Realeinkommen und Konsum sinken in Russland

Umsatzzuwächse bei Konsumgütern nehmen ab / Einbrüche bei Lebensmitteln, Bekleidung und Neuwagen

image_pdfimage_print

Von Ullrich Umann Moskau (gtai) – In Russland sinken die Realeinkommen. Am Ende der ersten sechs Monate 2014 verfügten die Einwohner um real 0,2% weniger Kaufkraft als im Vorjahreszeitraum. Besonders hoch war der Einbruch im Juni mit einem Minus von 2,9%. Unmittelbar davon betroffen ist die Umsatzentwicklung im Einzelhandel. Dies gilt für Lebensmittel und Bekleidung, aber auch Neuwagen. Ein ausgezeichnetes Halbjahresergebnis erzielten hingegen Developer im Wohnungsbau, allerdings mit einer Tendenz nach unten zum Sommer hin.

Für den Lebensmitteleinzelhandel wird 2014 kein leichtes Jahr. Am Ende des 2. Quartals 2014 gingen die Umsätze sogar zurück – das erste Mal seit Ausbruch der Finanzmarktkrise 2008/09. Nach Angaben des föderalen Statistikdienstes Rosstat gab die Bevölkerung von April bis einschließlich Juni 2,94 Billionen Rubel für Ernährung aus. Gegenüber der gleichen Vorjahresperiode bedeutete dies einen leichten Rückgang um 0,1%. Allerdings verstärken sich die negativen Tendenzen seit Sommer. Besonders hoch war der Rückgang im Juni mit -1,2%. Bei vielen Konsumartikeln (ohne Nahrungsmittel und Getränke) verzeichnete der Einzelhandel Stagnation bis moderates Wachstum, je nach Warengruppe. Insgesamt stiegen die Umsätze im 1. Halbjahr 2014 um 4,4% auf 6,29 Billionen Rubel (129 Mrd. Euro, 1 Euro = 48,7722 Rubel, Stand: 11.8.2014, laut Zentralbank Russland). Werden Nahrungsmittel und Getränke hinzugerechnet, betrug der Umsatz im Einzelhandel 11,93 Billionen Rubel (245 Mrd. Euro). Das entspricht einem Zuwachs von 2,7%. Im Jahr 2012 hatte der Einzelhandelsumsatz noch um 5,9% und 2013 immerhin noch um 3,9% zugelegt im Vergleich zum jeweiligen Vorjahr.

Inflation durch Verteuerung der Importe

Als Grund für die sinkenden Realeinkommen nennt die Moskauer Hochschule für Wirtschaft (WSchE) unter anderem den gesunkenen Außenwert des Rubel gegenüber dem US-Dollar und den Euro. Dadurch verteuerten sich importierte Konsumgüter. In Folge stiegen die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten. Das bewegte die russischen Verbraucher zu Konsumverzicht oder zum Ausweichen auf Güter aus dem Discountsegment.

Diesen Trend bestätigte jetzt auch die Einzelhandelskette X5. Demnach sanken die Umsätze in den Supermärkten der Marke Perekrestok im zweiten Quartal überdurchschnittlich um -4,3%, wohingegen sich der Einbruch in den Discountgeschäften Pjatoroschka mit -0,6% in Grenzen hielt. Im ersten Halbjahr erzielte X5 mit einem Gesamtumsatz von 299,1 Mrd. Rubel (6,1 Mrd. Euro) aber immer noch einen Zuwachs von 15,3%.

Da der Lebensmittelhandel landesweit erst zu 25% von großen Einzelhandelsketten kontrolliert wird, bleibt das Konsolidierungs- und Wachstumspotenzial in Russland noch auf Jahre hoch. Dies gilt vor allem für weitläufige Gebiete außerhalb der dreizehn Millionenstädte. Nachfrage bei Haushaltsgeräten und Bekleidung kühlt sich ab

Die Nachfrage nach elektronischen und elektrischen Haushaltsgeräten kühlte sich im zweiten Quartal erheblich ab, berichtet die spezialisierte Handelskette M.Video. Demnach lag der Umsatz des Handelskonzerns im Zeitraum April bis Juni mit 29,41 Mrd. Rubel (603 Mio. Euro) nur um 0,07% über dem Vergleichswert des Vorjahres. Ein derart enttäuschendes Ergebnis wurde laut M.Video seit 2010 nicht mehr verzeichnet.

Im Einzelhandel mit Bekleidung sind Stagnation oder Rückgänge schon seit längerem an der Tagesordnung. In dieser Handelssparte ist inzwischen die Rede davon, dass die Ausgaben für Bekleidung in den Familienbudgets selbst in Zeiten kleinster wirtschaftlicher Schwierigkeiten stets zuerst gekürzt werden.

Neuwagen werden durch Gebrauchtfahrzeuge verdrängt

Schwierige Zeiten sind für Autohändler hereingebrochen. Nach Angaben der Association of European Businesses (AEB) lagen die Neuwagenverkäufe von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen in den ersten sieben Monaten 2014 mit 1,41 Mio. Stück um 9,9% unter dem vergleichbaren Vorjahresergebnis. Insgesamt wurden 154.864 Automobile weniger verkauft. Im Juli brachen der Absatz sogar um -22,9% gegenüber Juli 2013 ein.

Im Gegenzug stieg der Verkauf von Gebrauchtwagen im ersten Halbjahr um 11% auf 2,9 Mio. Stück, meldete die Agentur Autostat. Aber auch hier traten die Käufer seit Mai auf die Bremse; im April hatte der Zuwachs noch bei 16,4% gelegen. Generell zeugt die Verschiebung der Nachfrage von Neu- zu Gebrauchtwagen von rückläufigen Familieneinkommen, teilte Autostat mit.

Gute Umsätze mit preiswertem Wohnraum

Zufrieden mit ihren Umsätzen im ersten Halbjahr sind lediglich Immobilienverkäufer. Insbesondere Wohnraum im untersten Preissegment war gefragt wie schon lange nicht mehr. Die Gesellschaft zur Projektentwicklung Etalon verkaufte im genannten Zeitraum 204.000 qm Wohnfläche gegenüber 153.200 qm während der Vergleichsperiode des Vorjahres – ein Zuwachs um 33%. Der Konkurrent LSR schloss mit verkauften 453.000 qm sogar mit einem Plus von 60% ab.

Allerdings flachte auch der Zuwachs bei Etalon in der Zeit von April bis Juni auf 18% und bei LSR auf 15% ab. Analysten gehen Mitte August 2014 davon aus, dass die Umsätze auf dem Wohnungsmarkt ab September stagnieren dürften. Mit den rückläufigen Realeinkommen und der Verteuerung beziehungsweise Verknappung bei Hypothekenkrediten werden die Umsätze selbst bei den bislang gut gehenden Wohnungen im untersten Preissegment einbrechen, schätzt die Immobiliengesellschaft Metrium Group.

Nettoabfluss privater Bankguthaben

Auf sinkende Realeinkommen weisen auch der Rückgang der Einlagen der Bevölkerung in den Banken und die gestiegene Zahl notleidender Verbraucherkredite hin. Die Neuvergabe von Verbraucherkrediten lag im 1. Halbjahr 2014 mit einem Zuwachs von 7% um mehr als das Doppelte unter dem Vergleichswert des Vorjahres.

Im 1. Halbjahr 2014 wurde das erste Mal seit Ausbruch der Finanzmarktkrise 2008/09 mehr Geld von Privatguthaben abgehoben als eingezahlt. Das Defizit erreichte 590 Mrd. Rubel (12,1 Mrd. Euro). Allerdings ist neben rückläufigen Einkommen auch die Abwertung des Rubel gegenüber dem US-Dollar und dem Euro ein Grund für den Nettoabfluss von privaten Vermögen aus dem Bankensektor.

Einerseits bewirkte die Rubelabwertung eine Flucht in Sachwerte, etwa in den Immobilienerwerb. Andererseits wurden Rubel in großem Maßstab in Devisen getauscht – aus Angst vor weiteren Abwertungsrunden, aber auch angesichts der sommerlichen Urlaubssaison. Schätzungen schwanken zwischen 6 Mrd. und 8 Mrd. US$, die auf diese Weise von der Bevölkerung den Banken entzogen worden sind.

Russland: Ausgaben- und Vermögensentwicklung (Angaben in % jeweils ausgehend von 100, Jahr 2014)

stat

Quelle: Föderaler Statistikdienst Rosstat, Moskau, 2014