Putsch in der Türkei – Alles nur Klamotte?

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AK Rockefeller CC BY-SA 2.0Foto: AK Rockefeller CC BY-SA 2.0
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[Von Michael Barth] – Istanbul/Ankara – Man hielt den Atem an, als Freitagnacht Meldungen von einem Militärputsch in der Türkei die Runde machten. Kriegszustand, Geiselnahmen von Regierungsvertretern, Schüsse und Panzer in der Hauptstadt. Ein Szenario von Blutvergießen und Gewalt, sowie der präsidiale Aufruf zum zivilen Widerstand, das durch die Medien ging. Jetzt werden Stimmen laut, die behaupten, der Putsch wäre inszeniert gewesen – eine Klamotte, ein Theaterstück.

Am Samstagmorgen um halb acht war die Lage in Istanbul und Ankara wieder entspannter. Keine Schüsse waren mehr zu hören, nur ein paar versprengte Türken, die noch von den Demonstrationen während der Nacht übriggeblieben sind, bevölkern die Straßen und Plätze. Die Regierung der Türkei vermeldet, dass der Putsch niedergeschlagen worden sei. Sowieso beharrten offizielle Stellen bis zuletzt darauf, die Situation vollends im Griff zu haben. So recht glauben mochte man es bei den gezeigten Unruhen allerdings nicht.

Jetzt scheint auch noch der türkische Präsident Recep Erdoğan sicher auf dem Atatürk-Airport in Istanbul gelandet zu sein und gehe seinen Amtsgeschäften nach, als wenn nichts vorgefallen sei. Von Anfang an hieß es ja, es wären nur kleine Teile des Militärs gewesen, die den Staatsstreich in die Hand nahmen. Soldaten gegen Soldaten also, die von resoluten Staatsbürgern wieder in rechte Bahnen gelenkt worden seien. Die Bilanz der Nacht jedoch will dem Bild der Revolutionsromantik nicht so recht Folge leisten. 265 Tote, darunter 104 Putschisten, 1.140 Verletzte – darunter Regierungstreue Truppenteile und Zivilisten, die diesen vermeintlichen Umsturzversuch mit ihrem Blut bezahlen mussten.

Aufstand oder Theaterstück?

Am Samstag nach der Eskalation wurden die Zahlen bekannt gegeben, 2.839 Putschisten konnten verhaftet werden, darunter 754 Offiziere. Viele der Soldaten hätten sich den Regierungstreuen freiwillig gestellt. Augenzeugen zufolge sei es allerdings auch zu Misshandlungen der Festgenommenen durch den aufgebrachten Mob gekommen. Von Peitschenhieben ist die Rede, gar von einem Abtrünnigen, dem die Erdoğan-Getreuen kurzerhand die Kehle aufgeschnitten hätten. Acht der Putschisten konnten die Türkei mit einem Militärhubschrauber verlassen und in der nordgriechischen Stadt Alexandroupolis notlanden. Obwohl sie um Asyl in Griechenland ersuchten, werden die Soldaten wohl wieder auf Geheiß der Türkei zurückgeschickt.

Es seien offensichtlich Offiziere der Luftwaffe, der Panzerverbände, sowie der Militärpolizei gewesen, die den Umsturzversuch in die Wege leiteten. Für Ministerpräsident Yıldırım eine „Parallelstruktur“ in den Streitkräften, die versucht hätte, die Macht im Land an sich zu reißen. Auffällig schien, dass unter den Putschisten so gut wie keine ranghöheren Offiziere gesehen wurden. Hauptsächlich traf man Wehrdienstleistende und junge, einfache Soldaten. „Diese armen Jungs haben sich von irgendeinem Leutnant das Gehirn waschen lassen, jetzt stecken sie hier fest“, sagt Generalstabschef Hulusi Akar, der sich unter den Geiseln der Rebellen befand.

Getötete nur Bauernopfer?

Nicht wenige Türken zweifeln an der Version eines ernst gemeinten Putsches. Ihnen schien der Staatsstreich zu dilettantisch, zu weichgespült. Die Bilder von auf Panzer kletternden Demonstranten wirkten für sie aalglatt inszeniert. „Das ist doch alles geplant, und morgen ist der Putsch dann vorbei und er (Erdoğan) führt das Präsidialsystem ein“, wird ein Kellner in einer Hotelbar zitiert. Und tatsächlich wurden auf die Schnelle 2.745 Richter ihres Amts enthoben und Erdoğan kündigte bereits weitere Maßnahmen an: „Dieser Aufstand ist für uns eine Gabe Gottes, denn er liefert uns den Grund, unsere Armee zu säubern.“

Die Stimmen häuften sich in letzter Zeit, dass Erdoğan den Bogen überspannt habe. Man kritisiert seinen unbeirrbaren Weg, der in eine asiatische Willkürherrschaft führen sollte. Er verscherzte es sich nur allzu überheblich und leichtfertig mit der Russischen Förderation und düpierte gleichzeitig die EU-Staaten mit seiner eigenwilligen Flüchtlingspolitik. Hochmütig verwarf er jegliche Kritik an seiner Außenpolitik. Wenn man so will, hat Recep Erdoğan die positive innenpolitische Entwicklung seines Landes im Lauf von nur wenigen Monaten verspielt und das internationale Ansehen der Türkei nicht minder befleckt. Damit hat der Präsident den einstigen islamischen Vorzeigestaat in Kleinasien von heute auf morgen politisch und gesellschaftlich isoliert.

Rundumschlag vor Alleinherrschaft?

Zu guter Letzt bewegte sich Erdoğan im Verlauf der Syrienkrise so sicher und gelenk wie der Elefant im Porzellanladen von einem Fettnäpfchen ins andere. Als Sparringspartner für seine Alleingänge in der Levante hatte er sich keinen Geringeren als den russischen Bären ausgesucht. Das ungleiche Kräftemessen erlebte letztes Jahr seinen blutigen Höhepunkt am untersten Südzipfel der Türkei. Statt sich der Allianz zur Vernichtung des „Islamischen Staats“ unterzuordnen zog es Erdoğan vor, sich lieber an den illegalen Ölgeschäften des Daesh zu beteiligen. Der Präsidentenfamilie spülte das illegale Geschäft dadurch ein Vermögen an privaten Geldern ins Haus.

Bis russische Jagdflugzeuge und Kampfhelikopter eingriffen und dem regen Treiben auf dieser Ameisenstraße des gestohlenen Öls in türkische Richtung ein explosives Ende bereiteten. Diese Luftschläge wurden von Recep Erdoğan mit dem gezielten Abschuss eines russischen SU-24 Kampfjets an der schmalsten Stelle des türkischen Luftraums beantwortet. Angeblich tauchte der Name des damaligen Befehlshabers in den Reihen der Putschisten vom vergangenen Freitag auf. Seitens Russlands wurde seinerzeit die Türkei mit empfindlichen Sanktionen belegt. Das bilaterale Verhältnis war an einem eisigen Nullpunkt angelangt. Erst kürzlich versuchte Erdoğan das Schlimmste zu kitten, als er sich in aller Form beim russischen Präsidenten für den Abschuss entschuldigte.

Und dann waren da noch die Kurden. Seit Anbeginn der 1980-er Jahre leidenschaftlich verfolgt und wegen ihrer Autonomiebestrebungen per se als terroristische Vereinigung kategorisiert. Im Syrienkrieg spielen sie eine dominante Rolle, weil sie dem IS im Norden Syriens stark zusetzen konnten. Für Russland stellen die Kurden eine ernstzunehmende Unterstützung im Kampf gegen den Terror da, Erdoğan sind sie dagegen ein giftiger Dorn im Auge. Da mag es gelegen kommen, dass der IS in der Türkei Anschläge gegen die „Bergtürken“, wie die Kurden von den Türken verächtlich genannt werden, verübte. Zudem ist die den Kurden nahestehende Partei HDP die schärfste Konkurrenz zur Regierungspartei Erdoğans, der muslimisch-konservativen AKP.

Somit ergibt sich eine ziemlich schizophrene Situation für Europa. Merkt das türkische Staatsoberhaupt nun, dass es sich hoffnungslos verzettelt hat? Oder aber handelte Erdoğan schon die ganze Zeit aus Kalkül, um auf dem Höhepunkt der politischen Verwirrung einen fingierten Staatsstreich zu inszenieren, damit er diesen ohne große Anstrengung niederschlagen kann und somit als „Retter“ seines Landes gefeiert wird? Dann ginge aus dem „Thronspiel“ ein mit allen Befugnissen der Willkür ausstaffierter Alleinherrscher hervor. Ob der Putsch, beziehungsweise das vermeintliche Machtspiel, vom Ausland aus angeregt wurde, ist bislang weder auszuschließen, noch wurden derlei Spekulationen entkräftet.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.