatshaushalt weg. Die ohnehin schwache Konjunktur in der russischen Wirtschaft kühlt sich zudem durch die steigenden Kreditzinsen und den fallenden Außenwert des Rubels weiter ab. Russland steuert 2015 auf eine Rezession zu. Private Gesundheitseinrichtungen wachsen schnell, sind jedoch nicht in der Lage, die Finanzierungsrückgänge im öffentlichen Sektor zu kompensieren. Insgesamt entfallen auf private Einrichtungen nur 10% der Gesamtausgaben im Gesundheitssektor.

Nationale Lieferklauseln sind bei Ausschreibungen zu beachten

Deutsche Lieferanten augenmedizinischer Erzeugnisse müssen bei Beschaffungsmaßnahmen im staatlichen Gesundheitswesen sinkende Erfolgsaussichten einkalkulieren, sofern Anbieter mit Produktionsniederlassungen innerhalb der Zollunion (Belarus, Russland und Kasachstan) teilnehmen. Letztere werden aufgrund nationaler Präferenzen bei der Zuschlagserteilung bevorzugt.

Doch die Wahrscheinlichkeit, gegen einheimische Wettbewerber antreten zu müssen, sinkt, sobald anspruchsvolle beziehungsweise neu entwickelte Medizintechnik beschafft werden soll. Bei Neuentwicklungen und Hightech-Medizin ist die internationale Konkurrenz führend. Eine Ausnahme stellt speziell in der Augenmedizin die Lasertechnik dar. Hier können sich russische Unternehmen im In- und Ausland recht erfolgreich behaupten.

Laut Gesundheitsexperten wird in der Regel die neueste erhältliche Technologie speziell zur Früherkennung von Augenerkrankungen, Netzhautanomalien, Veränderungen im Augeninneren und Linsenverformungen nachgefragt. Hier haben inländische Anbieter relativ wenig zu bieten.  Aus diesem Grund bewilligt das für Ausschreibungsbedingungen und Importgenehmigungen zuständige Ministerium für Industrie und Handel anstandslos die Anschaffung und Einfuhr.

Nach Angaben des Ministeriums sollen nationale Lieferklauseln bei öffentlichen Beschaffungen aber kein genereller Hinderungsgrund sein, die Gesundheitseinrichtungen mit erstklassiger Medizintechnik auszustatten. Die nationalen Präferenzen sollen vorrangig dazu dienen, inländischen Herstellern über Absatzgarantien eine Entwicklungsperspektive auf dem Heimatmarkt zu bieten. Dabei wird darauf vertraut, dass Investitionen erfolgen. Banken wiederum soll signalisiert werden, dass sich die Kreditrisiken in diesen Fällen verringern.

Russland will mehr Hersteller im eigenen Land

Der Anteil von Medizintechnik aus russischer Produktion in den öffentlichen Gesundheitseinrichtungen soll bis zum Jahr 2020 von derzeit 20 auf 60% steigen. Für ausländische Anbieter von medizinischer Technologie bleiben die Geschäftschancen zunächst  gewahrt. Sollten einheimische Medizintechnikproduzenten künftig mehr moderne Erzeugnisse anbieten können, werden nationale Lieferklauseln durchaus zu einem Problem für Importeure. Deutsche Anbieter können dann nur durch Direktinvestitionen in eigene Produktionen vor Ort (Technologietransfer) bei Ausschreibungen als inländischer Hersteller anerkannt werden.

Klinikneubau versus Schließung von Krankenhäusern in Moskau

Trotz der angespannten finanziellen Lage der öffentlichen Haushalte sind auch Projekte zum Bau von öffentlichen Gesundheitseinrichtungen geplant. Moskaus Oberbürgermeister Sergej Sobjanin hat die Errichtung von 30 neuen Polikliniken bis 2017 angekündigt. Darin vorgesehen sind ebenfalls Abteilungen für Augenheilkunde. Die Haushaltssituation der Hauptstadt ist im Vergleich zu anderen Regionen und Städten weniger angespannt.

Doch schließt die Stadt in den kommenden Jahren im Rahmen eines Umstrukturierungsprogramms für das Gesundheitswesen, das die Verkürzung der Liegezeiten und mehr ambulante Behandlungen vorsieht, mehrere Krankenhäuser, insbesondere in der Innenstadt. Dabei werden 7.000 Mitarbeiter entlassen. Neben Überkapazitäten bei Betten und einer Entflechtung von Kapazitäten in der Innenstadt sind Einsparungen für die Stadtverwaltung in konjunkturell schwierigen Zeiten wichtig. Der Anteil der Gesundheitsausgaben am Moskauer Stadtetat soll von aktuell 13,5 auf 12,6% im Jahr 2015 fallen.

Politisch begleitet wird die Kürzung mit dem Argument, dass die gesetzliche Krankenversicherung OMS künftig stärker in medizinische Einrichtungen investieren wird. Dadurch werden öffentliche Haushalte entlastet. Die Verschiebung der Finanzierung vollzieht sich mit der landesweiten Gesundheitsreform. Demnach soll OMS in die Rolle der wichtigsten Finanzierungsquelle hineinwachsen, was graduell bis 2017 erfolgt.

Doch dieser Übergang ist nicht einfach. Gesundheitseinrichtungen und Ärzte halten beispielsweise die Kostensätze zur Behandlung von Patienten, die OMS übernehmen will, für zu gering. OMS muss aber ebenfalls haushalten – hier existiert ein Spannungsverhältnis. So schöpft die Krankenkasse ihre Finanzkraft vorrangig aus Mitgliedsbeiträgen. Der Zuschuss aus dem föderalen Haushalt nimmt dagegen von Jahr zu Jahr ab. Das vormals für die Finanzierung allein zuständige Gesundheitsministerium wird ab 2017 nur noch spezialisierte Krankenhäuser mit föderaler Bedeutung betreuen.

Bessere Ausstattung verbesserte medizinischen Erfolg

Die Zahl der Augenerkrankungen steigt statistisch gesehen von Jahr zu Jahr. Gleichzeitig sinkt erfreulicherweise die Zahl der Patienten, denen nicht ausreichend geholfen werden kann. Ein  Vergleich: Im Zeitraum 2004 bis 2006 wurden pro Jahr zwischen 45.000 und 50.000 Patienten wegen mangelnden oder nicht mehr vorhandenen Augenlichts zu Invaliden. Im Jahr 2013 hat sich die Zahl der Neuinvaliden halbiert auf 23.000.

Mediziner führen diesen Rückgang auf die verbesserte Früherkennung, Diagnose und Therapie zurück. Dazu beigetragen haben unter anderem Anschaffungen neuester Medizintechnik in Polikliniken und Krankenhäusern. Ein entsprechendes Programm zur Neuausrüstung von landesweit 3.000 Polikliniken lief 2012 planmäßig aus. Aus diesem Grund haben die Ankäufe augenoptischer Medizintechnik seitdem den Zenit überschritten. Seither sind die Verkaufszahlen rückläufig. Allein 2013 fiel das Marktvolumen um 23% gegenüber dem Vorjahr.

Seit 2012 werden in den Gesundheitsbudgets der verschiedenen Verwaltungsebenen auch Umschichtungen ganz anderer Art durchgeführt. So versprach Präsident Putin während seiner Wiederwahl im Jahr 2012 höhere Gehälter für medizinisches Personal. Dieses Versprechen wurde  2013 und 2014 anstandslos umgesetzt. Für 2015 sind weitere Anhebungsrunden nicht ausgeschlossen.

Dadurch bleibt in den Gesundheitsbudgets jedoch weniger Geld für Beschaffungsmaßnahmen übrig. Dies macht sich insbesondere in den finanzschwachen Regionen bemerkbar. In einigen Regionen kann ohne Mitteltransfers aus dem föderalen Haushalt kaum noch in Medizintechnik investiert werden.

Markt für Brillenfassungen und -gläser wächst

Erfreulicher sieht die Absatzlage auf dem Markt für Brillenfassungen und -gläser aus. Einkommensschwache Bevölkerungsschichten decken ihren Bedarf zwar weitgehend auf Wochenmärkten und Kiosken und erwerben billige Fertigbrillen. Doch ausgewiesene Optikerläden profitieren von den gestiegenen Ansprüchen der vorwiegend städtischen Kundschaft. Vor allem gehobene modische Aspekte beflügeln Neu- oder Nachfolgekäufe von Brillen. Westliche Marken werden dabei bevorzugt. Der Markt spaltet sich somit in ein Hoch- und ein Niedrigpreissegment, während die preisliche Mitte stagniert. Ähnlich verhält es sich auf dem wachsenden Markt für Kontaktlinsen.

Landesweite Optikerketten dominieren den Absatz

Franchiseketten in bester Lage und firmeneigene Verkaufsniederlassungen nationaler sowie weltweit agierender Optikhändler und -hersteller breiteten sich in den letzten Jahren rasch aus. Allein in Moskau existieren etwa 3.000 Optikergeschäfte mit bester Ausstattung. Die Preise für Markenbrillen liegen auf internationalem Niveau und mitunter sogar darüber.

Die Zeiten, in denen das jährliche Umsatzwachstum in einigen Geschäften bei bis zu 100% lag, sind jedoch vorbei. Dafür sorgte allein schon eine gewisse Marktsättigung. Wachstumstreiber sind aktuell nur noch wechselnde Moden bei Brillenfassungen und Neuerungen bei den Gebrauchseigenschaften von Gläsern.

Filialisten wie Otschkarik, Linsmaster, Smotri oder Interoptika haben sich mit den Jahren von reinen Händlern zu eigenständigen Markenanbietern entwickelt. Dabei profitieren sie von den Vorteilen ihres weit verzweigten Verkaufsnetzes. Linsmaster punktet zudem mit dem Versprechen, Brillen innerhalb einer Stunde anfertigen zu können.

Auf dem Markt für Kontaktlinsen dominieren internationale Markenhersteller wie Bausch&Lomb, Ocular Sciences, Johnson&Johnson und CIBA Vision. Für Kontaktlinsen hat sich zudem ein  lebhafter Internethandel entwickelt. Insbesondere in strukturschwachen Regionen bringt dieser sowohl Kunden als auch Händlern Vorteile.

Messen: 16. Moscow International Optical Fair (MIOF)

Ausstellung für augenoptische Erzeugnisse und Einrichtungen für Optikerläden

Austragungszeitraum: 17.2. bis 20.2.2015

Austragungsort: Internationales Ausstellungszentrum Crocus Expo, Moskau

Ansprechpartner: Elena Begunova, Tel.: 007 495/983 06 78