Rio 2016: Ein russisches Zwischenfazit

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[Von Michael Barth] – Missgönnter Medaillenregen und die lange Nase für die Spötter – es ist Olympia und Russland mittendrin. Grund genug für die russischen Sportler und Funktionäre ein vorläufiges Zwischenfazit zu ziehen. Man traf sich, wie es sich geziemt, im „Russischen Haus“.

Im renommierten „Club dos Marimbás“, 1932 gegründet, schmettert die russische Nationalhymne.Ein Domizil der Luxusklasse haben sich die Russen hier an der Copacabana gegönnt, Gazprom hat es ermöglicht. Hier ist man unter sich in Rio. Ein Herz auf dem Sichtschutz vor dem Gelände, einträchtig in den brasilianischen Farben und der russischen Trikolore verziert, grüßen die Besucher, die sowieso weitgehend außen vor bleiben. Im „Russischen Haus“ will man unter sich sein.

Standesgemäß im Trainingsanzug, gab sich der Chef des Nationalen Olympischen Komitees, Alexander Schukow, die Ehre und lud seine Athleten zum bunten Stelldichein. Nach allen Querelen bei der Dopingaffäre „all dieser Missgünstigen“, wie er sie nennt, will er sportliche Akzente setzen. Bisher ist ihm das ganz ordentlich gelungen, seine Sportler haben seine Worte in die Tat umgesetzt und ein Dutzend von ihnen kann sich bereits jetzt feiern lassen. Weitere werden nachziehen, da ist er sich sicher, der Sportsmann Schukow.

Doping – das stets präsente Thema

Russland lud Besucher und Journalisten, selbstverständlich nur die handverlesenen, zu Weiß-Blau-Rot am Zuckerhut. Riesige Matrjoschkas, russisches Bier und Wodka – es wurde nicht am Klischee gespart. Als offensichtlicher Eyecatcher fungiert ein Sukhoi-Jet, in dem man sich mit Massageliegen und Fitnessgeräten entspannen kann. Stolzer russischer Übermut wie aus dem Bilderbuch eben, wenn da nicht außerhalb der Residenz, der berühmte Wermutstropfen hinge. Das leidige Thema Doping zeigt sich omnipräsent.

Innerhalb des „Russischen Hauses“ gibt man sich trotzig und hängt sich schon mal seine gewonnene Medaille und die russische Fahne über die Schulter. „Es ist alles politisch, nur Russland hat es getroffen. Man trainiert sehr hart – und dürfe dann nicht an den Spielen in Rio teilnehmen. Ich bin sehr traurig darüber. Alle wurden getestet und die Tests waren negativ“, sagt die Bronzemedaillen-Gewinnerin im Judo, Natalia Kuziutina gegenüber der „SZ“. Die 19-jährige Fechterin Sofia Posdnjakowa ist ebenfalls der Ansicht, man solle Politik und Sport voneinander trennen.

Auch sie vertritt, bei weitem nicht als Einzige, den Verdacht, dass bei dem Komplott die USA als Drahtzieher fungieren, „weil sie sich Platz eins im Olympia-Medaillenspiegel sichern wollen“. So unrecht mag sie gar nicht haben, im Schatten des freiwilligen Wiederanschlusses der Krim, welche den USA und Europa überhaupt erst ermöglicht hat, das Feld der Sanktionen beständig zu erweitern. Russland als Täter – nun endlich auch im Sport.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.