„Reichsdeutsche“ Asylbewerber sind pleite

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Moskau/Halle – Ob man will oder nicht, irgendwie ist man bei der Geschichte schon fast gezwungen an die berühmt berüchtigte Flodder-Familie zu denken. Diesen holländischen chaotischen Familienclan, der auf der Kinoleinwand in den 90-er Jahren sein Unwesen trieb und zum Kultstatus avancierte.

Die Familie aus Deutschland, die seit einem halben Jahr in Moskau festsitzt und in ihrem Multi-Van lebt, sieht ihr momentanes Schicksal allerdings nicht annähernd so lustig, wie das der Flodders. Ein Wort vorweg, um Missverständnissen vorzubeugen: Sie sitzen nicht in Moskau fest, weil es der russische Staat so will, ganz im Gegenteil, der wäre sogar froh, wenn sie endlich wieder gingen, sondern aus freien Stücken.

Im Dezember 2015 begann die Flucht aus dem ostdeutschen Halle ins westrussische Moskau. Dort nach über 2.000 Kilometern Fahrt mit ihrem Bus angekommen, begehrten sie in Russland Asyl. Wie man sich denken kann, staunten die Behörden vor Ort nicht schlecht über dieses, gelinde gesagt, ungewöhnliche Ansinnen. In Russland zählt die Bundesrepublik Deutschland genauso als sicheres Herkunftsland wie anderswo.

Asylbewerbung wegen Asylanten

Auswandern ja, aber weshalb gleich „Flüchten“ und Asyl beantragen? Dazu muss man wissen, die Familie Griesbach zählt sich zu den sogenannten „Reichsbürgern“. Deutsche Staatsbürger, die die BRD in ihren heutigen Grenzen nicht anerkennen und keinerlei Veranlassung sehen, den deutschen Staat nach 1937 anzuerkennen. „Wir sind auf der Flucht vor der BRD-Diktatur“, sagt die 51-jährige Carola, „Caro“, Griesbach, die die Sprecherrolle der Truppe inne zu haben scheint. In Deutschland sähen sie sich als „humanes Beutegut“, ein Verbleib schien unmöglich. Die „völkerrechtswidrigen“ Zustände in der „BRD-Diktatur“ hätten sie zur Flucht gezwungen.

Auch über Flüchtlinge in ihrer Heimat haben sie etwas zu sagen, die „Asylbewerber“. Diese seien den Griesbachs zufolge 80 Prozent Männer. Bewaffnete und mit modernster Kommunikationstechnik ausgestattete „Söldner“ zwischen 18 und 35 Jahren. Vergewaltigungen von Kindern und Frauen, Raub und Überfälle seien in Deutschland alltäglich geworden. Man könne sich nicht mehr sicher fühlen, sagen sie.

Auf Facebook veröffentlichte die „Reichsbürgerin“ Griesbach eine zehnseitige Stellungnahme Darin erklärt sie haarklein, warum man per „Toleranzgesetz“ nichts mehr gegen Migranten sagen dürfe. Wirr gesellen sich Impfzwang, Kinderklau, Enteignung, Vernichtung der Kultur hinzu. Deutschland würde in Kindergärten und bald auch in Krippen frühsexualisiert. Dazu komme die „Zwangs-Chipung“, bei der man den Staatsbürgern elektronische Fremdkörper einpflanzt.

Die Regierung ist Schuld!“

Ein ausgeklügeltes behördliches System unter Führung der Bundesregierung von Angela Merkel stecke hinter all dem, da sind sich die Griesbachs sicher: „Die Regierung ist an allem Schuld!“ Vor alldem sind die „Reichsbürger“ also aus gutem Grund „geflüchtet“. Im Kreml zeigte man sich allerdings, wie vorauszusehen, herzlich wenig beeindruckt von den Ängsten und Sorgen der Familie. Grund- und Menschenrechtsverletzungen in Deutschland könne man nicht erkennen. Für Moskau gilt Deutschland als sicheres Herkunftsland, basta!

Die Griesbachs jedoch wollen nicht aufgeben, jetzt wo sie schon einmal hier sind. Sie vermuten , ihr Antrag habe einfach „eine gewisse politische Brisanz“. Jedoch, die Odyssee zehrt auch an der Kriegskasse der „Flüchtlinge“. Zunächst langte es noch für ein kleines Hostel, inzwischen muss der altgediente Bus wieder als Obdach für die ganze Familie dienen. Carola Griesbachs Tochter Stephanie versucht sich derweil als Geldbeschafferin von Deutschland aus.

Das Geld ist alle

Die Rechnung ist eigentlich recht einfach: „Wir suchen entweder 5000 Leute, die bereit sind uns mit einem Euro oder 500 Leute, die uns mit je 10 Euro unterstützen…“, steht auf sozialen Netzwerken zu lesen. Dumm nur, dass bisher die Spendenfreudigkeit sehr verhalten ausfällt. Das mag allerdings auch am Dunstkreis der Spendensammler liegen. Nur allzu gern posiert man auf Facebook mit Jürgen Elsässer, dem rechtspopulistischen Herausgeber eines dementsprechenden Magazins und auch sonst zeigt man sich gerne im Dunstkreis von Pegida und Co.

Mag man nun die stellenweise komödiantische und dilettantische Flucht der Verschwörungstheoretiker belächeln oder nicht. Da soll sich dann schon jeder seinen eigenen Reim darauf machen, jedoch darf man eines nicht aus dem Auge verlieren: Wenn sich Erwachsene für diese Art des „Protests“ entscheiden, ist das eine Sache. Dass aber Kinder, darunter ein erst ein paar Wochen alter Säugling, unter den Strapazen leiden müssen, liegt fern eines jeglichen Verständnisses.

Aus den letzten Facebook-Meldungen geht hervor, dass die Familie vermutlich bald aus Russland ausgewiesen werden wird. Spätestens bei einer Rückkehr ins ungeliebte Heimatland steht zu erwarten, dass sich das Jugendamt einschalten wird. Eine eventuelle Wegnahme der Kinder dürfte dann eher weniger als Geschäftsmodell zu sehen sein. Zwar ist die deutsche Botschaft in Moskau über den Fall informiert, möchte sich aber nicht weiter zu dem Thema äußern.

Den russischen Medien dürfte es egal sein, sie haben ihre Schlagzeilen über die etwas verschrobene Familie aus Sachsen-Anhalt. Sogar im russischen Fernsehen sind die Griesbachs mittlerweile ein beliebtes Thema. Und wenn dann im August die anberaumte „Friedensfahrt“ von Berlin aus in Moskau ankommt, werden sie wieder unter Ihresgleichen sein und mit Sicherheit auf viele offene Ohren stoßen.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.