Quo vadis russischer Fußball?

Russischer Fußball ist nicht der Beste. Das dürfte wohl spätestens seit der EM 2016 allseits bekannt sein. Doch auch der inländische Fußball gleicht einem sinkenden Schiff, dem jedoch vielleicht noch die Rettung gelingt. Es sind die Fans, die einem Hoffnung machen.

Aber warum ist der Fußball in Russland eigentlich so schlecht? In einem persönlichen Gespräch mit einer TV-Moderatorin des russischen Sportkanals ‚MatchTV’ erfuhr ich, dass Fußball der populärste Sport in Russland ist, beliebter sogar als Eishockey. Und dennoch ist das Niveau der ‚Premjer Liga’ mehr als miserabel. Grund dafür sind russische Sportfunktionäre und große Firmen wie Gazprom. In Jugendförderung wird fast gar nicht investiert, viel lieber kauft man Legionäre aus dem Ausland. Mir stellt sich die Frage: wie soll es auf weitere Sicht eine gute Nationalmannschaft geben, wenn junge Talente nicht gefördert werden? Auch dem nationalen Fußball schadet dies natürlich immens. Also, um nicht alles schlecht zu reden, mit Spartak und ZSKA Moskau, sowie Zenit Sankt Petersburg hat Russland Teams, die mehr oder weniger international mithalten können, jedoch spielen diese auf dem Niveau eines 11. Platzierten in der Bundesliga.

Was mich im russischen Fußball entzückt, ist die Leidenschaft der Fans und die Fähigkeiten der Kommentatoren. Erst neulich schaute ich mir das Spiel zwischen FK Ufa und ZSKA Moskau im russischen TV an. Das Stadion war nicht einmal zur Hälfte voll, doch die Stimmung war mitreißend. Jeder feuerte seine Mannschaft mit allen verfügbaren Mitteln an. Die Leidenschaft, mit der die Fans ihre Mannschaft unterstützten, war förmlich spürbar. Während des gesamten Spiels war eine Mundharmonika hörbar, die von einem 80-Jährigen in traditioneller russischer Volkskleidung gespielt wurde. Kurz nach Anpfiff schwenkte die Kamera auf einen Fanblock mit dreißig Frauen, die allesamt Herzen in die Luft hielten. Der Kommentator informierte die Zuschauer, dass diese Frauen den Verein um einen eigenen Block gebeten haben, um ihre Mannschaft anzufeuern und ihre Mini-Choreografien aufzuführen.

Ein anderes Beispiel: vor dem Halbfinale des russischen Pokals zwischen Lokomotive Moskau und FK Ufa kam eine Schulklasse zum Abschlusstraining der Mannschaft von Ufa, um ihnen Glück zu wünschen. Das alles mögen vielleicht Kleinigkeiten sein, doch andererseits ist es natürlich auch rührend – diese Liebe zur Mannschaft, obwohl man ganz genau weiß, wie schlecht sie eigentlich ist.

Leider gibt es aber auch hier eine Schattenseite. Viele Fans in Russland sind nur auf Krawall gebürstet, das Spiel ist eher unwichtig. Viel lieber treffen sich verfeindete Ultras, um regelrechte Straßenschlachten zu veranstalten, die dann auch noch stolz gefilmt und im Internet hochgeladen werden. Auf YouTube gibt es hunderte davon. Der russische Spielfilm ‚Okolo Futbola’ (Abseits des Fußballs) verbildlicht das Problem der russischen Hooligans. In dem Film wird dem Zuschauer das Leben eines solchen Hooligans in einer Hooligangruppe vorgestellt. Die Kontraste im Leben des 35-jährigen Jegor sind extrem – unter der Woche Hochschuldozent, am Wochenende Hooligan, der mit seinen Kollegen auf Fans des gegnerischen Vereins einschlägt.

Die andere Sache sind die Kommentatoren, die jede auch noch so kleine Torchance einer russischen Mannschaft regelrecht zelebrieren, sich aber auch nicht selten mit ironischen Kommentaren über die Mannschaft (ohne böse Hintergedanken) lustig machen und dem Zuschauer zeigen, wie niedrig das Niveau des Fußballs ist. Ein Beispiel: „Lokomotive Moskau ist bekannt als Spezialist für lange Bälle, auch wenn es ihnen fast nie gelingt, diese an den Mann zu bringen.“

Ob der russische Fußball auf den grünen Zweig kommt bleibt eine große Frage. Doch Fans und Kommentatoren machen auf jeden Fall Spaß!

Nikolai Boll

——————————————————————————————————————-

In eigener Sache:

russland.NEWS hat die Rubrik russland.community.

In dieser Rubrik geben wir Lesern und Autoren und auch Presseerklärungen über unser Facebook-Diskussionsforum hinaus die Möglichkeit, Kommentare und Artikel bei uns zu veröffentlichen.

Die Kommentare und Artikel müssen nicht zwingend die Meinung der Redaktion von russland.NEWS wiedergeben. russland.NEWS setzt qualitative Ansprüche an die Beiträge und behält sich das Recht auf Kürzungen vor.